Zum 100. Mal: In Bayern wird ausgeteilt

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Politischer Aschermittwoch - Zum 100. Mal: In Bayern wird ausgeteilt

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Alle Jahre wieder - und heuer das 100. Jubiläum: der politische Aschermittwoch, der Höhepunkt der Häme, des Austeilens und des derben Schlagabtauschs.

Markus Söder
Markus Söder
Quelle: dpa

Die Höhle des Löwen, des bayerischen zumindest, ist zweifellos die Passauer Dreiländerhalle. Von überall sind sie hierher gepilgert. Zur "Walhalla der bayerischen Politik", wie Markus Söder diese Veranstaltung einmal nannte. Schon morgens um 8.30 Uhr strömen die Mitglieder aus den Ortsverbänden in den Saal, sichern sich ihre Plätze. Am "größten Stammtisch der Welt" kommen jedes Jahr bis zu 7.000 Teilnehmer zusammen.

Strauß macht politischen Aschermittwoch zum Kult

Und irgendwie ist der heutige Tag auch ein ganz besonderer. Denn seit exakt 100 Jahren zieht der politische Aschermittwoch die Menschen in ihren Bann. Doch es ist nicht etwa die CSU, die dieses politische Spektakel erfunden hat. Tatsächlich steht die Wiege in Vilshofen, wo seit Jahrhunderten auf dem größten niederbayerischen Vieh- und Rossmarkt gehandelt, gefeilscht und geschimpft wird. Dort ruft am 5. März 1919 der Bayerische Bauernbund zu einer "Großen Volksversammlung" und heizt die Stimmung bei den Bauern an. Erst viele Jahre später, 1953, entdeckt die CSU, genauer ein junger Politiker namens Franz Josef Strauß diesen Tag für sich. Und hat 35 Mal (!) den politischen Aschermittwoch bestritten. Mit seinen legendären verbalen Attacken macht er ihn zu dem, was er für viele auch heute noch ist: Kult.

Den Reiz von Bierdunst, krachledernem Gepolter und dem Rausch der Sinne machen sich auch alle anderen Parteien zu eigen. Längst wird auch in anderen Bundesländern nach Herzenslust über den politischen Gegner hergezogen. Regional- und Spitzenpolitiker aller Couleur teilen landauf, landab aus.

Mia san mia

Zurück in die Dreiländerhalle. 10 Uhr. Zum Bayerischen Defiliermarsch ziehen sie ein, die Granden der CSU: Allen voran Ministerpräsident Markus Söder mit seiner Frau Karin, daneben Manfred Weber, der EVP-Spitzenkandidat für die Europawahl, gefolgt von Markus Blume, dem Generalsekretär der CSU. Außer den bayerischen CSU-Anhängern und Sympathisanten aus ganz Deutschland ist jede Menge Politprominenz vor Ort: von Edmund Stoiber bis Erwin Huber, die gesamte bayerische CSU-Ministerriege. Und Paul Ziemiak, Generalsekretär der CDU. Markus Söder, ganz leger im Dreitagebart, wirkt entspannt.

(...) der Tag, an dem Politik gemacht wird für Politikbegeisterte.
Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister

Die CSU will sich reformieren und jünger, weiblicher, moderner werden, hat der Ministerpräsident erst jüngst gesagt, und mit seinem ihm eigenen Lächeln davon gesprochen, dass die CSU wieder "auf die helle Seite der Macht" kommen müsse. Hier auf der Passauer Bühne ist davon allerdings wenig zu spüren. Das Podium ist fast nur mit männlichen Rednern besetzt. Den Reigen eröffnet Andreas Scheuer, der Bundesverkehrsminister, ein Passauer Gewächs und quasi der Hausherr der Veranstaltung. Er schwört die Menge auf die Veranstaltung ein. Der politische Aschermittwoch sei schließlich "der Tag, an dem Politik gemacht wird für Politikbegeisterte, für Euch." Und stellt gleich klar: "Söder macht Zukunft, vielen Dank, Markus!"

Männerclub statt Frauenpower

Mit den Worten: "Des is a richtig guate" wird die einzige Rednerin an diesem Tag angekündigt. Evi Buhmann darf als stellvertretende Stadtratsfraktionsvorsitzende die politische Prominenz und die Gäste willkommen heißen. Die Begeisterung für ihre Rhetorik hält sich in Grenzen.

Was sagt eigentlich die CSU-Vizechefin und Vorsitzende der Frauen-Union Bayern, Angelika Niebler, zu dieser Männerriege? Im Vorfeld äußerte sie sich dazu in einem Hörfunk-Interview: "Das ist gegeben durch die Umstände - wen wollen Sie denn ersetzen?" Dass der Parteichef spreche, verstehe sich schließlich von selbst, "gleiches gilt für den Generalsekretär". Auch Weber sei nun mal ein Mann und als Spitzenkandidat bei der Europawahl als Redner gesetzt.

Bayern, Deutschland, Europa

Die Veranstaltung steht ganz im Zeichen Europas. Im Zeichen der Europawahl. Und die steht im Mai, in rund zwölf Wochen ins Haus. Und deshalb ist die Stimmung hier ganz besonders. Oder wie es Ulli Bachmaier, Vorsitzender der Landtagspresse und Korrespondent der "Augsburger Zeitung" sagt: "Diesmal, vor den Wahlen in Europa, da muss Schwung in die Bude, schaun mer mal, ob das gelingt. Denn die Menschen achten hier sehr genau auf das, was gesagt wird, ob das Hand und Fuß hat."

Flammender Appell für Europa

Heute ist Passau nicht nur Deutschlands größter Stammtisch, sondern Europas größter Stammtisch.
Manfred Weber, Spitzenkandidat der EVP

Wer sollte den europäischen Geist hier besser beschwören können als Manfred Weber. Er ist nicht nur Spitzenkandidat von CSU und CDU, sondern auch der gesamten konservativen Europäischen Volkspartei. Damit sein persönlicher Traum, EU-Kommissionspräsident zu werden, Realität wird, dafür braucht es ein optimales Wahlergebnis. Ein ganzer Tross von Journalisten aus Brüssel ist heute in Passau. Die Reden werden sogar erstmals simultan ins Englische übersetzt. Und Manfred Weber betont gleich am Anfang seiner Rede, wie stolz er darauf ist. "Heute ist Passau nicht nur Deutschlands größter Stammtisch, sondern Europas größter Stammtisch."

Wohlstand ist ohne Europa nicht denkbar.
Manfred Weber, Spitzenkandidat der EVP

Seine Rede wird zum flammenden Appell für Europa. Er wird nicht müde zu betonen, was Deutschland Europa zu verdanken habe: "Wohlstand ist ohne Europa nicht denkbar." Aber nicht nur für Wohlstand, sondern auch für Freiheit auf dem gesamten Kontinent stehe Europa. Und auch dafür, dass wir seit 60 Jahren in Frieden leben dürften. Doch Gewitter zögen auf, die EU werde bedroht von Nationalisten. Ein ganzes Paket an Maßnahmen hat er geschnürt in den Bereichen Migration, Wirtschaftsfragen und digitalen Welten, um "die Welt zu einem besseren Platz zu machen, das schaffen wir als Europäer." Manfred Weber wirkt zunehmend gelöster, und mit einem Zitat von Franz Josef Strauß kommt er zum Ende seiner rund dreiviertelstündigen Rede: "Bayern: meine Heimat, Deutschland: mein Vaterland, Europa: meine Zukunft." Ein Satz, den auch Seehofer und Co. gerne aus dem Phrasen-Repertoire holen. Das Publikum im Saal feiert ihren Spitzenkandidaten. Minutenlang stehende Ovationen - ein Bayer für Europa.

Söder zielt ab auf AfD-Wähler

Und endlich: der bayerische Ministerpräsident. Die Erwartungen hier in der Dreiländerhalle sind geteilt. Wird Markus Söder seine gefürchtete Zunge wetzen und sich hier bewähren? Als der richtige Mann zur richtigen Zeit? Oder ist doch eine gehörige Portion Kreide verzehrt worden? Geht's nach den Leuten im Saal, dann wollen viele, dass Söder klare Kante zeigt.

Lasst die Nazis in der AfD alleine.
Markus Söder, Ministerpräsident Bayern

Abgewatscht sollen vor allem die AfD und die Grünen werden, die SPD - langjähriger Lieblingsgegner - hat ausgedient. "Wer will denn schon auf einen zielen, der im Keller sitzt", so die landläufige Meinung. Tatsächlich attackiert Markus Söder scharf die AfD: "Lasst die Nazis in der AfD alleine." Eine gute Zusammenarbeit mit der CDU beim Thema Zuwanderung verspricht er, "ein neues Kapitel AKK und ich, mit uns wird sich 2015 und der ganze Streit nicht wiederholen."

Integration, IS-Kämpfer und die Grünen

Anhaltenden Beifall gibt es auch für seine Einlassungen zur Integration. "Integration so viel wie möglich und Abschiebung dort, wo nötig." Wer Straftaten begehe, müsse unser Land rasch, schnell und konsequent verlassen. Und zu zurückkehrenden IS-Kämpfern meint Söder: "Wer sich dieser Ideologie angeschlossen hat, kann nicht mehr in Anspruch nehmen, deutscher Staatsbürger zu sein."

Und schließlich geht's gegen die Grünen. Zu Habeck, dem Wanderprediger in Sachen Demokratie. 60 Minuten Markus Söder pur. Die Menschen im Saal reißt es von den Stühlen. Zum Abschluss des politischen Aschermittwochs wird gemeinsam gesungen. Die Bayernhymne, die deutsche Nationalhymne und die Europahymne. Ja, und dann ist es vorbei. Ein paar Selfies noch, ein paar Autogramme - und dann geht’s in den Bus wieder nach Hause. Gestärkt, motiviert und euphorisch. Was will man mehr an so einem Tag.

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