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Pressefreiheit - "Keine Furcht, mit dem Leben zu bezahlen"

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In Syrien hat die Fotografin Nour Kelze jahrelang ihr Leben riskiert. Im heute.de-Interview spricht sie über diese Zeit und wofür sie in Deutschland das Recht auf freie Rede nutzt.

Fotografin Nour Kelze
Fotografin Nour Kelze hat in ihrer Heimat Syrien als Fotojournalistin gearbeitet.

heute.de: In Ihrer Heimat Syrien haben Sie als Fotojournalistin jahrelang unter Lebensgefahr die Folgen des Krieges dokumentiert. Warum haben Sie dafür Ihr Leben riskiert?

Nour Kelze: Ich habe die Gefahr lange nicht so stark wahrgenommen. Zu Beginn der Revolution in Syrien habe ich als Englischlehrerin gearbeitet, aber als ich dann sah, wie friedliche Demonstranten erschossen wurden und ich miterleben musste, wie eine Freundin von Regimekräften verhaftet wurde, nur weil sie einem verletzten Demonstranten medizinisch helfen wollte, da habe ich zunächst damit begonnen, das Geschehen mit meinem Smartphone festzuhalten. Es war nicht mein Karriereplan, Fotojournalistin zu werden. Die Umstände haben mich quasi dazu gezwungen.

heute.de: Aber was hat Sie dabei angetrieben?

Kelze: Es war dieses permanente Unrecht um mich herum; das Erschießen und Verschleppen unschuldiger Menschen zu Beginn der Revolution. Von meiner Freundin etwa habe ich nie wieder etwas gehört. Sie haben sie spurlos verschwinden lassen. Staatliche Propagandavideos haben das Geschehen damals ganz anders dargestellt als wir es hautnah erlebt haben. Es gab kaum ein Gegengewicht zu dieser Propaganda. In mir war das Gefühl sehr stark, etwas tun zu müssen – und weil Bilder oft mehr Gewicht haben als Worte, habe ich das Leben und Leiden der Menschen in Aleppo mit meiner Kamera dokumentiert. Es brauchte einfach Bildbeweise für die Unterdrückung und Gewalt des Regimes.

heute.de: Ihre Arbeit, unter anderem auch für die Nachrichtenagentur Reuters, wurde durch das Vordringen der Terrormiliz IS immer mehr erschwert. Wann kam der Punkt, an dem Sie fliehen mussten?

Kelze: Es war ein schleichender Prozess. Irgendwann einmal habe ich in Aleppo die erste schwarze IS-Flagge gesehen; mit der Zeit drangen immer mehr IS-Kämpfer in die Stadt ein. Sie kaperten die Revolution. Während viele Bürger der Stadt hungerten, kamen sie mit großen Mengen Mehl für Brot. Sie verteilten es an die Hungernden, die von Regimekräften eingeschlossen waren. Die IS-Terroristen waren auch der oppositionellen Freien Syrischen Armee militärisch überlegen; sie waren einfach viel besser ausgerüstet. Das hat die Kräfte verschoben und die ganze Lage verändert. Frauen durften sich nicht mehr frei bewegen. Während ich vorher frei zwischen den Fronten arbeiten konnte und mich auch viele Männer darin unterstützt hatten, hieß es nun: "Hör auf, es ist zu gefährlich!" Ich wollte nicht aufhören, aber am Ende ging es wirklich nicht mehr.

heute.de: Sie mussten Ihre Heimat verlassen, sind nach Deutschland geflohen. Arbeiten Sie heute weiter als Fotojournalistin?

Kelze: Nein, leider nicht. Ich mache gerade ein Praktikum bei einer Produktionsfirma und ich hoffe, dass ich eines Tages wieder als Fotojournalistin arbeiten kann. Ich bin mit sehr viel Enthusiasmus nach Deutschland gekommen, aber der Start war sehr schwer. Obwohl ich inzwischen gut Deutsch spreche, spüre ich noch immer sprachliche Hürden. Außerdem sind die kulturellen Unterschiede groß. Aber ich denke, die Arbeitsbedingungen sind eigentlich ideal.

heute.de: Wie meinen Sie das?

Kelze: Hier gibt es echte Redefreiheit. Jeder Journalist kann eigentlich völlig frei arbeiten – und muss anders als in Syrien keine Furcht haben, für diese Arbeit mit dem Leben bezahlen zu müssen. Es gibt in Deutschland das ganze Spektrum an Meinungen in der Öffentlichkeit. Auf der anderen Seite bekomme ich aber auch mit, dass viele Menschen den Medien misstrauen – selbst dann, wenn es für journalistische Informationen absolut sichere Quellen gibt. Das finde ich irritierend. Und ich verfolge auch, dass sich in Deutschland die Stimmen mehren, die behaupten: "Syrien ist sicher, ihr könnt nach Hause gehen." In Vorträgen und Diskussionen versuche ich aufzuklären und dagegenzuhalten.

heute.de: Wie beurteilen Sie die Lage in Syrien?

Kelze: Es ist überhaupt nicht sicher für Menschen, die das Regime kritisch sehen, die miterlebt haben, wie brutal es vorgegangen ist gegen unschuldige Menschen. Es wäre gefährlich, zurückzukehren für all jene, die nicht Pro-Assad sind und die ihre Stimme gegen ihn erheben und an das Unrecht erinnern, das in seinem Namen geschehen ist.

heute.de: Glauben Sie, je nach Syrien zurückkehren zu können?

Kelze: Aktuell glaube ich es nicht. Dabei würde ich gern mit der Kamera dabei sein, wenn die Syrer in Würde in ihr Land zurückkehren, um es neu aufzubauen als demokratischen Staat, in dem die Menschenwürde geachtet wird und freie Rede möglich ist. Das würde ich gerne erleben. Aber so, wie es heute aussieht, bleibt das ein Traum.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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