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Pressetermin vor dem Weißen Haus - Donald Trump, der "Choppertalker"

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Wer als Journalist Trumps Tiraden kennen will, muss Schlange stehen - zum sogenannten "Chopper Talk" am Weißen Haus. Der Präsident füttert die Meute und fühlt sich gut dabei.

Donald Trump, der Choppertalker
Quelle: ZDF

Genauer gesagt muss man in einer von drei Schlangen stehen: links die Kamerateams, rechts die Fotografen, in der Mitte die Reporter. Vor mir stehen zwei Dutzend Menschen, hinter mir mindestens die gleiche Zahl. Im Schatten des Weißen Hauses, gleich neben dem Pressetrakt, ist es arg kalt an diesem Freitagmorgen, aber ein wenig Frieren könnte sich lohnen. Denn es ist einiges passiert seit dem Vortag, was der Präsident gleich sicher kommentieren wird: Der Multimilliardär und ehemalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg will eventuell als Präsidentschaftskandidat antreten, und neue Details aus den Zeugenaussagen im Amtsenthebungsverfahren sind herausgesickert.

"Chopper Talk" (quasi: Helikopter-Gespräch) nennen wir diese Gelegenheit. Eine halbe Stunde vor Beginn dürfen wir in den Garten des Weißen Hauses. "Marine One", der Hubschrauber (umgangssprachlich "Chopper" genannt) des US-Präsidenten landet gerade mit dröhnenden Rotoren. Der Medienpulk nimmt Aufstellung am Absperrungsseil neben dem Südausgang; direkt gegenüber stehen die Schaulustigen, Regierungsmitarbeiter und ihre Gäste, darunter offenbar Absolventen einer Militärakademie.

Fox-News-Reporter darf zuerst fragen

Als er sich anschickt, zu uns hinüberzukommen, sagt der Präsident etwas, die Menschen lachen, und kurz danach erfahren wir von ihm höchstpersönlich den Grund: "Ich habe ihnen gerade gesagt‚ ich muss da rüber zu den Fake News", meint er grinsend, "los geht’s. Was hast Du, John?" John Roberts, das ist der Korrespondent von Donald Trumps Lieblingssender Fox News. Er darf die erste Frage an Trump stellen: Ob er sich Sorgen macht über die öffentlichen Anhörungen im Amtsenthebungsverfahren nächste Woche? "Ich bin über nichts besorgt", sagt Trump, "die Aussagen sind prima, jedenfalls die meisten. Von diesen Leuten habe ich noch nie gehört. Ich habe keine Ahnung, wer die sind."

Boom, die erste Lüge, mindestens einen der Zeugen muss er gut kennen. Gordon Sondland, Hotelkettenbesitzer und Investor, spendete für Trumps Wahlkampf eine Million Dollar und wurde später US-Botschafter bei der EU, ohne jede außenpolitische Qualifikation. Aber Trump redet sich schon in Fahrt. Alles Hörensagen, die Zeugen hätten gar kein Wissen aus erster Hand, und sein Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj sei perfekt gewesen.

Ego-Show, die Trump Spaß macht

Ich gebe offen zu, dass ich diese Worte des Präsidenten gar nicht hören konnte, weil die Motoren des Hubschaubers solchen Lärm machten. Zum Glück halten die Kameras alles fest, und hinterher liefert das Weiße Haus freundlicherweise ein Wortprotokoll des "Choppertalks". Das Ganze wirkt auf mich wie eine Ego-Show, die Donald Trump einen Riesenspaß macht. Er freut sich sichtlich, dass die Journalisten mit Fingern aufzeigen, mit den Händen winken und "Mr. President" rufen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Schaulustigen auf der anderen Seite feixen bei diesem Anblick, und mich beschleicht der Eindruck, dass genau das der Sinn der ganzen Übung ist. Der Präsident füttert die Meute und fühlt sich gut dabei. Er schmeichelt seinem Selbstwertgefühl.

Choppertalk am Weißen Haus
Der Hubschrauber (Chopper) wartet mit laufenden Rotoren auf den Präsidenten.
Quelle: ZDF

Ein Kollege fragt, ob der Präsident seinen Justizminister William Barr gebeten habe, gegen Joe Biden und seinen Sohn zu ermitteln. Donald Trump weicht aus. Auf hartnäckiges Nachfragen antwortet er fast im Befehlston: "Sei still …, still …., still …., still." Und fügt dann hinzu, dass er Barr niemals darum gebeten habe. Ein paar Minuten später kommt die Frage, ob er von Barr verlangt habe, seinen Präsidenten bei einer Pressekonferenz öffentlich zu entlasten. Es folgen ein Dementi und Schimpftiraden gegen die Fake News, die Stories erfinden würden: "Die haben keine Quellen. Und dann denken sie sich einfach was aus. Nicht jeder, nicht John, nicht jeder." Ob John Roberts sich über dieses Lob wohl freuen kann? 

Halbes Dutzend mal die Demokraten beleidigt

Trump redet sich in Rage, flucht über die "Hexenjagd", droht den Anwälten des Whistleblowers, man müsse sie verklagen, "vielleicht wegen Hochverrats". Diese Worte höre ich sogar unmittelbar, trotz des Krachs von "Marine One", denn Donald Trump steht direkt vor uns. Das macht er gern: Wenn ihm Fragen nicht gefallen, geht er einfach drei Meter weiter, weil da auch andere dringend einen O-Ton - so nennen wir Zitate - von ihm wollen.

Ein halbes Dutzend mal beleidigt er die Demokraten als "verbrecherisch" und "korrupt". Er sei der einzige, der diese Korruption bekämpfe, um den "Sumpf" trockenzulegen: "Ich habe sie alle erwischt. Keiner außer mir hätte das geschafft." Dass Trump selbst gerade zwei Millionen Dollar zahlen muss, weil seine Wohltätigkeitsorganisation Gelder für seine persönlichen, politischen Zwecke missbraucht hatte, stört ihn offenbar nicht. Als er danach gefragt wird, schimpft er, wie undankbar doch alle seien.

Trump: Bloomberg hat "persönliche Probleme"

Dankbar ist er dagegen Wladimir Putin, der ihn eingeladen hat, an der Parade zum 1. Mai 2020 in Moskau teilzunehmen. Er will vielleicht hin, meint Trump. So etwas gefällt ihm, mag sein möglicher Gastgeber noch so autoritär sein. Immerhin eine Neuigkeit. Und dann natürlich noch sein Kommentar zur möglichen Kandidatur von Michael Bloomberg: "Little Michael wird scheitern. Er wird eine Menge Geld ausgeben", höhnt der Präsident der Vereinigten Staaten und behauptet dann, dass Bloomberg "einige persönliche Probleme" hat.  

Donald Trump, der Choppertalker
Donald Trump, Meister des "Choppertalks"
Quelle: ZDF

Hm, denkt da der Beobachter, wenn man ihn so reden hört über 30 Minuten "Chopper Talk", könnte man auf den Gedanken kommen, dass Donald Trump ein paar Probleme mehr hat. Denn das meiste von all dem sagt er fast jeden Tag, sogar mehrfach: Wenn er losfliegt vom Weißen Haus; wenn er auf Andrews Air Force Base in die Präsidentenmaschine einsteigt; wenn er dann irgendwo eine Rede hält; und wenn er wieder aus "Marine One" aussteigt auf dem Rasen des Weißen Hauses. Immer sind da Kameras und Mikrofone und hungrige Journalisten.

Wer würde "Chopper Talk" mehr vermissen?

Als Donald Trump endlich auf seinen Hubschrauber für einen Tagestrip nach Georgia zuläuft, frage ich John Roberts, ob es wirklich Sinn macht, sich immer das gleiche anzuhören und dann zu senden? Eigentlich, so John, habe er an diesem Morgen gar nicht kommen wollen, weil Trump am Vortag ausnahmsweise kommentarlos in "Marine One" gestiegen war. Aber es habe sich ja doch gelohnt, weil ein paar Neuigkeiten dabei waren. Neu? Ja, denke ich, aber auch wirklich berichtenswert?

Diese Frage hängt mir nach, als die Maschine mit dröhnenden Rotoren abhebt und in Richtung Potomac davonknattert. Wenn wir einfach nicht mehr hingingen, wer würde den "Chopper Talk" wohl mehr vermissen - wir Medien oder der Selbstdarsteller Donald Trump?

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