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Wiedervereinigung - Die Treuhand entschied über die Köpfe hinweg

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Die Treuhand war in Ostdeutschland nicht nur ein Segen. Der Historiker Marcus Böick nimmt die Rolle der Treuhand in den 90ern unter die Lupe. Und sticht manchmal in ein Wespennest.

Treuhand und Co.
Quelle: ZDF

"Die deutsche Einheit ging man eben typisch deutsch an – technokratisch. Und weil sie nichts kosten durfte hat man gnadenlos privatisiert", sagt Marcus Böick. Wenn der 35-jährige promovierte Historiker auftritt, dann kann es passieren, dass er in ein Wespennest sticht. Dann redet er - wie diesmal im sächsischen Grimma - in Rathaussälen vor dutzenden Zuhörern, die alle ihre persönlichen Geschichten mit der Treuhandgesellschaft damals erlebt haben - und meistens sind es keine guten.

Der Frust bricht wieder auf

"Damals funktionierte die Treuhand auch wie ein Art Blitzableiter", stellt Böick fest. "Der Frust hat sich dort abgeladen und nicht bei der Regierung. Lange hat die Politik gehofft, dass sich das beruhigt, aber es beruhigt sich eben nicht, im Gegenteil, jetzt nach 30 Jahren bricht es eher wieder auf", fasst Böick seine Beobachtungen zusammen.

Kein Wunder. Von den ehemals vier Millionen Arbeitsplätzen, die die Treuhand übernahm, waren am Ende ihrer Tätigkeit drei Millionen ganz einfach nicht mehr da. Und was von den Betrieben übrig geblieben war, gehörte plötzlich mehrheitlich westdeutschen Investoren. Und jeder hier im Saal in Grimma kennt Geschichten von den Neueigentümern, die mit den Ost-Betrieben nur einen Konkurrenten vom Markt wegkauften und ihn dann pleite gehen ließen.

"Man hoffte auf ein neues Wirtschaftswunder"

Böick bewertet die Arbeit der Treuhand grundsätzlich positiv, auch wenn er teilweise Inkompetenz, Korruption, Kriminalität und einen größeren Graubereich einräumt. Und die Entscheidung für die Treuhand sei damals auch nicht die einzige Möglichkeit gewesen. "Als Historiker muss ich sagen: Natürlich hätte es damals Alternativen zur Privatisierung gegeben", resümiert Böick: "Genossenschaften, Belegschaftsbeteiligungen, staatliche Holdings, Subventionen oder ein Ministerium, das einen geordneten Übergang finanziert. Aber das entsprach damals nicht dem marktliberalen Zeitgeist. Man setzte einfach auf Privatisierungen - und hoffte auf ein neues Wirtschaftswunder."

Böick hat mit seinem Projekt eine Mammutaufgabe auf den Weg gebracht. Auf 70 Kilometer Länge reihen sich die Akten der Treuhand im Bundesarchiv aneinander. Das ist mehr als doppelt so viel, wie zur gesamten Zeit des Nationalsozialismus vorliegt. Doch es soll aufgearbeitet werden – nicht nur, weil das Publikum in Grimma formlich danach dürstet. Die Menschen, die hier zusammenkommen, wollen zuhören und verstehen – aber auch reden. Nicht nur über die Treuhand, sondern über das Lebensgefühl, das auch die Treuhand damals im Osten prägte. Eine ehemalige Lehrerin meldet sich und berichtet, wie es war, damals, als sie plötzlich einen Schulleiter vorgesetzt bekam, der zwar vorher Chorleiter war, der aber keine fachliche Ausbildung gehabt habe.

Hartnäckiges Gefühl der Zweitklassigkeit

"Waren wir wirklich so dumm", fragen viele in Grimma immer noch fassungslos angesichts der Tatsache, dass damals Ostdeutsche als Chefs der verschlankten Firmen nicht in Frage kamen. Bei nicht wenigen in Grimma bebt auch heute noch die Stimme. Vielleicht wurde wirklich noch nicht umfassend verstanden, wie tief die Wunden gerissen wurden, damals vor 30 Jahren. Wie hartnäckig das Gefühl der Zweitklassigkeit an der Seele einer ganzen Generation nagt – die dieses Gefühl auch an die Nachkommen weitergegeben hat. Umfragen in Sachsen zum Beispiel zeigen, dass sich ostdeutsche bis heute mehrheitlich als Bürger zweiter Klasse fühlen. Ein Befund, der sich durch alle Alters- und Bildungsschichten zieht.

So fällt auch Böicks Fazit nüchtern aus, und das, obwohl er in seinen Forschungen, die demnächst als Buch erscheinen, durchaus auch auf Treuhand-Erfolgsgeschichten gestoßen ist. "Trotzdem muss man feststellen, dass die Transformation damals viel größere Reibungsverluste mit sich brachte, als vorgesehen. Reibungsverluste, die mit enormen Kosten verbunden waren, sozioökonomisch und auch kulturell. Kosten zum Beispiel, die durch die hohe Arbeitslosigkeit entstanden, die ja finanziert werden musste. Im Grunde kann man sagen, dass die Sozialkassen die Fehler, die die Treuhandpolitik verursachte, finanzieren mussten."

Über die Köpfe der Menschen hinweg

Schwer wiegt für ihn als Historiker aber, was die Treuhandpolitik, die wegen geschlossener Akten drei Jahrzehnte lang nur spärlich erforscht wurde, für das Selbstverständnis der Deutschen, für das kollektive Gedächtnis bedeutet. "Die Treuhand stand für das Gefühl, dass etwas über die Köpfe hinweg entschieden wurde. Man darf das nicht abtun, man muss es zurückholen in die Wissenschaft. Und es ist kein Ossi-Thema – es geht uns alle an."

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