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Protest gegen Braunkohle - Ein "Klimakiller" vor dem Aus?

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"Wir werden Grenzen überschreiten, Gesetze übertreten." Mit dieser deutlichen Kampfansage wollen an diesem Wochenende tausende Aktivisten in Erkelenz am Tagebau Garzweiler gegen den Braunkohleabbau protestieren. Dabei müssen sie wohl noch eine Weile mit der heimischen Ressource leben.

Im rheinischen Tagebaugebiet wollen hunderte Umweltaktivisten eine Menschenkette bilden. Sie demonstrieren damit gegen den Braunkohle-Abbau. Mehrere Umweltverbände hatten zu der Aktion aufgerufen.

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Tatsächlich könnte Deutschland noch mehr als 200 Jahre lang im großen Stil so weiter machen - jedenfalls, wenn es allein nach der Menge an Braunkohle ginge, die im Rheinland, an der Lausitz oder im mitteldeutschen Revier noch in der Erde schlummert. Und das bedeutet schon was, denn kein anderes Land der Welt fördert mehr: 178 Millionen Tonnen waren es nach Zahlen des Bundesverbands Braunkohle im Jahr 2015. Das meiste davon wird in Kraftwerken verheizt.

Platz zwei im Energie-Mix

Jahrzehntelang galt der Rohstoff in Deutschland als sichere Bank. Aus einem entscheidenden Grund: Anders als Erdöl, Erdgas oder Steinkohle muss er nicht importiert werden. Bei der Braunkohle ist die Bundesrepublik unabhängig von Pipelines, Preisschwankungen, ungewissen politischen Verhältnissen. Das erklärt, warum Strom aus Braunkohle 2016 im "deutschen Energiemix" mit fast 24 Prozent immer noch den zweitgrößten Anteil hatte - hinter den erneuerbaren Energien (29 Prozent), aber vor Steinkohle (17,2 Prozent), Kernkraft (14,2 Prozent) und Erdgas (12,4 Prozent).

Trotzdem scheint die Ära der Braunkohle zu Ende zu gehen. Und auch das hat gute Gründe: Die Kraftwerke produzieren zu viel Kohlendioxid, daneben Schadstoffe wie Schwefeldioxid und Feinstaub, in dem auch Schwermetalle enthalten sind. Zwar hat sich die Filtertechnik über die Jahrzehnte verbessert. Das Umweltbundesamt geht aber davon aus, dass 800 Gramm CO2 pro Kilowattstunde auch künftig nicht unterschritten werden können. Das ist mehr als bei anderen Kraftwerktypen: Bei Steinkohle sind es derzeit 735 Gramm, bei Erdgas 350 Gramm - in beiden Fällen ist laut Umweltbundesamt noch Potenzial für weitere Reduzierungen.

CO2-Ausstoß gestiegen

Braunkohle passt eben dann nicht ins Konzept, wenn man, wie die Bundesregierung, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent herunterschrauben will - im Vergleich zu 1990. Ein Ziel, das jetzt schon kaum zu schaffen ist. Statt zu sinken, stieg der CO2-Ausstoß in Deutschland im letzten Jahr nämlich an. Beim Klimaschutz rangiere Deutschland wegen seiner starken Kohlenutzung unter den G20 hinter Italien, Brasilien und Frankreich nur auf Platz Vier, haben kürzlich Germanwatch und das NewClimate Institute festgestellt.

Experten raten deshalb zum möglichst schnellen Abschied. "Um die Klimaziele zu erreichen, ist es fundamental wichtig, die Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen", sagt etwa Verena Graichen vom Öko-Institut. Und tatsächlich ist im Wahlprogramm der Union erstmals von einem "langfristigen Ausstieg“ die Rede - vielleicht auch mit Blick auf eine mögliche Koalition mit den Grünen, die das komplette Aus bis 2030 fordert. Die SPD ist da zurückhaltender, spricht nur davon, dass sich "der Strukturwandel in der Energiewirtschaft" fortsetzen müsse.

Ministerpräsident fordert Klage

Natürlich geht es auch um Wählerstimmen in den betroffenen Regionen - da, wo Kraftwerke stehen, und dort, wo abgebaut wird. "Wir werden es nicht zulassen, dass die Kohle jetzt totgemacht wird", schimpfte erst diese Woche Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) im MDR. Sein Zorn richtet sich gegen die neuen EU-Grenzwerte für Quecksilber und Stickoxid, die von 2021 an gelten sollen und laut Bund für Umwelt und Naturschutz Sachsen mit einer Ausnahme von keinem sächsischen Kohlekraftwerk eingehalten werden könnten. Tillich fordert, dagegen zu klagen. Die Braunkohle werde noch gebraucht, um die Energiewende zu meistern. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) stimmt ähnliche Töne an und warnt vor einem zu schnellen Ausstieg. In der Region seien rund 24.000 Arbeitsplätze von der Energiewirtschaft abhängig.

Kommt nach dem Atomausstieg also der Braunkohleausstieg? So schnell wird das - auch unabhängig von Strukturproblemen - wohl nicht funktionieren. Der Grund ist einmal, dass die erneuerbaren Energien noch nicht ausreichen, um das ganze Land zu versorgen. "Im Jahr 2030 wird gut die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland aus der regelbaren und gesicherten Leistung konventioneller Kraftwerke gedeckt werden müssen. Und bei Dunkelflaute wird es noch mehr sein", prognostizierte im Mai Matthias Hartung, Chef des Deutschen Braunkohle-Industrie-Vereins (DEBRIV). Der Energiebedarf werde nämlich noch ansteigen. Braunkohle sei daher ein "unverzichtbarer Partner".

Engpässe im Netz

Außerdem spielt er auf ein anderes Problem an: Die erneuerbaren Energien produzieren nicht immer gleich viel Strom: Solaranlagen liefern nur, wenn die Sonne scheint, Windräder stehen bei Flaute oder zu starkem Wind still. Das verursacht Schwankungen im Stromnetz - Engpässe, die mit Energie aus Kraftwerken ausgeglichen wird. Und oft müsste der "grüne“ Strom über weite Strecken dorthin gebracht werden, wo er gebraucht wird, zum Beispiel von den Windparks im Norden in den Süden des Landes. Das Netz kann das - im Moment jedenfalls - noch nicht ausreichend leisten.

Trotzdem sei der Ausstieg bis 2030 machbar, sagt Verena Graichen vom Öko-Institut. "Das ist natürlich technisch eine Herausforderung und deshalb muss es schnell angegangen werden." Bedeutet: Ausbau des Netzes und Ausbau der erneuerbaren Energien. Dass ohne Braunkohle "die Lichter ausgehen", glaubt sie nicht. Schon jetzt produziere Deutschland mehr Strom, als das Land selbst braucht. Zusätzlich seien andere Kraftwerkstypen in der Lage, mehr Energie zu produzieren.

"Eine Frage des Willens"

Und um kurzfristig Stromschwankungen auszugleichen, seien Kohlekraftwerke wegen der langen Aufwärmphasen ohnehin zu träge. "Wir brauchen da andere Kraftwerke, die schneller reagieren können", so Verena Graichen. Mit Erdgas zum Beispiel. Ob der Ausstieg aus der Kohleenergie gelingen kann, ist für sie vor allem anderen eine Frage des politischen Willens.

Ähnlich sieht das auch der BUND, der sich an den Protesten in Erkelenz "friedlich und gewaltfrei“ beteiligen will. "Man kann gar nichts anderes machen, als an die Kohle ranzugehen", sagt Tina Löffelsend. Ihre Forderung: Die ältesten und klimaschädlichsten Braunkohleblöcke müssten sofort, die übrigen nach und nach abgeschaltet werden. Anders seien die Klimaziele nicht zu erreichen. Und daran käme keine der Parteien vorbei. "Der Wind hat sich gedreht und jetzt muss was passieren", so Tina Löffelsend. Und sie ist sich sicher: "Wenn jetzt nicht die Wahlen gekommen wären, dann wären wir schon weiter."

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