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Doku über Diego Maradona - Bis Mittwoch feiern, ab Donnerstag trainieren

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Neapel und Maradona waren füreinander geschaffen. Dort erlebte der Fußballer den Höhepunkt seiner Karriere - und den totalen Absturz.

Szene aus dem Film "Maradona"
Szene aus dem Film "Maradona"
Quelle: AP

Eine Krankenschwester stahl eine Blutprobe von ihm und brachte sie in eine Kirche. Dem Porträt einer Madonna malte jemand einen kleinen Maradona auf den Schoß. Fast jeder Neapolitaner hatte ein Bild des Fußballers zuhause, bei vielen hing es direkt neben dem Kruzifix. Die süditalienische Stadt verehrte den Argentinier, der ihrem Underdog-Club SSC Neapel zu einer ungeahnten Triumphserie verhalf, mit fantasievoller, religiöser Inbrunst.

Als der SSC Neapel Diego Maradona 1984 einkaufte, feierte die Stadt ein wochenlanges Volksfest. Ein Graffiti an der Friedhofsmauer drückte aus, was viele fühlten: "Ihr ahnt nicht, was Ihr verpasst habt!" Zwölf Millionen Euro hatte der Verein für ihn bezahlt, damals der Weltrekord. Die Vermutung, dass die Mafia ihre Finger im Spiel gehabt hatte, lag nahe.

Oscar-Regisseur Asif Kapadia hat großartiges Archivmaterial über Maradona ausgegraben, insgesamt mehr als 500 Stunden. "Diego Maradona", der auf dem Festival in Cannes Premiere feiert, ist sein dritter Dokumentarfilm über Aufstieg und Absturz eines hochtalentierten Stars, nach dem Rennfahrer Ayrton Senna und der Sängerin Amy Winehouse. "Die beiden sind auf tragische Weise früh gestorben. Dieses Mal wollte ich eine andere Geschichte erzählen, nämlich wie ein Star alt wird", sagte Kapadia vor dem Festival der Zeitung "Guardian".

Bis Mittwoch feiern, ab Donnerstag trainieren

Seinem Stil ist der britische Filmemacher treu geblieben. Kapadia verzichtet auf gefilmte Interviews mit Zeitzeugen, er lässt allein die Bilder sprechen. Und die sprechen eine starke, gefühlvolle Sprache. Sie zeigen einen Jungen, der in einem Slum hartnäckig übt, einen Ball in der Luft zu halten, mit den Hacken, den Zehen, der Stirn. Der nicht aufgibt. Ein Mamasöhnchen, der erste Junge nach vier Töchtern, der vor Stolz platzt, als ihm sein Fußballverein eine Wohnung für die ganze Familie spendiert.

Maradonas Wechsel nach Neapel bedeute beiden Seiten unendlich viel. Die chaotische Stadt, in der die Mafia das Sagen hatte, wurde von den Italienern im Norden des Landes geschmäht. Bei Spielen des SSC Neapel stand auf Spruchbändern: "Wascht Euch erstmal", "Achtung, Cholera". Und dann kam Maradona und machte Neapel mit seinem genialen Gedribbel - das in gewisser Weise dem neapoletanischen Straßenverkehr gleicht - erstmals zum italienischen Meister.

Maradona ließ sich feiern und dabei immer mehr vom Ruhm und Reichtum blenden. Der Junge aus dem Armenviertel fuhr nun in Limousinen durch die Stadt, sammelte Luxus-Uhren, schnupfte Kokain, die Droge der Reichen und Schönen. Anfangs hielt er die Sucht noch in Schach, bis Mittwochs feierte er die Nächte durch, ab Donnerstag trainierte er eisenhart für die Spiele am Wochenende.

Schicksalhaftes Halbfinale in Neapel

Doch lange ging das nicht gut. Kontakte zur Mafia, Platzverweise, Dopingtests, Steuerschulden, Vaterschaftsklagen - Neapel wandte sich ab von seinem Helden. Jahrelang war er einer der ihren gewesen, "un vero napoletano", doch plötzlich war er wieder der Argentinier, der für seine Nationalmannschaft spielte. Als dann ausgerechnet Argentinien und Italien im Halbfinale aufeinander trafen - das zu allem Überfluss auch noch in Neapel ausgetragen wurde und bei dem Argentinien im Elfmeterschießen gewann - da war es aus. 

Maradona schaffte es nicht mehr länger, den Ball in der Luft zu halten. Er verließ Italien und versuchte noch mehrere Comebacks, doch seine Fußballkarriere ging dem Ende entgegen. In den vergangenen Jahren gab Maradona eine eher jämmerliche, bemitleidenswerte Figur ab: ein stark übergewichtiger Altstar, der sich immer mit den falschen Politikern zeigt und als nicht mehr ganz zurechnungsfähig gilt.

Was ihm ein Trost sein dürfte: Neapel hat ihn trotz allem nicht vergessen und ihn vor zwei Jahren noch nachträglich zum Ehrenbürger ernannt. Und bis heute hat in dem Club niemand mehr die Nummer zehn getragen. Die gibt es für den SSC Neapel nur einmal.

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