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Beobachtet, bedrängt, bedroht

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Pressefreiheit in Bulgarien - Beobachtet, bedrängt, bedroht

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Bulgarien ist EU-Schlusslicht bei der Pressefreiheit. Wenige Unternehmer besitzen einen Großteil der Medien - und stimmen sich bei Veröffentlichungen eng mit Politikern ab.

Bulgarien ist nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" beim Thema Pressefreiheit in der EU Schlusslicht. Der Vorwurf: Die Medien berichten nur das, was die Politik will

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Die international tätige Regierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" zeichnet ein düsteres Bild von der Pressefreiheit in Bulgarien. Laut deren weltweiter Rangliste ist das Land hier Eu-Schlusslicht und liegt weltweit auf Platz 111 von 180. Besonders gefährlich ist die Situation für Journalisten auf dem Land.

Polizei fühlt sich nicht zuständig

"Sie müssen schon selber jemanden finden, der ihren Verfolgern die Beine bricht."
Polizist zu Journalistin Maria Dimitrova

So fühlt sich Maria Dimitrova wie Freiwild, ausgeliefert. Die bulgarische Lokaljournalistin wird beobachtet, bedrängt, bedroht. Aber das schlimmste für sie ist: die Justiz und die Polizei denken nicht dran, sie zu schützen. "Letztes Mal auf der Polizeiwache hat der Beamte zu mir gesagt: Sie müssen schon selber jemanden finden, der ihren Verfolgern die Beine bricht. Die Polizei könne das nicht tun. Darauf ich: Ok, dann rufe ich einfach immer die Polizei an, wenn ich Angst habe. Da sagt der Beamte: Dann erklären wir sie für unzurechnungsfähig", erzählt sie.

Maria versucht sich von solchen Aussagen nicht beeindrucken zu lassen. Sie arbeitet im Nordwesten Bulgariens in einer ländlichen Gegend als Journalistin. Und ist so was wie der letzte Mohikaner, denn es sind kaum Journalisten übrig geblieben, die sich trauen, kritisch zu berichten.

Alles miteinander verflochten

Wir leben in einem Land, in dem die politischen Machthaber, das Geschäft, Polizei und Justiz eng verknüpft sind.
Maria Dimitrova

Maria nimmt uns mit auf eine ihrer heiklen Recherchen. Sie hat von einem Informanten Hinweise bekommen, dass auf einem nahe gelegenen Firmengelände 100 Tonnen giftige Chemikalien lagern und dabei gegen alle gesetzlichen Auflagen verstoßen wird. Aber die Firma gehört einem Parlamentarier der Regierungspartei und der dort arbeitende Ingenieur ist mit der Chefin der Umweltbehörde verheiratet. Also passiert nichts. Ein typischer Fall in Bulgarien.

"Wir leben in einem Land, indem die politischen Machthaber, das Geschäft, Polizei und Justiz eng verknüpft sind. Das ist beängstigend, vor allem weil die Machtelite eigene Medien besitzt, die Gesellschaft so ständig belogen wird", sagt die Journalistin.

Medienmogul offenbar eng mit Premier

Plötzlich fahren zwei Autos aus dem Firmengelände. Aber Antworten - wie so oft Fehlanzeige. Warum auch? Die Machtelite hat es nicht nötig sich zu rechtfertigen, weil die großen Massenmedien ohnehin kaum über Skandale berichten. Etwa 80 Prozent der Medien in Bulgarien gehören Oligarch und Parlamentarier Peevski, der jetzt auch für die Europawahl kandidiert. Peevski werden enge Verbindungen zu Premier Bojko Borissow nachgesagt, aber er ist wie ein Phantom im Land.

Im Parlament wurde er bislang äußerst selten gesichtet, und er sieht auch keinen Grund seinen plötzlichen Reichtum und sein Medienimperium zu rechtfertigen. Der Oligarch hat eine Zeitung nach der anderen aufgekauft - wer nicht verkauft, der wird unter Druck gesetzt.

Vorwurf: Vieles wird bewusst nicht veröffentlicht

In der Hauptstadt Sofia treffen wir Journalistin Polina Paunova. Am Kiosk zeigt sie uns die beeindruckende Zahl der Zeitungen, die zu Peevskis Medienimperium gehören. Eine paar Monate lang hat sie selber bei einer seiner Zeitungen gearbeitet. "Ich habe Enthüllungsgeschichten vorgeschlagen, die wurden aber nicht gedruckt. Wieder und wieder hab ich's versucht: Montag, Dienstag, Mittwoch - bis mir klar wurde: Das wird nie veröffentlicht", erzählt sie rückblickend.

Polina hat gekündigt, arbeitet jetzt für den unabhängigen Radiosender Radio Free Europe. Aber ihre kritischen Geschichten erreichen nur eine kleine städtische Elite. "Das Traurige ist, dass bulgarische Journalisten aufgehört haben, Fragen zu stellen. Sie vergessen, dass Journalisten dem Volk verpflichtet sind und nicht Pressearbeit für die Regierung machen sollen", sagt Polina.

Das findet auch Lokaljournalistin Maria. Weil sie sich nicht einschüchtern lässt und weiter Skandale enthüllt, haben sich alle Anzeigenkunden zurückgezogen. Der Herausgeber musste dreizehn Journalisten entlassen. Die Zeitung erscheint nur noch online. "Viele junge Journalisten ziehen sich aus der Branche zurück", erzählt Maria. Sie macht weiter.

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