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Todesfall in Köthen - Prozess gegen zwei Afghanen beginnt

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Im Spätsommer wollte ein 22-Jähriger in Köthen einen Streit schlichten. Doch er geriet zwischen die Fronten und starb kurz darauf im Krankenhaus. Nun beginnt der Prozess.

Nach dem Tod eines jungen Mannes in Köthen im September stehen zwei Afghanen vor Gericht. Der Fall war Anlass für Demos, an denen sich auch viele Rechtsextreme beteiligten.

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Köthen heute

Es ist wieder ruhig in Köthen. In der sachsen-anhaltischen Kreisstadt, auf halber Strecke zwischen Magdeburg und Leipzig gelegen. Die Einwohner sind froh, dass sie nicht mehr im Fokus stehen von politischer Vereinnahmung, und die Karawane medialer Aufmerksamkeit weitergezogen ist, nachdem sie Anfang September vergangenen Jahres wie aus dem Nichts über sie hereingebrochen war.

"Ich würde sagen, die Stimmung in Köthen ist wie vor dem Vorfall, neutral und keiner spricht mehr drüber", erzählt Maria. Die 22-Jährige lebt seit drei Jahren in der 26.000-Einwohner Stadt und studiert hier Biotechnologie. "Jeder geht seiner Wege und man hat nichts von weiteren Taten mitbekommen bzw. keiner benimmt sich jetzt anders."

Köthen September 2018 – was ist passiert?

Was ist passiert, damals, in der Spätsommernacht vom 8. auf den 9. September, auf dem Spielplatz Karlsplatz? Laut bisherigen Ermittlungsergebnissen schlugen ein 17- und ein 18-Jähriger, beide afghanische Staatsbürger, auf einen Landsmann ein, fügten ihm dabei Riss- und Quetschwunden im Gesicht zu. Sie sollen sich um eine anwesende schwangere Deutsche gestritten haben – darum, wer der Vater ihres noch ungeborenen Kindes sei.

Später kam eine weitere Gruppe hinzu. Ein 22-Jähriger Köthener, Markus B., soll versucht haben zu schlichten. Dabei habe ihn einer der beiden Afghanen zu Boden geschlagen und der andere mindestens einmal gegen Kopf oder Oberkörper getreten. Markus B. verlor das Bewusstsein – und starb wenige Minuten später im Krankenhaus. Todesursache: aller Wahrscheinlichkeit nach ein akuter Herzinfarkt, wird es später im rechtsmedizinischen Gutachten heißen. Markus B. hatte von Geburt an ein schwaches Herz. Die Schläge der Afghanen, der Stress des Streits und wohl auch Alkohol – scheinen den Herzinfarkt mit ausgelöst zu haben. Gegen die beiden Tatverdächtigen wurde noch am gleichen Tag Haftbefehl erlassen.

Die Mobilisierung

Wenige Stunden später, am Sonntagmorgen, hat sich die Nachricht von Markus B.s Tod bereits herum gesprochen. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) erkennt die Brisanz – immerhin lagen die großen Demonstrationen und Ausschreitungen in Chemnitz erst wenige Tage zurück. Auch dort war ein Deutscher ums Leben gekommen, erstochen, mutmaßlich von Asylbewerbern. Stahlknecht schickt die Bereitschaftspolizei und bittet um Hilfe in den Nachbarländern.

Währenddessen mobilisieren rechte Gruppen im Internet zu einem Trauermarsch am Abend: Rund 2.500 Teilnehmer kommen, unter ihnen etwa 500 Rechtsextreme – die wenigsten aus der Umgebung, die meisten angereist aus anderen Bundesländern. Am Ende werden Aufrufe zum "Widerstand", für einen "Nationalen Sozialismus" skandiert. Neonazi David Köckert aus Thüringen beleidigt Polizisten, bedroht Journalisten und spricht gar vom "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk".

Bis Ende September finden in Köthen weitere Demonstrationen, Kundgebungen und Konzerte statt: von Bürgern, gewaltbereiten Nazis, linken Gegendemonstranten. Viele kommen von außerhalb. Köthen - im Belagerungszustand. So kommt es manch einem vor. Um das Opfer Markus B., geht es vielen dabei schon lange nicht mehr.

Für die Studentin Maria war es krass zu sehen, wie sich über zwei, drei Wochen alles in Köthen um dieses Thema drehte. Und wie schnell danach alles in Vergessenheit geraten zu sein schien. "Aber genau dieses Gefühl hatte ich von Anfang an. Als würde diese Tat nur ausgenutzt werden, um die Bürger aufzubringen und zu beeinflussen. Jetzt geht jeder wieder seiner Wege und die Montagsdemos bestehen wieder nur aus fünf Mann und nicht aus 500."

Köthen heute: Bürgermeister würdigt Zusammenhalt

Und Köthen selbst? Die Zivilgesellschaft? Oberbürgermeister Bernd Hauschild (SPD) hat von Anfang an versucht, seine Stadt zusammenzuhalten. Dagegen anzukämpfen, dass der tragische Tod instrumentalisiert wird – egal von welcher Seite. Er reagierte rasch, öffnete das Rathaus für die Bürger, um gemeinsam zu besprechen, wie es weiter gehen sollte. Die Kirche lud für den Nachmittag zum Friedensgebet. Raum zum Trauern geben, im Gespräch bleiben. Das war das Ziel auch in den folgenden Tagen. Daraus erwuchsen auch eine Kunstaktion und ein Bürgerfest für ein friedliches, weltoffenes Miteinander.

Darüber sind die Köthener zusammengerückt, findet Hauschild. Es gebe heute einen starken Zusammenhalt in der Bürgerschaft, das habe er sich zuvor nicht vorstellen können. "Aber ich denke, wenn über Köthen heute was hereinbrechen würde, egal welcher Art, die Köthener stehen zusammen."

Die Autorin ist Redakteurin im ZDF-Studio Sachsen-Anhalt.

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