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Prekäre Lage in Deutschland - Expertin: Jugendämter zu schlecht ausgestattet

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Kein Diensthandy, kein Besprechungsraum, kaum Einarbeitung: Sozialwissenschaftlerin Beckmann mahnt unterfinanzierte Jugendämter an - und fordert neue Regeln.

Der Schriftzug "Jugendamt" ist auf einem Schild zu lesen
Quelle: dpa

heute.de: Sie haben im letzten Jahr fast 700 Jugendamtsmitarbeiter für Ihre Studie befragt. Mit welchen Problemen haben die Ämter zu kämpfen?

Kathinka Beckmann: Bei vielen Jugendämtern fehlt es an Personal und vor allem fehlt es an einer Fallzahlgrenze. Viele Fachkräfte haben uns berichtet, dass sie kein Diensthandy haben. In ländlichen Gebieten fehlen Dienstwagen. Manche Hausbesuche finden nicht statt, weil kein Dienstwagen zur Verfügung steht. Das ist im Kinderschutzbereich ein Desaster. Auch augenscheinlich banale Dinge wie Büroräume fehlen. Sie brauchen für die sensiblen Gespräche, die zum Beispiel Gewalt in der Familie behandeln, einen geschützten Gesprächsrahmen, wo sich die Mutter, der Vater, das Kind, der Fachkraft anvertrauen können - und das geht nicht in Großraumbüros.

Ein anderes Problem ist die Einarbeitungssituation, die wir als alarmierend empfunden haben. Ein Drittel der Jugendämter hat überhaupt kein Einarbeitungskonzept. Und die zwei Drittel, die eins haben, da ist die Einarbeitungszeit oft kürzer als drei Monate - und da sagen wir: das kann nicht sein.

heute.de: Inwiefern verschärft die Umstellung des Diplom-Studiengangs Soziale Arbeit auf den Bachelor-Abschluss das Problem?

Beckmann: Soziale Arbeit war schon immer - auch als Diplomstudium - eine Breitbandausbildung. Man wird auf alle Arbeitsfelder vorbereitet. Vor der Bologna-Reform war das nicht so ein Problem, weil wir das Anerkennungsjahr hatten. Das heißt, man hat nach dem Diplom ein Jahr lang mit dem Status Praktikant im Jugendamt gearbeitet und hat noch dazugelernt. Heutzutage kommen die jungen Leute mit dem Bachelor und werden sofort als vollwertige Fachkräfte eingesetzt. Ein Anerkennungsjahr gibt es nicht mehr. Das kann manchmal dazu führen, dass sie nach zwei Wochen im Amt den ersten Kinderschutzfall auf dem Tisch haben und sie müssen entscheiden - und das führt sicherlich nicht immer zu den richtigen Einschätzungen einer Situation.

heute.de: Welche Folgen hat die unzureichende Einarbeitung?

Beckmann: Wir beobachten, dass Berufseinsteigende unvorbereitet damit konfrontiert werden, wie komplex und verantwortungsvoll die Arbeit im allgemeinen sozialen Dienst ist, also in der Abteilung, die die Federführung im Kinderschutz hat. Das sind die, die entscheiden: Lasse ich das Kind in der Familie - oder nehme ich es heraus. Hier erleben wir oft die Reaktion: bei dem wenigen Geld, bei dem schlechten Image, bei der mangelnden Wertschätzung in der Bevölkerung und bei dem was ich alles verantworten muss - da gehe ich lieber wieder.  

heute.de: Was fordern Sie?

Beckmann: Wir sind dafür, dass es hier eine einheitliche Grenze von 35 laufenden Fällen pro Mitarbeiter/in gibt. Das wäre etwas, das der Gesetzgeber ändern muss. Was wir darüber hinaus fordern ist, die Kommunen aus dieser finanziellen Hauptverantwortung zu nehmen, um sie ein Stück weit zu entlassen. Insofern sagen wir, Kinderschutz ist Chefsache. Das hat die Kanzlerin 2007 gesagt. Wenn man das ernst nimmt, dann muss man die Verantwortung auf die Bundesebene heben.

heute.de: Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um in Deutschland Pflegevater oder Pflegemutter zu werden?

Beckmann: Es gibt keine bundeseinheitlichen Standards für Pflegeeltern. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn wir den Fall Lügde zum Anlass nähmen, um Standards zu formulieren. Wir haben 563 Jugendämter in Deutschland und dort werden Sie auf sehr unterschiedliche Bestimmungen treffen, wie man Pflegefamilie werden kann. Es ist frappierend.

Das Interview führte Anna Duda, Reporterin beim ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.

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