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Schlüsselindustrie in der Krise - Wie es um die deutsche Autobranche steht

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Sparprogramme und Jobabbau: Die deutsche Autoindustrie steckt in der Krise. In Baden-Württemberg ruft die IG Metall heute zum Protest auf. Wie schlimm steht es um die Branche?

BMW-Fertigung am 04.11.2019 in Zwickau
Aktuelle Trends in der Automobilbranche: autonomes und vernetztes Fahren.
Quelle: DPA

Welche Schwierigkeiten gibt es für die deutsche Autobranche?

Auftragslage und Gewinn sind rückläufig, gleichzeitig muss die Branche hohe Summen in zukünftige Technologien investieren. Im vergangenen Jahr ging die Anzahl der neuzugelassenen Pkw um neun Prozent zurück. In diesem Jahr setzt sich die Entwicklung fort. "Das kann man ein paar Monate aushalten, aber irgendwann muss man sich fragen, wie man die Kapazitäten reduzieren kann und das bedeutet auch eine Reduzierung der Beschäftigung", sagt Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.

Wie geht die deutsche Automobilbranche mit der Krise um?

Die Branche reagiere mit einem "Dreiklang von aktivem Vertrieb, Kostensenkungen sowie Investitionen auf die Krise", sagt Niels Biethahn, Professor für den Studiengang Dienstleistungsmanagement-Consulting und Sales-Automotive an der Hochschule Baden-Württemberg. Um die Kostensenkungsziele zu erreichen, gebe es den seit mehreren Jahren zunehmenden Trend, zu kooperieren oder sogar zu fusionieren. Ein Beispiel für ein solches Verhalten liefert die geplante Fusion des Opel-Mutterkonzerns PSA mit Fiat Chrysler zum weltweit viertgrößten Automobilhersteller.

Welche konkreten Herausforderungen sind zu bewältigen?

Momentan stehen die deutschen Autobauer im weltweiten Vergleich wirtschaftlich gut da. Die Frage ist, ob das die nächsten fünf bis zehn Jahre auch so bleibt. Die Branche stehe vor Transformationsprozessen, vor allem in den Bereichen autonomes und vernetztes Fahren, Elektromobilität und Mobilitätsdienstleistungen, sagt Biethahn.

Ist der aktuelle Stellenabbau erst der Anfang?

Vor allem der Umstieg vom Verbrennungsmotor auf Elektroantriebe zwingt die deutschen Autobauer, ihre Kosten zu drücken. Zudem bestehen E-Autos aus weniger Teilen. Daher braucht man weniger Leute, um sie zu zusammenzubauen.

In Deutschland arbeiteten im Jahr 2018 bei den Herstellern 833.000 Mitarbeiter, bei den Zulieferern 340.000 und im Autohandel 441.000. Für die kommenden zehn Jahre prognostiziert das Center for Automotive Research (CAR), dass in Deutschland mehr als 100.000 Arbeitsplätze wegfallen werden.

Hätte der Stellenabbau verhindert werden können?

Das Thema E-Mobilität wurde in den letzten Jahren als weniger relevant eingeschätzt. Entsprechend wurden wenige Ressourcen in die Neuausrichtung der Antriebstechnologie gesteckt. Aber selbst wenn früher erkannt worden wäre, wie relevant E-Mobilität wird - die Zahl der Arbeitsplätze wäre dadurch nicht größer geworden, auch dann wären Stellen gekürzt worden. Die Autobauer hätten dann vielleicht mehr E-Autos verkauft, aber das Grundproblem, dass weniger Arbeitsplätze benötigt werden, bliebe bestehen.

Demonstranten der IG Metall am 08.10.2019 in Roding
Die IG-Metall veranstaltet eine Protestserie gegen den Stellenabbau in der Autoindustrie.
Quelle: DPA

Was fordern die Gewerkschaften?

IG Metall und IG BCE sind überzeugt, dass auch Managementfehler eine Ursache für die Entwicklung sind. Jetzt gelte es, Beschäftigung und Standorte zu sichern. Ein Sprecher der IG-Metall macht klar, dass es Weiterbildungen für alle Beschäftigten brauche, nicht nur für Führungskräfte und Spezialisten. Außerdem fordert die Gewerkschaft, dass Beschäftigte und Betriebsräte bei Fragen der Weiterqualifizierung mehr mitbestimmen dürfen.

Wie steht es um die Autozulieferer?

Da mit dem Umstieg auf E-Mobilität weniger Teile für den Autobau benötigt werden, gehen die entsprechenden Umsätze bei den Zuliefer-Firmen zurück. Der zweitgrößte Autozulieferer Continental zum Beispiel will sich deshalb neu aufstellen und angesichts des Umbruchs der Autobranche künftig weniger Hydraulik und Technik für Verbrennungsmotoren anbieten. Vorstandschef Elmar Degenhart hatte zugesagt, dass Kündigungen nur als "allerletztes Mittel" denkbar seien. Grundsätzlich will der Zulieferer den Umbau über möglichst viele Umschulungen abfedern und nicht neu einstellen. Weltweit könnten laut Continental bis 2023 rund 15.000 Jobs von "Veränderungen" betroffen sein, davon 5.000 in Deutschland.

Wie geht es weiter?

"Die nächsten Jahre werden für die Automobilindustrie und dabei besonders für die Hersteller und die Zulieferer schwierig", sagt Biethahn. Aber auch der Handel müsse sich verändern. Zurzeit drohten Gefahren durch eine Wirtschaftskrise, die Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle der exportlastigen deutschen Automobilindustrie haben könnte. Die Unternehmen seien gleichzeitig gezwungen, hohe Summen für Forschung und Entwicklung in parallele Technologien zu investieren.

Auch die Umstellung der Produktionssysteme von Verbrenner- zu Elektrofahrzeugen inklusive der Konsequenzen für die Mitarbeiter werde vermutlich viel kosten. Wenn man diese Punkte zusammen nehme, so Biethahn, sei erkennbar, dass die Risiken für die nächsten Jahre größer seien als die Chancen.

Der Autorin auf Twitter folgen: @kathi_diana7

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