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Pflegemarkt in Deutschland - Rendite mit Senioren

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Investoren aus aller Welt stecken Milliarden Euro in den deutschen Pflegemarkt, weil sie "gigantisches Wachstum" und "herausragende Renditechancen" sehen. Der Staat fördert das.

Archiv: Eine Pflegekraft begleitet am 22.02.2013 in Köln die Bewohnerin eines Altenheims beim Gang über den Flur
Private Pflegeheime haben in Deutschland einen Marktanteil von rund 40 Prozent. Quelle: dpa

Um Geld zu sparen, hat der deutsche Staat den Pflegesektor 1995 für private Anbieter geöffnet und damit zu einem "Pflegemarkt" gemacht, in dem es inzwischen um Milliardengeschäfte mit alten Menschen geht. Längst haben internationale Investoren wie etwa Versicherungen oder Pensions- und Hedgefonds entdeckt, dass sich mit deutschen Pflegeheimen reichlich und sicher Profit machen lässt.

2017 so viele Pflegheim-Eigentümerwechsel wie nie zuvor

Dem aktuellen Pflegeheim-Rating-Report zufolge liegt der Gewinn von privaten Pflegeheimen im Durchschnitt bei 4,7 Prozent. In Niedrigzinszeiten ein lohnendes Investment, zumal die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren um etwa eine Million Menschen zunimmt, sodass noch mehr Heime für die stationäre Pflege benötigt werden. Im "Pflege-Report 2017" schwärmt die Heim-Beratung Terranus von einem "gigantischen Wachstumsmarkt" mit "herausragenden Renditechancen".

Laut Terranus seien im deutschen Pflegesektor sogar bis zu acht Prozent Rendite möglich. Kein Wunder, dass viel Bewegung in den Markt gekommen ist: So hat es 2017 bei den Heim-Eigentümerwechseln einen Rekord gegeben. Insgesamt haben Investoren demnach mehr als 40.000 Pflegebetten erworben, fast doppelt so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2015. Die 40.000 Plätze entsprechen circa fünf Prozent des gesamten stationären Angebots in Deutschland. Insgesamt haben private Pflegeheime in Deutschland einen Marktanteil von rund 40 Prozent. Einen Großteil der Milliarden-Investments tätigten dabei ausländische Anleger.

Übermäßiges Profitstreben als Risiko für Pflegebedürfte

Mit Blick auf den stark wachsenden Bedarf an Pflegeplätzen sagt Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats: "Grundsätzlich wäre ohne private Träger die Versorgung in Deutschland nicht mehr aufrecht zu erhalten." Manchmal seien private Träger auch flexibler als die Konkurrenz "und sie bringen ein gewisses Element von Wettbewerb in die Versorgungslandschaft, das als Effekt Innovation stimulieren kann", so Wagner.

Begeistert zeigt sich Wagner von dem Trend in der Daseinsvorsorge allerdings nicht: Er sieht zwar keinen "zwingenden Zusammenhang" zwischen dem Streben nach Profiten privater Investoren und einer Gefahr, dass pflegebedürftige Menschen leiden müssten, wenn die Heimträger ihre Gewinne steigern wollten. Ein Risiko, dass übermäßiges Profitstreben zulasten der Heimbewohner gehe, bestehe aber sehr wohl. Wagner fordert deshalb die Politik auf, Vorsorge zu treffen, um "überschießende Renditeerwartungen" der Investoren zu verhindern.

Kritik an "systemisch-strukturellem Problem" in der Pflege

Dem Streben nach Gewinnmaximierung einen Riegel vorzuschieben, fordert auch Brigitte Bührlen, Vorsitzende von "WIR!", der Stiftung pflegender Angehöriger. Sie sagt auf heute.de-Anfrage: "Geld, das wir solidarisch und privat für die ganzheitliche Betreuung unserer Pflegebedürftigen bezahlen, sollte primär auch für die Pflege eingesetzt werden. Wenn von diesen Geldmitteln Renditen abgezogen werden, fehlen sie natürlich für die Pflege."

Bührlen erinnert daran, dass viele Pflegebedürftige und ihre Helfer "nicht selten unter dem Druck und dem Stress einer zeitgetakteten, durchrationalisierten weil gewinnorientierten Pflege leiden". Ihr geht es nicht darum, private Investoren im Pflegesektor zu verteufeln. Vielmehr kritisiert sie ein "systemisch-strukturelles Problem" in der Pflege in Deutschland.

"Pflege nicht den Marktkräften überlassen"

Staat und Politik hätten sich mit Einführung der Pflegeversicherung vor 23 Jahren der Fürsorgepflicht gegenüber Pflegebedürftigen und Pflegenden entledigt. Wie Bührlen wünscht sich auch der Münchner Sozialpädagoge und bekannte Pflegesystemkritiker Claus Fussek eine gesellschaftliche Diskussion über das Thema "menschenwürdige Pflege".

"An dem Thema kommt niemand von uns vorbei - wir werden alle einmal alt und pflegebedürftig", sagt Fussek im heute.de-Gespräch. "Der Staat muss sich um die Daseinsvorsorge kümmern und darf bei der Pflege nicht alles den Marktkräften überlassen."

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