Sie sind hier:

Flüchtlingspolitik - "Klare Kante der CSU ist überfällig"

Datum:

Der "Kampf der Kulturen" hat Deutschland erreicht, so Politologe Heinz Theisen. Flüchtlinge sollten mehr gefordert werden, sagt er im heute.de-Interview. Den Kurs der CSU lobt er.

Flüchtlinge in Italien

heute.de: Vor 22 Jahren sorgte das Buch "Kampf der Kulturen" von Samuel Huntington für Aufsehen. Sind Sie ein Huntington-Schüler?

Heinz Theisen: Das ginge zu weit, weil ich ihn nicht persönlich gekannt habe. Aber ich gehöre zu den wenigen Politikwissenschaftlern, die seine Analyse bis heute für zutreffend halten. Wären seine Analysen ernster genommen worden, wären uns die Interventionskriege des Westens im Nahen Osten erspart geblieben. Huntington hat den Westen zur Selbstbegrenzung nach außen und zur Selbstbehauptung nach innen aufgefordert. Mit den Interventionen und den offenen Grenzen Europas ist das genaue Gegenteil geschehen.

heute.de: Worin besteht jetzt der "Kampf der Kulturen"?

Theisen: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist ein geistiges Vakuum entstanden. Statt des Kampfes um Ideologien gewannen die Unterschiede der kulturellen Identitäten an Bedeutung. Die Werteordnungen der Kulturen sind sehr unterschiedlich. In ihrem Kern sind westliche Gesellschaften säkular und liberal, für sie stehen die Rechte des einzelnen Menschen im Vordergrund. Jedenfalls der Scharia-Islam versteht Religion und Politik als Einheit.

heute.de: Geht es denn wirklich um einen "Kampf der Kulturen" - oder nicht einfach um Macht?

Theisen: Machtkämpfe unter Menschen und ihren Gruppen gibt es immer und überall. Entscheidend ist, womit diese legitimiert werden. Für die Interessen von reichen Machthabern wird kein Armer bereit sein zu sterben. Man muss ihm schon eine über sich selbst hinausweisende Idee anbieten. Eine bessere Kampfmotivation als den Märtyrertod hätte sich niemand ausdenken können. Auf diese Weise wird der Kampf gegen die Ungläubigen mit dem Versprechen auf unmittelbare Beute oder auf das Paradies verbunden.

heute.de: Spielen Sie auf den Tunesier an, der kürzlich verhaftet wurde - weil er einen riesigen Giftbestand aufbauen wollte?

Theisen: Wie soll man das anders als mit dem Hass gegen unsere Kultur erklären? Politisch und ökonomisch ging es ihm in seiner Kölner Wohnung natürlich besser als in Tunesien.

heute.de: Viele Ihrer Kollegen lehnen Huntingtons Thesen ab. Wo irrt er?

Theisen: Huntington ging von einer gewissen Zwangsläufigkeit aus: So und so wird es passieren, Punkt. Das stimmt nur unter der Voraussetzung, dass die Prognosen nicht zum Gegensteuern überleiten und sich darüber selbst zerstören. Kulturen sind veränderbar. Aber nur unter der Voraussetzung, dass sie zuvor erstgenommen werden.

heute.de: Was bedeutet der "Kampf der Kulturen" übersetzt in der heutigen Flüchtlingsdiskussion?

Theisen: Wir müssen unterscheiden zumindest zwischen Flüchtlingen vor dem Islamismus und den Hauptverursachern ihrer Flucht, den Islamisten. Auf Dauer muss auch zwischen Migration und Flucht unterschieden werden. Und für beides bräuchten wir Grenzen.

heute.de: Kuscht der Staat zu sehr?

In Deutschland verlangen wir nicht genügend Gegenseitigkeit. Integration heißt nicht nur fördern, sondern auch fordern.
Heinz Theisen, Politologe

Theisen: In Deutschland verlangen wir nicht genügend Gegenseitigkeit. Integration heißt nicht nur fördern, sondern auch fordern. Jeder Mensch hat Rechte, aber auch Pflichten. Flüchtlinge werden oft nur als passive Opfer und Objekte der Fürsorge gesehen. Damit machen wir die Flüchtlinge kleiner als sie sind. Dabei sind das mutige Subjekte, die einiges hinter sich haben - sonst wäre ihnen die Flucht nach Europa ja gar nicht gelungen.

heute.de: Ihre Studierenden arbeiten oft parallel zum Studium in der Flüchtlingsarbeit. Welche Berichte empören Sie?

Theisen: Nur ein Beispiel: Manche muslimischen Flüchtlinge verweigern den Studentinnen den Handschlag.

heute.de: Man könnte sagen: In einer liberalen Welt ist niemand gezwungen, einem die Hand zu geben.

Theisen: Es geht ja um den gegenseitigen Respekt, der durch den Handschlag gezeigt werden soll. Toleranz und Respekt müssen gegenseitig gelten.

heute.de: Gibt es außer dem verweigerten Handschlag keine Probleme?

Theisen: Die Integrationserfolge auf dem Arbeitsmarkt sind bisher zu gering. Auch hier muss mehr Gegenseitigkeit gefordert werden. Die wünschenswerte Partizipation bedeutet zweierlei: Teilhabe und Teilnahme. Und vor allem ist die zum Teil kulturbedingte Gewalt von manchen jungen Männern nicht hinnehmbar.

heute.de: Die AfD könnte Sie demnächst zitieren.

Theisen: Die Demokratie wird beschädigt, wenn kritische Stimmen sofort diffamiert werden und so keine offenen Diskurse über die Grenzen der Offenheit mehr möglich sind. Es geht im Kulturkampf um die Bewahrung unserer Offenheit und Freiheit. Wenn sich die liberal-demokratischen Kräfte endlich dieser Aufgabe stellen, brauchen wir keine AfD. Ich könnte diese Partei nicht wählen, weil sie an ihren Rändern regressive nationalistische Kräfte sammelt. 

heute.de: Vielleicht zitiert Sie demnächst auch die CSU.

Ich finde es überfällig, dass die CSU klare Kante gegen die Kanzlerin zeigt.
Heinz Theisen

Theisen: Ich finde es überfällig, dass die CSU klare Kante gegen die Kanzlerin zeigt. Sie fordert doch keinen Aufnahmestopp, sondern nur mehr Kontrolle. Eine deutsche und eine europäische Lösung schließen sich nicht aus, sondern bedingen einander.

heute.de: Für jemanden, der an einer katholischen Hochschule lehrt, klingen Sie aber nicht besonders christlich.

Theisen: In der Bibel steht: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Wir dürfen nicht naiv sein und uns selbst aufgeben. Mit einer Gesinnungsethik, die nicht über Folgen und Möglichkeiten nachdenkt, ist auf Dauer auch nicht den Menschen gedient, die bei uns Hilfe suchen. Denn irgendwann wären wir gar nicht mehr in der Lage zu helfen.

heute.de: Sie klingen pessimistisch. Stimmt Sie auch etwas optimistisch?

Theisen: Meine Hoffnung gilt den vielen muslimischen Studierenden, die ich im Nahen Osten und in Deutschland kenne, die lieber heute als morgen von der totalitären zu einer differenzierten Form der Religionsausübung konvertieren würden. Wir erleben den Kulturkampf ja auch innerhalb der islamischen Welt - dort zwischen Islamisierung und Individualisierung. Es sollte keine Frage sein, auf welcher Seite wir stehen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.