Sie sind hier:

Bertelsmann-Studie - Kampf dem Populismus - nur wie?

Datum:

Die gute Nachricht: 70 Prozent lehnen Populismus ab. Die schlechte: 30 Prozent nicht - Tendenz steigend. Das geht aus einer Studie hervor. Die Demokratie sei aber nicht in Gefahr.

Demonstranten mit Schildern auf einer Pegida-Demo
"Ungleichheit potenziert Abstiegsängste" - Pegida-Demo
Quelle: ZDF

Die Macher des "Populismusbarometers" haben eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: "Knapp 70 Prozent der Wähler in Deutschland lehnen Populismus ab. Das heißt: Unsere Demokratie hat ein stabiles Fundament", sagt Robert Vehrkamp. Er hat für die Bertelsmann-Stiftung den Populismus aktuell untersucht.

Der Politologe geht sogar einen Schritt weiter: Die Wahlergebnisse der Rechtspopulisten würden nicht unbegrenzt weiter ansteigen. Es gebe eine "gläserne Decke für die AfD, die viel tiefer hängt und massiver ist, als es viele annehmen", sagt Vehrkamp. Der Studie zufolge lehnen mehr als 70 Prozent aller Wahlberechtigten die AfD "massiv ab und würden sie auf keinen Fall wählen". Die Studienautoren haben aber auch eine schlechte Nachricht: Gut 30 Prozent der deutschen Wähler sind populistisch eingestellt. "Und es werden mehr", warnt Vehrkamp.

Der vermeintlich "wahre Volkswille"

Nun hat Populismus mehrere Ausprägungen. "Auch Gerhard Schröder hat populistisch argumentiert", sagt der Politologe Michael Koß von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Beispielsweise habe der Ex-Kanzler den CDU-Finanzexperten Paul Kirchhof "abschätzig einen Professor aus Heidelberg genannt". Entscheidend aber sei, so Koß, ob Populismus eine Stilfrage in Wahlkampfzeiten ist oder ein politisches Programm ersetzt.

Koß‘ Kollegen von der Bertelsmann-Stiftung haben sich auf diese zweite, die problematische Form des Populismus konzentriert. Sie sympathisiere mit einer illiberalen Demokratie. Statt Pluralismus und Kompromiss stehe ein angeblich "wahrer Volkswille" auf dem Programm der Populisten, sagt Vehrkamp. "Populisten halten Kompromisse für einen Verrat an den eigenen Prinzipien. So funktioniert Demokratie aber nicht."

Mit Bildung Populismus bekämpfen?

Ein Patentrezept gegen Populismus hat die Bertelsmann-Stiftung nicht. Ein Schlüssel könne mehr Bildung sein, findet Vehrkamp - und nennt als Beispiel den Soziologen und liberalen Vordenker Ralf Dahrendorf. Von ihm ist der Satz überliefert: "Populismus ist einfach, Demokratie ist komplex." Bildung helfe zu verstehen, Vielfalt und Kompromisse zu akzeptieren. "Die liberale Demokratie ist ein anspruchsvolles Konzept, und je früher wir Demokratie lernen und erfahren, umso besser", sagt Vehrkamp.

Es gibt in der Politikwissenschaft aber auch eine gewisse Hilflosigkeit. Schließlich ist Bildung ein diffuses Langzeitprojekt. Weltweit wurden schon viele Akademiker zu perfiden Populisten. Hinzu kommt: Viele populistische Wähler holt man nicht mit Fakten ab, sondern über deren Ängste.

Definition von Populismus
Der Duden definiert "Populismus" als eine von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, mit dem Ziel, durch eine Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Wähler zu gewinnen.

Nicht nur abgehängt, sondern auch zornig

Auch wenn der Münchner Politologe Michael Koß die Bertelsmann-Idee von mehr Bildung gut findet: Er bezweifelt, dass dies wirklich alles ändert. "Ungleichheit bekämpfen ist wichtiger. Das heißt Populismus bekämpfen", sagt Koß. Denn die AfD-Wähler seien nicht nur abgehängte Menschen, sondern auch "zornige weiße Männer mittleren Alters, die zwar einen Job, aber trotzdem Abstiegsängste haben". Koß ist überzeugt: "Ungleichheit potenziert Abstiegsängste. Das macht die Menschen anfälliger für Populismus."

Daher würde Koß eine andere Forderung der Bertelsmann-Studie priorisieren: eine bessere Sozialpolitik. Themen wie "mehr sozialer Wohnungsbau" oder "mehr Umverteilung in der Steuerpolitik" seien geeignet, "auch populistische Wähler zu erreichen und zurückzuerobern. Darauf sollten sich die etablierten Parteien konzentrieren", sagt Studienautor Vehrkamp. Er ist überzeugt: Für viele AfD-Wähler waren die Flüchtlinge Auslöser, aber nicht der eigentliche Grund, bei der AfD ein Kreuz zu machen. "Warum sonst ist die AfD häufig genau dort am stärksten, wo es gar keine Flüchtlinge gibt", fragt Vehrkamp. Die Ängste der Menschen kämen aus einer "tiefer liegenden sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verunsicherung".

Studie "wenig überraschend"

Michael Koß von der LMU München findet die Befunde der Bertelsmann-Stiftung "wenig überraschend, aber eine solide Zahlenbasis" für die aktuelle politische Stimmung. Er rechnet damit, dass die Parteien von ähnlichen Werten ausgehen. Ein Beispiel: CSU-Ministerpräsident Markus Söder gibt sich neuerdings landesväterlich und hat seine "Asyltourismus"-Rhetorik gedämpft.

Denn diese sei ein strategischer Fehler gewesen, sagt Studienautor Vehrkamp. "Die bürgerlichen Parteien der politischen Mitte haben mehr zu verlieren, als sie durch ein Nachahmen populistischer Rhetorik gewinnen können." Er rät Union und FDP dazu, ihren Ort in der politischen Mitte nicht aufzugeben. Denn wer zu intensiv am rechten Rand fische, verliere die Wähler der Mitte. So lassen sich auch die aktuell guten Umfragewerte der Grünen erklären: Der Studie zufolge sind die Grünen für die meisten Wähler unverdächtig - zumindest, wenn es um Populismus geht.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.