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Präsidentschaftswahl in den USA - Auf der Suche nach dem Heilsbringer

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Wenn in Detroit die TV-Debatten der Demokraten um die Präsidentschaftswahl 2020 beginnen, werden die Ellbogen ausgefahren - vor allem gegen den jetzigen Favoriten Joe Biden.

US-Wahl 2020: Vorwahlkampf nimmt Fahrt auf
US-Wahl 2020: Vorwahlkampf nimmt Fahrt auf
Quelle: AP

"Trump wird eh wiedergewählt", sagt der Mann mit dem langen Bart und dem Heavy-Metal-T-Shirt, den wir am Nationalfeiertag Anfang Juli zufällig in Washington treffen. Wir kommen ins Gespräch; es stellt sich heraus: Bob Kiger lebt nahe Detroit, wo die Demokratische Partei ihre Kandidaten in die zweite Runde der Präsidentschaftsdebatten schickt. "Sollen sie doch", meint Bob, der sich selbst nicht zu den glühendsten Trump-Anhängern zählt. Er mag seine Art nicht. Trotzdem wird er ihn wohl noch einmal wählen, weil der Präsident aus seiner Sicht liefert: 20.000 neue Jobs in der Auto- und Zulieferbranche um Detroit seien in den vergangenen zwei Jahren entstanden. "Die Menschen schreiben das ihm zu", sagt Bob.

Genau das müsste ein möglicher Gegenkandidat aus der demokratischen Partei widerlegen. Oder zumindest nachweisen, dass nur an einigen Orten Menschen von Trumps Politik profitieren, während er langfristig für Millionen von Menschen die Zukunftsperspektiven zerstört - durch das gigantische Haushaltsdefizit, durch das Nichtstun gegen den Klimawandel, durch eine hochriskante Außenpolitik und das Verächtlichmachen ganzer Bevölkerungsgruppen in den USA.

Der Kampf um die Glaubwürdigkeit

Wer von den insgesamt 25 kann es schaffen? 20 von ihnen werden an diesem Dienstag und Mittwoch alles tun, um glaubwürdig zu sein. Sie sind eigentlich verdammt dazu, die oder den besten zu finden, weil aus ihrer Sicht diesmal noch viel mehr auf dem Spiel steht als sonst. "Um die Seele Amerikas" gehe es, sagt der Favorit Joe Biden.

Bei der Suche nach dem demokratischen Heilsbringer plädiert er dafür, sich vor laufenden Fernsehkameras nicht gegenseitig zu zerlegen, sondern über die jeweiligen Konzepte zu streiten, mit denen sie die Wahl gegen Donald Trump gewinnen wollen.

Ellbogen raus bei TV-Debatten

Stattdessen wird es anders kommen, das hat die erste Runde der Debatten im Juni schon gezeigt. Damals konnte Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, mit einem Frontalangriff auf Biden punkten. Ihre Umfragewerte und Wahlkampfspenden schnellten in die Höhe. Seitdem, so beschreibt es der Berater eines Kandidaten in der Washington Post, sind alle Schranken gefallen: "Es ist wie bei einem Kinderfußballspiel, wo alle gleichzeitig dem Ball nachjagen."

Auch wenn der Gastgeber, der Nachrichtensender CNN, detailliert die Redezeiten vorgibt, heißt es: Immer rein ins Gefecht, keine Regeln, keine Strategie, nur das Ziel, den anderen innerparteilichen Widersachern größtmöglichen Schaden zuzufügen. Für einige der Teilnehmer ist es vermutlich gar die letzte Chance. Denn zur dritten Debattenrunde im September werden nur diejenigen eingeladen, die in Wählergunst und Spendenaufkommen noch weiter zulegen.

Alle gegen Joe Biden

Also wird es eine Schlacht: Alte gegen Junge, extrem Linke gegen Moderate, Außenseiter gegen Favoriten, Verzweifelte gegen die vor ihnen Liegenden und alle gegen Joe Biden. Der ehemalige US-Vizepräsident hat mit 34 Prozent (Quelle: Quinnipiac University) mehr als doppelt so hohe Zustimmungswerte wie alle anderen - aber eben deshalb auch am meisten zu verlieren.

Er muss zurückschlagen, wenn er angegriffen wird. Am Mittwoch tritt er wieder gegen Kamala Harris an, die ihm in der ersten Runde indirekt Rassismus in seinen frühen Jahren als Senator unterstellt hatte und nun bei zwölf Prozent liegt. Wenn Biden wieder so zaghaft kontert, wackelt seine Vormachtstellung.

Die Erfahrenen gegen die jungen Wilden

Mindestens so spannend dürfte die erste Debatte am Dienstagabend (Ortszeit) sein. Denn da treffen die, nennen wir sie mal "Reifen" und wirklich sehr linken Senatoren Elizabeth Warren (15 Prozent) und Bernie Sanders (elf Prozent) auf die jungen Wilden, Pete Buttigieg (sechs Prozent) und Beto o’Rourke. Während letzterer bei mäßigem Auftritt ziemlich sicher aus dem Rennen wäre, könnte ersterer, der von allen nur "Mayor Pete" genannte Bürgermeister von South Bend Indiana, aufschließen zu Sanders, Harris und Warren. Buttigieg ist erst 37 Jahre alt.

Der Armeeveteran und ehemalige Firmenberater vertritt ähnliche Positionen wie Joe Biden. Das macht ihn wählbar, vielleicht sogar für Republikaner, die von Donald Trump die Nase voll haben. Weil er aber homosexuell ist, wird er es schwer haben in ländlichen, christlich-fundamentalistisch geprägten Regionen.

Trump käme sozialistisch geprägter Gegenkandidat gelegen

Donald Trump würde sich wohl eher sozialistisch geprägte Gegner wie Warren oder Sanders wünschen, weil er mit klaren Feindbildern schon einmal einen erfolgreichen Wahlkampf absolviert hat. Das würde sicher auch in Detroit hervorragend funktionieren. Denn den zaghaften Aufschwung der Gegend, die von der US-Autoindustrie geprägt ist, wollen die Menschen, die hier leben, nicht riskieren. Eine gute Ausgangsbasis für den Präsidenten, den Schlüsselstaat Michigan wie schon 2016 noch einmal zu gewinnen.

Bob Kiger hält das für höchstwahrscheinlich, falls Amerikas Wirtschaft weiterläuft - selbst wenn die Entwicklung deutlich hinter Trumps Versprechungen von jährlich drei Prozent Wachstum zurückbleibt. Bob ist ein Realist, wie gesagt kein Hardcore-Trumpfan, aber er erzählt uns von einem persönlichen Erlebnis mit dem jetzigen Präsidenten.

2008 arbeitete der Mann aus Detroit als Zimmermann auf der Baustelle des Trump Tower Hotels in Las Vegas. Bei der Feier zur Fertigstellung des höchsten, also des 189. Stockwerks, tauchte der Bauherr persönlich auf, bedankte sich bei den rund 250 Arbeitern für die Einhaltung von Zeit- und Kostenrahmen. Per Handschlag drückte Trump jedem 1.000 Dollar in die Hand. Das hinterließ bei den Bauarbeitern Eindruck, trotz der miserablen Bedingungen, unter denen sie jahrelang hatten schuften müssen. Selbst wenn einem einiges missfällt an Trumps Verhalten, so sieht es wohl Bob Kiger, zahlt es sich doch am Ende aus. Wer als Demokrat gegen Donald Trump eine Chance haben will, muss mindestens dasselbe bieten.

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