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"Die Situation bleibt gefährlich"

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Westbalkan-Gipfel in Berlin - "Die Situation bleibt gefährlich"

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Auf dem westlichen Balkan flammen die alten Konflikte neu auf. Heute kommen Staatschefs von dort nach Berlin. Ein "extrem wichtiges" Treffen, sagt Politikwissenschaftler Masala.

Der Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo droht wieder zu eskalieren. "Die Situation bleibt gefährlich", sagt Professor Carlo Masala vor dem Aufeinandertreffen beider Präsidenten in Berlin.

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heute.de: Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron haben ihre Kollegen aus den Westbalkan-Staaten nach Berlin eingeladen. Wie wichtig ist dieses Treffen?

Carlo Masala: Es ist extrem wichtig. Zum einen, weil es hier um die unmittelbare Nachbarschaft der Europäischen Union geht, wo nationalistische und ethnische Konflikte gerade wieder hochkochen. Und zum anderen, weil es eine Region ist, wo mit Russland und China zwei potenzielle Gegner der Europäischen Union versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

heute.de: Haben die Konflikte eine gemeinsame Ursache?

Masala: Sie haben jeweils spezifische Ursachen, aber gemeinsam ist allen, dass es nationalistische Konflikte sind. Konflikte verschiedener Ethnien, die um ihre Machtansprüche in dieser Gegend kämpfen.

Eines der Grundprobleme ist die Situation in Bosnien-Herzegowina, wo die internationale Gemeinschaft seit dem Dayton-Abkommen von 1995 versucht, Serben, Kroaten und bosnische Muslime zum Zusammenleben zu zwingen. Die Ethnien wollen aber gar nicht zusammenleben, sondern streben eigentlich auseinander und wollen autonome Einheiten sein. Das ist einer der Grundkonflikte auf dem Westbalkan.

heute.de: Könnte ein Beitritt zur EU, wie er auf lange Sicht in Aussicht steht, die Region befrieden?

Masala: Nein. Ein Beitritt zur EU könnte vielleicht eine Lösung abfedern, die vorher gefunden werden muss. Aber die grundsätzliche Problematik, dass auf dem Balkan der Nationalismus zu Konflikten führt, wird durch einen Beitritt in die EU nicht gelöst und nicht abgemildert.

heute.de: Wie gefährlich ist die aktuelle Zuspitzung des Konflikts zwischen Serbien und dem Kosovo?

Masala: Es ist nicht auszuschließen, dass der serbisch-kosovarische Konflikt wieder aufflammt, wenn zum Beispiel die multinationale Friedenstruppe KFOR aus dem Kosovo komplett abziehen würde. Die Territorialstreitigkeiten hätten sofort zur Folge, dass sich Russland als Protektor der Serben in diesen Konflikt einmischen würde. Und dass diesmal möglicherweise auch Albanien als Schutzmacht der Kosovo-Albaner eine aktivere Rolle einnehmen würde. Die Situation bleibt gespannt und gefährlich.

KFOR-Soldaten, aufgenommen am 30.06.2011 in Serbien
Die Friedenstruppe KFOR ist seit 20 Jahren im Kosovo.
Quelle: dpa

heute.de: Die KFOR steht jetzt bereits seit 20 Jahren im Kosovo. Ist ihr Einsatz gescheitert?

Masala: Nein, denn der KFOR-Einsatz verhindert ja gerade, dass dieser Konflikt nicht schon längst wieder ausgebrochen ist. Es ist die Präsenz der an der KFOR beteiligten Staaten, aber vor allem die Präsenz der USA, die dafür sorgen, dass es nicht zu einem militärischen Konflikt kommt.

heute.de: Warum ist der Balkan für die Großmächte so interessant?

Masala: Es sind unterschiedliche Motive. Für die Russen ist der Balkan interessant, um eine Destabilisierung an der Grenze der EU zu erreichen. Sie versuchen, wie schon in der Ukraine oder in Georgien, ihr Einflussgebiet noch stärker auszuweiten. Und hier spielt Serbien natürlich eine Schlüsselrolle.

Für die Chinesen ist der Balkan aus ökonomischen Gründen interessant. Sie wollen die Westbalkan-Staaten in eine Verschuldungsfalle bringen, aus der diese nicht wieder rauskommen. So möchte China politischen Einfluss direkt vor der Haustür der EU generieren.

heute.de: Was ist von dem Treffen zu erwarten, zu dem Merkel und Macron die Westbalkan-Staaten eingeladen haben?

Masala: Zu erwarten ist, dass die zwei wichtigsten EU-Staaten, Deutschland und Frankreich, ein Signal an die Gesellschaften im Westbalkan senden, dass die Tür zur EU weiter offen bleibt. Das ist für die pro-europäischen Kräfte bedeutsam, die auf dem Westbalkan gerade darum kämpfen, die EU-Perspektive aufrechtzuerhalten.

Das Interview führte Ralph Goldmann

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