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Russisches Großmanöver "Sapad" - "Viel Propaganda und Nebelkerzenwerfen"

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Russland und Weißrussland beginnen heute das große Militärmanöver "Sapad". Damit schürt Moskau Ängste in Polen und im Baltikum. Im heute.de-Interview spricht der Politologe Carlo Masala über Putins Strategie, eine harte Konfrontation mit der NATO und Wladimir Putin als "machtpolitisch aggressiven Spieler".

Russland beginnt ein großangelegtes russisch-weißrussisches Manöver nahe der Grenze zu den Nato-Staaten Polen, Litauen, Lettland und Estland. Das Misstrauen in der Region wächst auf beiden Seiten zunehmend. Die ehemaligen Sowjetrepubliken fürchten sich …

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heute.de: Bei dem Großmanöver "Sapad" (der Westen) in Weißrussland spielen russische und weißrussische Streitkräfte einen Konflikt mit der NATO durch. Die Übung löst im Baltikum und Polen Furcht vor einer möglichen Invasion aus. Für wie realistisch halten Sie solch eine Gefahr?

Carlo Masala: Im Rahmen dieses Manövers halte ich ein solches Szenario für höchst unwahrscheinlich. Die NATO hat in Polen und in den baltischen Staaten vier Bataillone stationiert. Damit ist dort eine Art Stolperdraht entstanden. Das heißt: Wenn die russische Föderation in einen dieser Staaten einmarschieren würde, gäbe es eine direkte Konfrontation mit der NATO und insbesondere mit den USA. Daran hat Russland keinerlei Interesse.

heute.de: Vor allem die Präsenz des US-Militärs wirkt also abschreckend?

Masala: Ja, denn wenn nur europäische Staaten die NATO-Bataillone stellen würden, wäre der Abschreckungseffekt nicht so groß. Mit den US-Soldaten hat die NATO aber eine Nuklearmacht repräsentiert, und jede Aggression Russlands würde den Konflikt gleich auf eine ganz andere Ebene heben.

heute.de: Dennoch herrschen Nervosität und Misstrauen. Offiziell nehmen an "Sapad" rund 13.000 Soldaten teil. Die NATO dagegen geht von deutlich höheren Zahlen aus - die Rede war von bis zu 100.000 Mann. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Masala: Die 13.000 Soldaten beruhen auf russischen Angaben - in diesem Rahmen ist das Manöver regelkonform zur Wiener Konvention. Die bis zu 100.000 Soldaten beruhen auf der NATO-Auswertung von Satellitenbildern und der Bewegung von Truppenteilen, von denen man vermutet, dass sie Teil dieses Großmanövers sind. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die Russen auch Truppen bewegen, die gar nicht Teil des Manövers sein werden - nur um den Westen in Angst und Schrecken zu versetzen. Möglicherweise setzt aber auch die NATO die Zahlen bewusst zu hoch an. Auf beiden Seiten ist viel Propaganda und Nebelkerzenwerfen im Spiel. Das verdeutlicht die große Sensibilität und Nervosität hier wie dort.

heute.de: Warum ist die Nervosität so groß?

Masala: Wir erleben eine immer schärfer werdende machtpolitische Auseinandersetzung zwischen der NATO und der Russischen Föderation. Die Akteure konkurrieren aber nicht auf Augenhöhe: Die NATO-Allianz verfügt über ungleich stärkere Mittel und bessere Streitkräfte als die Russische Föderation. Diese wiederum geht rücksichtslos und waghalsig vor, gestützt auf die Annahme, dass sich der Westen im Verteidigungsfall vor harten Maßnahmen scheuen würde. Deshalb provozieren die Russen immer mehr. Putin ist ein machtpolitisch aggressiver Spieler.

heute.de: Es gibt Sorgen, dass Russland nach dem Manöver nicht alle Soldaten abzieht. Welchen Sinn hätte das aus russischer Sicht?

Masala: Es ist ein durchaus realistisches Szenario, weil es Putins Politik des Herzeigens der militärischen Macht entsprechen würde.

heute.de: Polen und die baltischen Staaten erinnern in dem Zusammenhang daran, dass 2014 nach einer Militärübung Russlands verdeckte russische Kräfte in die Ukraine einmarschiert sind …

Masala: In Polen und im Baltikum halte ich das zum gegenwärtigen Zeitpunkt für ausgeschlossen. Im Gegensatz zur Ukraine können sich die NATO-Staaten Polen, Litauen, Lettland und Estland auf Artikel 5 des Nordatlantikvertrags berufen, wonach ein Angriff auf ein NATO-Mitglied als Aggression gegenüber dem gesamten Bündnis verstanden wird und alle verpflichtet sind, militärischen Beistand zu leisten. Die Ukraine hatte diesen Schutzschirm nicht.

heute.de: Woraus speist sich dann die Furcht an der NATO-Ostflanke?

Masala: Russland hat ein reges Interesse daran, das angrenzende NATO-Vorfeld zu destabilisieren, wenn die Situation es ermöglicht. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass Russland auf der Klaviatur der hybriden Kriegsführung spielen würde, wenn es in den baltischen Staaten größere Spannungen geben sollte zwischen der russischsprachigen Minderheit und der Bevölkerungsmehrheit.

heute.de: Der russische General Waleri Gerassimow hat 2013 öffentlich davon gesprochen, dass sich das russische Militär Methoden von Guerilla-Kämpfern aneignen solle. Hat Gerassimow die Kriegsführung Russlands neu erfunden?

Masala: Gerassimow hat nicht gesagt, dass der Guerilla-Kampf die einzige Art der russischen Kriegsführung sein soll. Er sagt aber, dass Konflikte, die als soziale Konflikte beginnen, im Sinne Russlands durch verdeckte Maßnahmen beeinflusst werden können. In seiner Analyse kommt Gerassimow zu dem Schluss, dass der Westen bei einer ganzen Reihe von Revolutionen im Umfeld Russlands hybride Kriegsführung betrieben habe, indem er anfänglich soziale Bewegungen monetär und politisch beratend unterstützt habe, und dann auch durch Militärhilfe. Dieses Szenario nimmt Gerassimow als neuen Standard für Russlands Streitkräfte, um gewissermaßen nicht hinterherzuhinken. Die Ukraine war der erste Testfall.
Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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