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"Yomeddine"-Premiere in Cannes - Auf dem Eselskarren durch Ägypten

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Ein Leprakranker und ein Waisenjunge reisen durchs ländliche Ägypten. Auf dem Festival in Cannes zeigt der Film Yomeddine ein humorvoll-kritisches Porträt des Landes.

Internationale Filmfestspiele von Cannes 2018: "Yomeddine" mit Rady Gamal
"Yomeddine" mit Rady Gamal
Quelle: ap

Ein von Lepra entstellter Mann auf dem Roten Teppich in Cannes - dazu wäre es beinahe gekommen. Aber nur beinahe, denn der Laienschauspieler Rady Gamal konnte Ägypten nicht verlassen, weil er für eine Zwischenlandung in der Schweiz nicht das richtige Visum hatte. Gamal spielt die Hauptrolle in einem Film, der auf dem Filmfestival Aufsehen erregt hat. 

"Yomeddin", der Tag des Jüngsten Gerichts, ist das einzige Erstlingswerk im offiziellen Wettbewerb. Der österreichisch-ägyptische Filmemacher Abu Bakr Shawky ist gerade mal 32 Jahre alt. Produzentin ist seine Frau Dina Emam, eine in New York aufgewachsene US-Ägypterin. Das Budget lag bei - für Kinofilme sehr bescheidenen - 300.000 Dollar, einen Teil davon haben die beiden bei Freunden und Verwandten geliehen. Mehrere Festivals hatten den Film bereits abgelehnt, als überraschend die Zusage aus Cannes kam.

Obama, der Waisenjunge

Es ist ein Außenseiterfilm, und er handelt von Außenseitern: Beshay, Bewohner einer Leprakolonie, der täglich die benachbarte Müllhalde nach Verkaufbarem durchstöbert, und Obama, ein Waisenjunge aus Südägypten, der seinen Spitznamen seiner dunklen Hautfarbe verdankt. "Wie der Typ im Fernsehen", sagt er, wenn er sich vorstellt.

Keiner der beiden kennt seine Wurzeln. Beshay wurde als Kind von seinem Vater in die Leprakolonie gebracht, den Kopf mit einem Tuch verhüllt, damit niemand das entstellte Gesicht sehen konnte. " Ich hole Dich ab, wenn Du geheilt bist", hatte der Vater zum Abschied gesagt. Er war nie zurückgekommen. Obama war von Waisenhaus zu Waisenhaus gebracht worden und kennt nicht einmal seinen richtigen Namen.

Porträt des ländlichen Ägyptens

Als Beshay seine Frau verliert, machen sich die beiden auf eine groteske Reise durch das Land, auf der Suche nach ihren Familien. Sie reisen auf einem klapprigen Eselskarren, auf der Ladefläche von Lastern, als Schwarzfahrer in der Eisenbahn. Und als sie kurz vor dem Ziel sind, merken sie, dass sie ihre Familie längst ineinander gefunden haben.

Es ist ein anrührender Film mit erfrischend unkonventionellen Personen und Szenen, etwa wie Beshay, an einen Salafisten gekettet, vor der Polizeiwache flieht, wie Obama seinem Freund vortanzt, wie eine Gruppe behinderter Bettler die beiden aufnimmt und mit ihnen über den Tag des Jüngsten Gerichts philosophiert. Zugleich ist es ein humorvoll-kritisches Porträt des ländlichen Ägyptens, samt seiner Bürokratie und Rückständigkeit. Am Ende der Premiere gab es viele feuchte Augen und sieben Minuten lang Beifall.

Filmemacherin Nadine Labaki stellt "Capharnaüm" vor

Die in Cannes besonders bissigen Kritiker mögen dem Film vorwerfen, dass die Handlung schlicht gestrickt sei, dass er handwerkliche Schwächen habe und reines Wohlfühlkino sei. Doch es ist durchaus vorstellbar, dass er die eine oder andere Palme bekommt. Es könnte also nützlich sein, rechtzeitig das korrekte Visum für den brillanten Rady Gamal zu beantragen. 

Im übrigen ist Yomeddine nur einer von mehreren Filmen aus der arabischen Welt im diesjährigen Festival. Die libanesische Filmemacherin Nadine Labaki stellt ihren Film "Capharnaüm" vor, in dem ebenfalls ein vernachlässigtes Kind die Hauptrolle spielt. Altmeister Jean-Luc Godard (87) hat einen Film im Wettbewerb, der sich mit der Arabischen Revolution beschäftigen soll - aber viel mehr ist darüber noch nicht bekannt. 

Und durch die Hintertür des Festivals haben sich ausgerechnet die bislang so bilderfeindlichen Saudis hineingeschlichen und präsentieren auf dem Filmmarkt mehrere Kurzfilme. In den Festivalzeitschriften sind ganzseitige Anzeigen geschaltet, die Saudi-Arabien als "Königreich der Möglichkeiten" und neues Filmland bewerben. Vielleicht sind auf dem Roten Teppich demnächst auch knöchellange Gewänder und Kopftücher für Männer zu sehen. 

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