Sie sind hier:

Prozess-Auftakt in Istanbul - Kein sofortiger Freispruch für Yücel

Datum:

Im Prozess gegen Deniz Yücel forderte der Verteidiger erfolglos Freispruch. Der Anwalt steht derzeit nicht nur als Verteidiger vor Gericht - er muss sich bald selbst verantworten.

Archiv: Deniz Yücel am 25.04.18 zu Gast bei "maybit illner"
Deniz Yücel wurde heute in Abwesenheit in Istanbul der Prozess gemacht. (Archivbild) Quelle: dpa

Am ersten Tag des Prozesses gegen den "Welt"-Journalisten Deniz Yücel in der Türkei hat der Richter einen Freispruch des Angeklagten abgelehnt - und das Verfahren nach einer knappen Dreiviertelstunde Verhandlungsdauer vertagt: auf den 20. Dezember. Die Bedingungen für einen sofortigen Freispruch seien unter anderem "wegen der Schwere der Anklage nicht gegeben", sagte er vor Gericht im Istanbuler Stadtviertel Caglayan. Außerdem müssten erst noch Beweise geprüft werden.

Der Richter forderte außerdem eine "schriftliche Aussage" von Yücel. Eine Videoaussage, wie von Yücels Anwalt Veysel Ok vorgeschlagen, wollte er nicht akzeptieren. Das Gericht vertagte sich nach einer knappen Dreiviertelstunde Verhandlungsdauer auf den 20. Dezember. Yücel nimmt an dem Prozess nicht teil. Er war im Februar nach einjähriger Untersuchungshaft entlassen worden und ausgereist. Der deutsch-türkische Journalist hatte sich im Februar 2017 der türkischen Polizei gestellt und war daraufhin ein Jahr lang ohne Anklage inhaftiert worden.

Kritik an Forderung der Behörden

Yücels Anwalt, der sich selbst wegen angeblicher Beleidigung der türkischen Justiz vor Gericht verantworten muss, machte in Abwesenheit seines Mandanten den türkischen Polizei- und Justizbehörden zu Beginn des Verhandlungstags schwere Vorwürfe, wie Prozessbeobachter am Donnerstag in sozialen Medien berichteten.

Die von Ok mitgegründete türkische Nichtregierungsorganisation "Media and Law Studies Association" zitierte den Anwalt auf Twitter mit den Worten: "Kein Strafverfolger oder Richter kann hinterfragen, wie ein Journalist an einer Geschichte arbeitet, in welcher Art er daran arbeitet, wie er sie aufschreibt, wo er seinen Bericht veröffentlicht und mit wem er während seiner Recherche gesprochen hat."

Die Staatsanwaltschaft fordert für den Korrespondenten der Tageszeitung "Die Welt" 18 Jahre Haft. In der drei Seiten umfassenden Anklageschrift werden ihm unter anderen "Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit" und "Propaganda für eine Terrororganisation" vorgeworfen. Der "Welt"-Korrespondent saß von Ende Februar 2017 an im Hochsicherheitsgefängnis Silivri nahe Istanbul in Untersuchungshaft.

Verfahren am Gerichtshof für Menschenrechte

Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.
Fall Yücel kommt auch vor EU-Gerichtshof für Menschenrechte. Quelle: Violetta Kuhn/dpa

Yücel hatte seit 2015 für die "Welt" aus der Türkei berichtet. Er hatte sich in einigen seiner Artikel kritisch über den Kurdenkonflikt und den Putschversuch im Juli 2016 geäußert. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte Yücel in einer Rede als "PKK-Vertreter" und "deutschen Agenten" bezeichnet.

Voraussichtlich Ende Juli wird der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) über den Fall Yücel entscheiden. Seit dem Putschversuch vor zwei Jahren geht die türkische Führung mit massiven Repressionen gegen Kritiker vor. In der Rangliste der Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 157 von 180 Ländern.

Auch Yücels Anwalt droht Haft

Veysel Ok, Yücels Anwalt, drohen übrigens selbst zwei Jahre Haft, weil er in einem Zeitungsinterview im Jahr 2015 die türkische Justiz beleidigt haben soll. Sein Prozess wird nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" am 4. Juli fortgesetzt.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.