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Präsidentenwahl - Brasiliens verrückter Wahlkampf

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Heute werden die Wähler des größten Landes Südamerikas zu den Urnen gerufen. Ein Rechtspopulist drückt dem Wahlkampf vom Krankenbett aus seinen Stempel auf.

Jair Bolsonaro, umstrittener Präsidentschaftskandidat. Archivbild
Jair Bolsonaro, umstrittener Präsidentschaftskandidat. Archivbild Quelle: dpa

 

Für die Kritiker ist er ein rechtsextremer Faschist, für seine Anhänger ein Retter in höchster Not. Stimmen die Umfragen, dann geht Rechtspopulist Jair Bolsonaro (63) am Sonntag als Favorit in die Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Der ehemalige Fallschirmspringer kann je nach Umfrage auf rund 35 bis 39 Prozent der Stimmen zählen. Aussichtsreichster Herausforderer ist Fernando Haddad (55) von der linken Arbeiterpartei, für den zwischen 22 und 25 Prozent der Brasilianer ihre Stimme abgeben wollen.

Die beiden Kandidaten würden damit in eine Stichwahl der beiden erfolgreichsten Kandidaten des ersten Wahlganges kommen, die am 28. Oktober über die politische Zukunft des größten südamerikanischen Landes entscheiden wird. Amtsinhaber Michel Temer, der vor zwei Jahren im Rahmen eines umstrittenen Amtsenthebungsverfahrens gegen Dilma Rousseff an die Macht kam, tritt aufgrund schlechter Umfragewerte nicht wieder an.

Karte: Brasilien
Karte: Brasilien Quelle: ZDF

 

Bolsonaro provoziert mit gezielten Tabu-Brüchen. So erwägt der Sympathisant der brasilianischen Militärdiktatur des 20. Jahrhunderts die "gute Bevölkerung" zu bewaffnen, um sie gegen die "böse Bevölkerung" zu schützen. In der Vergangenheit fiel der Berufspolitiker mit homophoben und frauenfeindlichen Sprüchen auf. Er wolle lieber einen "toten als einen schwulen Sohn", eine politische Gegnerin beleidigte er, sie sei zu hässlich, um vergewaltigt zu werden.

Bolsonaro profitiert von Lulas Ausfall

Geschadet haben ihm solche Sprüche nicht. Im Gegenteil: Seit der immer noch enorm populäre aber wegen passiver Korruption inhaftierte Ex-Präsident Lula da Silva (2003 bis 2011) wegen seiner Verurteilung als Spitzenkandidat der brasilianischen Linken ausfällt, hat mit Bolsonaro ein Vertreter aus dem genau entgegengesetzten Spektrum die Führung in den Umfragen übernommen. Bolsonaro präsentiert sich als "Law and Order"-Mann, der die Bekämpfung der Kriminalität und Gewalt zu seinem Wahlkampfthema gemacht hat.

Jair Bolsonaro hat das Krankenhaus wieder verlassen. Archivbild
Jair Bolsonaro hat das Krankenhaus wieder verlassen und macht nun Wahlkampf vom heimischen Krankenbett aus. (Archivbild) Quelle: Flavio Bolsonaro/National Social Liberal Party/dpa

Ein Messerattentat von einem offenbar geistig verwirrten Mann vor ein paar Wochen hat ihm noch einmal einen Popularitätsschub beschert. Bolsonaro fehlt seitdem in TV-Debatten und präsentiert sich lieber in Einzelinterviews vom Krankenbett. "Bolsonaro weiß die Politikverdrossenheit und Frustration großer Teile der Bevölkerung geschickt für seine Zwecke zu nutzen. Obwohl er selbst seit Jahrzehnten im Abgeordnetenhaus sitzt, als Hinterbänkler ohne nennenswerte Erfolgsbilanz, gelingt es ihm doch, sich als Kandidat des Anti-Establishments zu inszenieren", sagt Jan Woischnik von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro. Große Teile der brasilianischen Bevölkerung haben sich von den klassischen Parteien wegen großer Korruptionsskandale abgewendet.

 Haddad ist Lulas Ersatz

Fernando Haddad von der linksgerichteten Arbeiterpartei PT ist als Ersatzkandidat für Lula da Silva eingesprungen. Lula hatte bis zuletzt gehofft, doch noch an den Wahlen teilnehmen zu dürfen, war aber mit seiner juristischen Initiative gescheitert. Lula spricht von einer politischen Kampagne gegen sich, die seine erneute Wahl verhindern soll. Haddad, ehemaliger Bürgermeister von Sao Paulo, will sich als Präsident für die Freilassung seines politischen Ziehvaters einsetzen. Zugleich fährt er einen klassischen Linkskurs.

Fernando Haddad mit Anhängern (Archiv).
Fernando Haddad mit Anhängern (Archiv). Quelle: Sebastiao Moreira/EFE/dpa

Er kritisiert die unter dem aktuellen Amtsinhaber Michel Temer eingeführten Einschränkungen von Arbeitnehmerrechten, die die Wirtschaftskrise nicht lösen würden. Der erst spät ins Rennen eingestiegene Haddad muss mit dem Problem fertig werden, außerhalb Sao Paulos noch relativ unbekannt zu sein. Im einkommensschwachen aber bevölkerungsreichen Nordosten des Landes, traditionell eine Hochburg der PT, wird er in den nächsten Wochen bis zur Stichwahl noch Überzeugungsarbeit leisten müssen, um das dortige Potential der PT voll auszuschöpfen.

Nur eine Frau unter den Kandidaten

Die restlichen Kandidaten, darunter die Umweltpolitikerin Marina Silva als einzige Frau und zudem einzige Vertreterin der Nichtweißen, schafften es im emotional aufgeladenen Zweikampf der beiden Lager kaum, eigene Akzente zu setzen. Der Ausgang einer Stichwahl zwischen Bolsonaro und Haddad ist nach jüngsten Umfragen völlig offen. Brasilien steht nach dem Wahlgang am Sonntag also wohl noch ein sehr heißer Oktober bevor.

 

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