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Folgen des G20-Gipfels - "Schlafstörungen, Albträume, Selbstzweifel"

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Wer möchte schon als Weichei gelten? Niemand. Auch nicht die Polizisten, die beim G20-Einsatz in Hamburg im Einsatz waren. Der ist zwar Wochen her, doch bis heute sind nicht alle der mehr als 700 Verletzten gesund. Die Behandlung kann Monate dauern, sagt Polizeipsychologe Herbert Schmitz zu heute.de.

Die Bilanz ist verheerend: Während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wurden mehr als 200 Polizisten verletzt. "ZDFzoom" beobachtete die linke Szene vor und während der Gipfelproteste.

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28 min
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heute.de: Mit welchen Folgen des Einsatzes haben die Beamten heute noch zu kämpfen?

Herbert Schmitz: Grundsätzlich kann ein solcher Einsatz wie im Schanzenviertel als Extremstresserfahrung und damit als potenziell traumatisch wahrgenommen worden sein. Insbesondere wenn die körperliche Unversehrtheit bedroht worden ist oder Körperverletzungen eingetreten sind, Todesgefahr, Angst und Hilflosigkeit erlebt worden sind. Nach einer solchen Belastung können vielfältige Stress-Symptome auftreten, wie Schlafstörungen und Albträume, Selbstzweifel, übermäßige Wachheit, Unruhe und Anspannung, erhöhte Reizbarkeit, das ungewollte Wiedererleben des Einsatzgeschehens.

heute.de: Gibt es eine Dunkelziffer? Warum melden sich die Beamten nicht?

Schmitz: Es gibt die verschiedensten Gründe. Im Selbst- und Berufsbild ist der Polizist der Problemlöser, denn wenn nichts mehr geht, wählt der Bürger die 110. Da fällt es natürlich schwer, selbst Hilfe anzunehmen. Keiner möchte als "Weichei", "Schwächling" oder "psychisch nicht belastbar" gelten. Stattdessen werden dann emotionale Belastungen eher relativiert oder bagatellisiert. Das Motto "nur die Harten kommen in den Garten" und damit die Illusion der psychischen Unverwundbarkeit scheinen noch vielfach handlungsleitend zu sein. Trotz bestehender Angebote.

heute.de: Nehmen mehr Männer oder mehr Frauen die Angebote wahr?

Schmitz: Es gibt nach meinen Erfahrungen hier keine signifikanten Unterschiede.

heute.de: Wie können Sie den Einsatzkräften helfen?

Schmitz: In einem ersten Gespräch geht es darum, Betroffenen Erklärungen für die als unnormal erlebten Stressreaktionen zu geben. Ganz wesentlich ist das Normalisieren und eben nicht das Pathologisieren, das heißt, es sind normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis, da es sich um ein Einsatzgeschehen außerhalb der normalen Berufserfahrung handelt. Danach muss man die Selbstheilungskräfte aktivieren. Also: Was kann hilfreich sein, damit der Betroffene wieder Boden unter den Füßen bekommt.

heute.de: Wie bekommen die Einsatzkräfte wieder aus dem Kopf, zum Beispiel wenn Sie selbst zum Angriffsziel der G20-Gegner wurden?

Schmitz: Der durchaus verständliche Wunsch Betroffener, die belastenden Bilder loswerden zu wollen, sie löschen zu wollen, hat in der Regel den gegenteiligen Effekt und begünstigt deren unkontrolliertes Auftreten. Dazu ein kleines Gedankenexperiment: Versuchen Sie nicht an ein rosarotes Kaninchen zu denken und denken wirklich nicht an das rosarote Kaninchen … Je mehr ich nicht daran denken will, umso deutlicher ist das Kaninchen vor dem inneren Auge zu sehen. Nur mit dem Unterschied, dass ich im Gegensatz zu einem Betroffenen dieses Bild zur Seite legen kann, wenn ich die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenke. Die Betroffenen können das nicht. Sie müssen lernen, emotional positive Bilder als ein Gegengewicht zu den Schreckensbildern zu entwickeln und zu aktivieren.

heute.de: Spielt die Diskussion über den Einsatz eine Rolle? Mal waren die Polizisten die Buhmänner mit der falschen Einsatztaktik, dann die Helden, denen Schokolade geschenkt wurde.

Schmitz: Die mediale Berichterstattung hat natürlich Auswirkungen, insbesondere wenn der Einsatz als Extremstresserfahrung seine seelischen Spuren hinterlassen hat. Dann kann eine negative Berichterstattung wie ein weiterer Angriff auf die Psyche, die Seele wirken. Eine mediale Anerkennung wirkt wie jede Wertschätzung, die wir im Alltag erfahren.

heute.de: Wie lange dauert es, bis der G20-Gipfel psychologisch verarbeitet ist?

Schmitz: Das ist individuell sehr unterschiedlich, es kann Tage, Wochen oder sogar Monate dauern. Ein solcher Einsatz ist dann bewältigt, wenn die inneren Bilder ihren Schrecken verloren haben. Denn die Bilder bleiben, die emotionale Bedeutung jedoch wird sich verändern, so dass ich mir dann die Erinnerungsbilder meiner Berufsbiografie wie in einem Fotoalbum anschauen kann. Dann mit der Bedeutung, dass es ein besonderer Einsatz war. Aus den traumatischen Erinnerungen sind quasi normale geworden.

heute.de: Welche Lehren müssten aus Ihrer Sicht für die nächsten Großeinsätze gezogen werden?

Schmitz: Es könnte die mental-emotionale Einsatzvorbereitung verstärkt werden und damit die Auseinandersetzung mit veränderten Einsatzszenarien, wenn etwa mit einer massiven und extrem rücksichtslosen Gewaltausübung zu rechnen ist. Eine gute mental-emotionale Vorbereitung kann als Schutzfaktor wirken. Ebenso sollte die psychologische Einsatznachbereitung, die die Erholung, die Stabilisierung und allgemein die Gesunderhaltung zum Ziel hat, als selbstverständlicher Teil eine Einsatzes wahrgenommen werden. Das setzt allerdings voraus, dass die psychosoziale Notfallversorgung der Einsatzkräfte nicht mit einer zumindest impliziten Defizitzuschreibung verknüpft bleibt, sondern als Teil einer Professionalisierung wahrgenommen und vorgelebt wird.


Das Interview führte Kristina Hofmann

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