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Protesttour nach Berlin - Physiotherapie: Es bewegt sich zu wenig

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Ein Mann, ein Rad, ein Ziel: Deutscher Bundestag. Physiotherapeut Schneider will ein Zeichen für bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Patientenversorgung setzen.

Heiko Schneider
Heiko Schneider Quelle: privat

Deutschland hat Nachholbedarf im Pflegesektor, das ist längst kein Geheimnis mehr. Vor allem im Bereich der Physiotherapie herrscht große Unzufriedenheit bei Auszubildenden, Therapeuten und Patienten. Auch Physiotherapeut Heiko Schneider ist verägert. Er hat einen Brandbrief an die Politik geschrieben und dafür Zuspruch aus allen Regionen des Landes geerntet. Damit die Botschaft auch genügend Aufmerksamkeit erfährt, plant der Frankfurter eine Art Protest-Fahrradtour nach Berlin.  

Immer weniger Leistungen

Schneider hadert schon lange mit den unzulänglichen Rahmenbedingungen. Neben den hohen Ausbildungs- und Fortbildungskosten ist es vor allem der Verdienst, der ihm Sorge bereitet. Tag für Tag kämpft er um seine Existenz. Das Fass zum Überlaufen brachte dann der Fall einer Patientin. "Sie brauchte dringend notwendige Anwendungen nach einer OP und lief permanent den Rezepten hinterher, was eine ständige Unterbrechung der Therapie zur Folge hatte", erzählt er.

Ähnliches erleben auch viele Andere. "Längst erhalten wir nicht mehr die Leistungen wie noch vor einigen Jahren", bemängelt ein Rentner-Ehepaar aus Limburg an der Lahn, das seit Jahrzehnten wegen rheumatischer Erkrankungen auf physiotherapeutische Behandlungen angewiesen ist. "Dabei ermöglicht uns die Therapie einen halbwegs schmerzfreien Alltag", klagen sie weiter. Die behandelnde Therapeutin Johanna Bordkorb kann da nur beipflichten: "Es ist schwierig, jedes Folgerezept ist ein Kampf. Wir würden gerne mehr behandeln. Aber uns sind die Hände gebunden."

15 Minuten All-Inclusive

Nüchterner ist hier die Betrachtungsweise der Krankenkassen. "Solange Heilmittel medizinisch notwendig sind, werden sie übernommen. Mit einer entsprechenden Begründung des Arztes auch über die Regelbehandlungsdauer hinaus", entgegnet die Barmer GEK. Der sehr individuelle Bedarf des Patienten sei ausschlaggebend. Dies gelte auch für die Dauer einer Behandlungseinheit. Soweit die Theorie - apropos Behandlungseinheit: Die Vergütungszeit wird von den Kassen in der Regel auf 15 bis 25 Minuten limitiert. "Das ist einfach zu wenig für eine effektive Behandlung, bedenkt man, dass Terminvereinbarungen, Protokollierung und das Ablegen der Kleidung eingerechnet sind",  ärgert sich Therapeut Andreas Heimer aus Kelkheim.

Therapieraum mit Massagebett
Therapieraum mit Massagebett Quelle: imago

Weiterer Kritikpunkt: die hohen Ausbildungs- und Fortbildungskosten. So muss allein bis zur Auszahlung des ersten Gehalts mit Ausgaben um die 18.000 Euro gerechnet werden. Dem gegenüber steht ein durchschnittliches Bruttoeinkommen von knapp 2.200 Euro im Monat. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nun im Koalitionsvertrag der Union und SPD angekündigt, das Schulgeld abschaffen zu wollen. Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) e.V. hofft auf eine schnelle Umsetzung. "Unser Beruf muss attraktiver werden. Die Politik muss heute die Weichen für morgen stellen, um die Patientenversorgung zu sichern", sagt Pressesprecherin Ute Merz.

Mission mit Gewicht

Nicht verwunderlich, dass die Branche Jahr für Jahr an Nachwuchs verliert. Dabei könnte es ein so lohnenswerter Beruf sein. Denn in einem Punkt sind sich die Therapeuten einig: Es gibt nichts Schöneres als zu sehen, wie Patienten Fortschritte machen, wie sie Menschen wieder zurück in die Bewegung helfen können, zurück in den Alltag. Diese kleinen Erfolge geben ihnen Kraft weiterzumachen. Nun müsse an der Basis gearbeitet werden, findet Heiko Schneider.

"Politik, Krankenkassen, Therapeuten und auch die Verbände müssen an einen Tisch. Das ist ein elementares Ziel meiner Mission", betont der 42-Jährige. Seine Tour wird am 25. Mai starten: 550 Kilometer Richtung Deutscher Bundestag. Die letzte Etappe von Potsdam nach Berlin hat der Akademiker bereits als Demonstration angemeldet. Denn eines ist sicher: Während sich die beteiligten Akteure gegenseitig verantwortlich machen, sind die Leidtragenden dieser Geschichte leider immer die Patienten.

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