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Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer - "Traurig, wütend und hilflos"

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Wenn die See ruhig ist, werden sie in den frühen Morgenstunden losgeschickt. Übers Meer, auf klapprigen Booten, Richtung Europa, immer noch. Das deutsche Rettungsboot "Sea Watch" nimmt die Flüchtlinge dann auf. Ein Anruf bei Gerhard Trabert, der dort im Einsatz ist und 400 Menschen gerettet hat.

heute.de: Wo sind Sie zurzeit mit der "Sea Watch"?

Gerhard Trabert: Wir liegen vor der libyschen Küste, vor der 24-Seemeilen-Zone.

heute.de: Wie ist die Situation momentan?

Trabert: Die Erfahrung zeigt, dass die Flüchtlingsboote bei ruhiger See gegen zwei oder drei Uhr in der Nacht losgeschickt werden. Am frühen Morgen sind sie dann genau hinter dieser 24-Meilen-Zone. So war es auch heute Morgen. Gegen kurz vor 6 Uhr haben wir das erste Boot gesichtet, ein Holzboot mit ungefähr 30 Flüchtlingen. Kurze Zeit später noch ein Schlauchboot mit 150 Flüchtlingen.

heute.de: Wie geht es den Menschen, die Sie aufnehmen?

Trabert: Ganz unterschiedlich. Wir haben Flüchtlinge, die aus Ägypten, Bangladesch, Westafrika, Somalia, Sudan und aus Syrien kommen. Die Frauen sind häufig total erschöpft. Heute hatten wir drei Schwangere, mehrere kleine Kinder. Auch die Männer sind dehydriert und erschöpft. Sie bekommen von uns erst einmal Wasser, wenn es nötig ist, Infusionen.

heute.de: Was erzählen sie?

Trabert: Uns wird immer wieder berichtet, dass auf libyscher Seite die Flüchtlinge von irgendwelchen Sicherheitsleuten oder Pseudo-Soldaten geschlagen werden. Heute hatten wir einen mit gebrochenem Fuß, ein Patient hatte eine Schussverletzung. Ein Mann hat uns sehr glaubhaft erzählt, dass in Libyen selbst die Kinder mit Waffen umherziehen und die Flüchtlinge, die auf die Überfahrt warten, bedrohen und ausrauben. Die Menschen sind von daher nur froh, dass sie bei uns sind. Eine der Hochschwangeren hat sich erst einmal hingesetzt und hemmungslos geweint. Die Menschen sind erschöpft, aber auch wahnsinnig dankbar. Das macht uns alle natürlich sehr betroffen.

heute.de: Leichen mussten Sie noch nicht bergen?

Trabert: Wir noch nicht, aber bei unserer Vorgänger-Crew auf der "Sea Watch" ist ein Mädchen gestorben. Man muss leider mit allem rechnen. Wenn man die Balkanroute schließt, ist es klar, dass wieder mehr Menschen über den Seeweg kommen. Das ist traurig. Es ist ein Skandal, dass dieser gefährliche Weg von den Menschen immer wieder gegangen werden muss, um aus der Gewalt in ihren Heimatländern zu fliehen. Heute war eine junge Frau dabei, die vergewaltigt wurde und Angst hatte, dass sie schwanger ist. Die Frauen sind Missbrauch und Vergewaltigung ausgesetzt.

heute.de: Wie gehen Sie als Crew mit diesen schrecklichen Geschichten um?

Trabert: Wir setzen uns immer nach einem Einsatz zusammen. Und reden natürlich auch über das Unfassbare, wie erschöpft und wie dankbar die Menschen sind. Wir geben sie ja dann weiter auf andere Schiffe, von Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel, die die Menschen dann nach Sizilien oder Lampedusa bringen.

heute.de: Wie gefährlich ist der Einsatz für Sie als Crew?

Trabert: Wir fahren manchmal weiter Richtung Küste, in die 24-Meilen-Zone hinein, weil wir über die Leitstelle in Rom einen Hilferuf weitergeleitet bekommen. Wir hoffen dann immer, dass wir nicht von der Küstenwache, oder was immer Libyen da momentan hat, gehindert werden. Es sind oft europäische Kriegsschiffe in der Nähe, auch von der Bundeswehr, die uns einen gewissen Schutz bieten. Sie sind am Rettungseinsatz nicht unmittelbar beteiligt, zerstören aber die Rettungsboote, damit sie nicht noch einmal verwendet werden.

heute.de: Sie waren ja schon im vergangenen Jahr auf der "Sea Watch". Was hat sich seitdem verändert?

Trabert: Es sind nun mehr Rettungsschiffe hier, alles private Organisationen, die die Menschen retten. Aber das reicht nicht. Ohne Zweifel bräuchte man wieder ein Rettungskonzept wie Mare Nostrum. Das ist eine politische, eine europäische Aufgabe. Es bleibt ein Skandal, dass es keine legalen, sicheren Wege nach Europa gibt, sondern dass die Menschen gezwungen sind, den Tod in Kauf zu nehmen. Das erste ist immer, dass die Mütter den Rettern die Kinder in die Hand drücken, damit die zuerst gerettet sind.

heute.de: Sie klingen wütend …

Trabert: Natürlich ist es etwas ganz anderes, alles direkt zu sehen. Diese vollgestopften Boote, wo rechts und links Menschen quasi an der Reling sitzen. Ohne Rettungswesten! Wir wissen, dass die meisten nicht schwimmen können! Wenn man die Menschen erlebt und ihnen zuhört, was sie alles auf der Flucht erlebt haben, dann ist das natürlich sehr emotional, macht mich traurig und auch wütend, dass es keine koordinierte staatliche Hilfe gibt. Es ist doch eigentlich nichts Besonderes zu helfen, das ist doch normal. Aber dass es so sein muss, das macht einfach hilflos.

heute.de: Werden Sie wieder auf der "Sea Watch" mitfahren?

Trabert: Ja, natürlich. Der Einsatz ist sinnvoll und notwendig. Ich muss noch ein bisschen an meiner Seekrankheit arbeiten. Aber das ist ein Klacks im Gegensatz zu dem, was die Menschen auf den Booten aushalten müssen.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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