Al-Bagdadi kehrt zurück - die Bedrohung bleibt

Sie sind hier:

Video des IS-Chefs - Al-Bagdadi kehrt zurück - die Bedrohung bleibt

Datum:

IS-Chef Al-Bagdadi ist wieder in einem Video zu sehen - erstmals seit fast fünf Jahren. Am Kern des Problems ändert das nichts. Der Auftritt könnte Anhänger aber neu motivieren.

IS-Anführer al-Bagdadi in Propaganda-Video am 29.04.2019
IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi im neuen Propaganda-Video.
Quelle: ap

Die Nachricht platzt mitten in die Podiumsdiskussion über die Bedrohung durch den IS. Abu Bakr al-Bagdadi lebt. Er macht im Propagandavideo auch nicht den Eindruck, er sei schwer verletzt gewesen, wie in den vergangenen Jahren wiederholt behauptet wurde. Im Gegenteil, der Anführer des IS diskutiert mit seinem Kreis von Vertrauten die jüngsten Terroranschläge von Sri Lanka, bei denen mehr als 250 Menschen getötet wurden.

Die Anführer ins Visier zu nehmen ist natürlich ein Schlüsselelement, um eine Organisation zu schwächen. Aber es ist kein Allheilmittel. Wir müssen der ideologischen Herausforderung weltweit weiter entgegentreten.
Das Comeback Al-Bagdadis ändert wenig am Kern des Problems, sagt Terrorismus-Experte Nicholas Rasmussen

Auf dem Podium im Ronald-Reagan-Building in Washington sitzen vier ehemalige Anti-Terror-Kämpfer, allen voran Nicholas Rasmussen, der von 2014 bis 2017 Direktor des National-Counter-Terrorism-Centers der US-Regierung war. Aus einer Frage des ZDF erfahren die Experten von Al-Bagdadis Lebenszeichen und wirken überrascht. Wenige Minuten vor ihrem Auftritt, so Rasmussen, hätten sie noch darüber diskutiert, ob eine Bestätigung, dass der IS-Anführer tot wäre, einen Unterschied machen würde.

Aber auch wenn er nun wieder öffentlich auftrete, würde das am Kern des Problems nichts ändern: "Wir sind mit einem ideologischen Narrativ konfrontiert, das in allen Konfliktzonen in der ganzen Welt weiter räsoniert", so der ehemalige NTSC-Chef. "Die Anführer ins Visier zu nehmen ist natürlich ein Schlüsselelement, um eine Organisation zu schwächen. Aber es ist kein Allheilmittel. Wir müssen der ideologischen Herausforderung weltweit weiter entgegentreten."

Video wird IS-Anhänger motivieren

Und diese Herausforderung ist gerade mal noch größer geworden. Denn das neue Video wird Anhänger des IS motivieren. Es ist kein Beleg dafür, dass Al-Bagdadi seine Organisation unmittelbar steuert und koordiniert. Aber er erweckt den Eindruck, als sei er immerhin auf dem allerneuesten Stand. Er nimmt Bezug auf den Militärputsch im Sudan, den Rücktritt des algerischen Präsidenten Bouteflika und die Wiederwahl Benjamin Netanyahus in Israel. Wichtiger noch: Der Terrorist feiert die Anschlagsserie auf Kirchen und Hotels in Sri Lanka als Rache für die Niederlage in Syrien.

Nach Erkenntnissen amerikanischer Sicherheitsbehörden gibt es zwar keinen Beleg dafür, dass der IS an den Planungen Attacken unmittelbar beteiligt war, aber deutliche Hinweise darauf, dass sich die Täter als Arm der Islamischen Staates verstehen und der Ideologie Al-Bagdadis folgen. Das Video jetzt dient deshalb auch dazu, den schrecklichen Erfolg für den IS zu verbuchen. 

Verstärkt wird die Wirkung durch den Widerspruch zu Äußerungen des US-Präsidenten in den vergangenen Wochen. Donald Trump hatte den militärischen Erfolg in Syrien und Irak als Sieg über den IS gefeiert. Tatsächlich aber, so sehen es die Experten in den amerikanischen Behörden übereinstimmend, sei die Ideologie eben noch lange nicht besiegt. "Die Saat für den nächsten Konflikt wächst in den Trümmern des letzten", so beschreibt es Kelly Uribe, die im US-Verteidigungsministerium für den Wiederaufbau nach militärischen Einsätzen verantwortlich ist.

Nachricht vom Wiederauftauchen kommt zur Unzeit

Es wäre ein großer Fehler, Rakka nicht wieder aufzubauen, weil es sonst zur Brutstätte für die neue Generation des IS wird.
US-Militär John Spencer

Bei der Veranstaltung in Washington, dem sogenannten Future Security Forum, das von der Arizona State University organisiert wird, plädiert sie für ein massives Engagement bei der Stabilisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen in Syrien, besonders in Rakka, der einstigen Hochburg des IS. John Spencer, der an der US- Militärakademie zum Thema "Kriegführung in Städten" lehrt, gibt ihr Recht: "Es wäre ein großer Fehler, Rakka nicht wieder aufzubauen, weil es sonst zur Brutstätte für die neue Generation des IS wird."

Auch deshalb kommt die Nachricht vom Wiederauftauchen des selbsternannten Kalifen zu unrechten Zeit. Die Videobotschaft soll in den Konfliktgebieten von Mali über Libyen, Sudan, Syrien bis nach Asien zur Rekrutierung neuer Kämpfer für den IS beitragen. Dieser hatte seine Bekennerbotschaft zu den Anschlägen in Sri Lanka in der vergangenen Woche offenbar gezielt in einigen asiatischen Sprachen verbreitet.

Umso wichtiger ist es, die Verbreitung der elektronischen Propaganda noch gezielter zu bekämpfen, auch mit Hilfe der großen Technologiekonzerne: "Wir haben Fortschritte gemacht, aber das reicht nicht", so meint Jen Easterly, ehemalige Anti-Terror-Koordinatorin in der Obama-Administration. "Diese Videos verbreiten sich immer noch über das Internet und können weiter benutzt werden, zu inspirieren und die Ideologie von IS und dem Kalifat am Leben zu erhalten. Es gibt immer noch viel zu tun." Eine Erkenntnis, die noch drängender wird angesichts des neuen Lebenszeichens von Abu Bakr al-Bagdadi.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.