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Wahlergebnisse der Jungen - "Es wird zu Enttäuschungen kommen"

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Vor allem junge Menschen haben die Grünen gewählt. Der Politologe Niedermayer erklärt das mit der Klimadebatte - und dem Rezo-Effekt.

Wahlkämpfer des Bündnis 90/Die Grünen
Für sie war die Europawahl ein Erfolg: Junge Grünen- Wahlkämpfer
Quelle: dpa

heute.de: Die Wahlergebnisse deuten auf eine Kluft zwischen den Generationen hin. Ist das eine schlechte Nachricht?

Oskar Niedermayer: Zunächst haben die Europawahlen eine gute Nachricht. Offenbar konnten junge Wähler stärker mobilisiert werden. Die Jugend interessiert sich wieder für Politik. Das ist schön! Die schlechte Nachricht ist: Die Forderungen der Jugend zum Klimaschutz wird die Politik nicht schnell und radikal genug erfüllen können. Es wird zu Enttäuschungen kommen - auch wenn Politiker versuchen, nun krampfhaft jünger, progressiver und umweltbewusster zu werden.

"Wen wählten die unter 30-Jährigen?"
"Wen wählten die unter 30-Jährigen?"

heute.de: Ist es für eine Demokratie nicht problematisch, wenn Junge und Alte sich entfremden?

Niedermayer: Eine Demokratie hält das aus. Es ist nichts Neues, dass Alte und Junge anders abstimmen. Die beiden sogenannten Volksparteien haben schon seit langer Zeit bei den über 60-Jährigen überdurchschnittlich hohe Wahlergebnisse - und bei den Jungen deutlich geringere. Dieser Trend hat sich nun bei der Europawahl verschärft.

heute.de: Worauf führen Sie diese Verschärfung zurück?

Niedermayer: Das hat mit der Klima-Debatte zu tun. Die Jugendlichen haben bei den "Friday for Future"-Demonstrationen gezeigt, wie wichtig ihnen dieses Thema ist. Sie fühlen sich von Union und SPD weder gehört noch verstanden. Hinzu kommt der Rezo-Effekt: Der Youtuber hat die Parteien regelrecht vorgeführt. Sie waren vollkommen überfordert, auf das Video zu reagieren. Sie haben dann viel zu spät und völlig unangemessen reagiert. Gerade in der letzten Woche dürfte bei den Jugendlichen eine enorme Mobilisierung stattgefunden haben.

In einem fast eine Stunde langen Video nimmt YouTuber „Rezo“ die Politik der CDU auseinander. Die Generalabrechnung mit der Regierungspartei wurde bislang über zwölf Millionen mal aufgerufen. Die CDU hält dagegen und will antworten.

Beitragslänge:
3 min
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heute.de: Warum trauen die Wähler der Union und der SPD keine Klima-Kompetenz zu?

Niedermayer: Die Klimafrage bildet schon seit jeher den Markenkern der Grünen. Sie stehen am glaubwürdigsten für den Umweltschutz. Die SPD hat ihren Markenkern in sozialen Fragen, die Union in Wirtschaftsfragen. Nun profitieren die Grünen von der Klima-Diskussion. Und sie haben den Vorteil, dass sie in der Opposition sind und viel versprechen können, ohne liefern zu müssen.

heute.de: Das könnte noch zum Problem werden.

Niedermayer: Für die Grünen nur, wenn sie in der Regierung wären. Aber den Regierungsparteien wird der Vorwurf gemacht: Sie haben mehr versprochen als konkret umgesetzt. Aber auch wenn die Zeit drängt, brauchen manche Dinge eben auch Zeit, wenn man die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut bringen will.

heute.de: Zum Beispiel?

Niedermayer: Die Jugendlichen von "Fridays for Future" fordern einen deutlich schnelleren Kohleausstieg. Das ist aber nicht so einfach. Deutschland ist von verschiedenen Energieträgern abhängig. Da hängen zehntausende Arbeitsplätze dran, die kann man nicht einfach wegwischen.

heute.de: Auch die Satire-Partei "Die Partei" hat bei jungen Wählern überdurchschnittlich gut abgeschnitten.

Niedermayer: Mich beunruhigt das. Wahlen sind kein Blödsinn, das sollte man ernsthaft betreiben. Auch wenn man sagen muss, dass bei "Die Partei" manchmal durchaus ein linkes politisches Grundverständnis durchscheint.

heute.de: Wer hätte am ehesten das Potential, Rezo zu kontern? Juso-Chef Kevin Kühnert?

Niedermayer: Die SPD wäre schlecht beraten, wenn sie inhaltlich zu sehr auf Kevin Kühnert hören würde. Wahlen gewinnt die SPD nicht linksaußen, sondern links der Mitte. Aber die SPD und die Union brauchen Leute, die mit der Jugend in ihrer Sprache kommunizieren können.

heute.de: Was wäre eine kluge Reaktion auf das Rezo-Video gewesen?

Niedermayer: SPD und Union hätten sich sofort bei Rezo melden und sagen sollen: Wir kommen bei dir vorbei und dann diskutieren wir über deine Punkte - und die Diskussion stellst du live ins Netz. Dann hätte man gesehen, ob er überhaupt an einer inhaltlichen Diskussion interessiert ist. Erst wie die CDU schweigen, dann ein Video ankündigen, dieses aber kassieren und stattdessen einen offenen Brief schreiben - das überzeugt niemanden.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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