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Anklage wegen Sexualverbrechen - Prozess gegen Ex-Filmmogul Weinstein startet

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Sein Fall erschütterte die Welt und löste die MeToo-Bewegung aus. Nun, zwei Jahre später, beginnt in New York der Prozess gegen Harvey Weinstein. Der Ausgang ist völlig offen.

Archiv: Harvey Weinstein, aufgenommen am 26.08.2019
Harvey Weinstein - muss sich den Vorwürfen vor Gericht stellen
Quelle: Reuters

Wenn Harvey Weinstein heute das Oberste Gericht des Staates New York betreten wird, ist die Welt eine andere als 2017. Damals wurde der Filmmogul zum Symbol sexueller Übergriffe. Er wurde zum Hassobjekt einer weltweiten Bewegung, die in der Zwischenzeit eine Lawine von Vorwürfen gegen unzählige weitere Männer losgetreten hat.

Weinstein - Hassobjekt einer weltweiten Bewegung

Doch beim Prozess geht es nicht nur um Gerechtigkeit für Weinsteins mutmaßliche Opfer. Das Urteil, das am Ende steht, dürfte entweder Genugtuung oder Entsetzen bei Millionen Opfern von sexueller Gewalt auslösen. Für viele wird nicht nur über den Multi-Millionär Gericht gehalten, sondern über ein Muster männlichen Machtmissbrauchs. Ob er schuldig ist? Die Öffentlichkeit scheint sich ihr Bild schon längst gemacht zu haben.

Nun müssen die Staatsanwälte juristisch beweisen, dass er sich der Vergewaltigung, krimineller sexueller Handlungen und räuberischer sexueller Übergriffe schuldig gemacht habe. Weinstein betonte immer wieder, jegliche Handlungen seien einvernehmlich gewesen. 

Sexuelle Belästigung lange Tabuthema

Die Geschichte der Vorwürfe von Dutzenden Frauen gegen den Produzenten begann lange vor dem Dammbruch 2017, denn seine angeblichen sexuellen Übergriffe waren in Hollywood und in der Schauspielszene New Yorks jahrzehntelang ein offenes Geheimnis.

Gwyneth Paltrow
Gwyneth Paltrow hatte sich bereits 1998 über Weinstein geäußert
Quelle: Reuters

Bereits 1998 sagte Schauspielerin Gwyneth Paltrow über Weinstein: "Er wird dich zu ein oder zwei Sachen zwingen", was sie damals im Zusammenhang mit PR-Terminen für Filme sagte. Später jedoch erklärte sie, von ihm belästigt worden zu sein. Sängerin Courtney Love antwortete 2005 auf die Frage einer Reporterin, was sie jungen Schauspielern in Hollywood rate: "Wenn Harvey Weinstein dich zu einer privaten Party ins "Four Seasons" einlädt, gehe nicht hin."

Angelina Jolie, Ashley Judd, Uma Thurman oder Salma Hayek beschuldigten Weinstein

Es dauerte bis zum Oktober 2017, dass die "New York Times" und der "New Yorker" trotz aggressiver Klage-Drohungen über die Vorwürfe mehrerer Frauen berichteten. Den später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Artikeln folgte eine Welle neuer Enthüllungen. Dutzende Frauen - darunter bekannte Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Ashley Judd, Uma Thurman oder Salma Hayek - beschuldigten Weinstein, sie angefasst, sich ihnen aufgedrängt und ein einzelnen Fällen auch vergewaltigt zu haben. Weinstein gab Fehler zu, bestritt aber kriminelle Handlungen.

Archiv: Salma Hayek, aufgenommen am 02.01.2020
Salma Hayek und andere bekannte Schauspielerinnen hatten Weinstein beschuldigt
Quelle: Reuters

Die Vorwürfe ergaben ein Muster: Der schwerreiche Weinstein, der die Branche dominierte und mit Filmen wie "Pulp Fiction", "Good Will Hunting" oder "Shakespeare in Love" Oscars einheimste, nutzte seine Macht und versprach jungen Frauen die große Karriere, um sie gefügig zu machen. Und wenn es doch Probleme gab, erkaufte er sich ihr Schweigen mit außergerichtlichen Einigungen. 

MeToo-Bewegung kommt ins Rollen

Als die Anschuldigungen gegen Weinstein ans Tageslicht kamen, erkannten viele Frauen und auch einige Männer überall auf der Welt ihre eigenen Geschichten in denen der Weinstein-Opfer wieder. Sie begannen, sie unter dem Schlagwort "Metoo" ("ich auch") zu sammeln. Das Spektrum reichte von blöden Sprüchen, unflätigem Verhalten über Machtmissbrauch bis hin zu jahrelanger Gewalt. Ein Jahr später gab es insgesamt 19 Millionen Tweets mit dem mittlerweile weltbekannten Hashtag.

Ohne den Journalisten Ronan Farrow hätte es die #metoo-Debatte vielleicht nie gegeben. Er hat jetzt ein Buch zur Weinstein-Affäre herausgebracht.

Die Ausläufer der Debatte erreichten die letzten Winkel vieler Gesellschaften - Büros, Sportvereine und Wohnzimmer. Viele nie erzählte Erlebnisse tauchten auf. Ob es der schmierige Onkel war, der grapschende Kollege oder der Fremde, der in der Straßenbahn onaniert. Fast jede Frau hat so etwas erlebt.

Prominente wie Kevin Spacey stürzen über MeToo - wie etwa Bill Cosby und Kevin Spacey

Die entfesselten Geschichten brachten vor allem in den USA eine Reihe von mächtigen Männern zu Fall, die "New York Times" zählte vergangenen Herbst 201. Darunter der Komiker Louis C.K. und Oscar-Preisträger Kevin Spacey, der seine Titelrolle in der Politserie "House of Cards" verlor, auch wenn ihm nie der Prozess gemacht wurde. Als einziger Verurteilter der MeToo-Ära gilt bisher Entertainer Bill Cosby, der seit 2018 wegen sexueller Nötigung im Gefängnis sitzt. Die öffentlichen Vorwürfe gegen ihn aber begannen Jahre vor dem Skandal um Weinstein.

Glaubwürdigkeit der Opfer ausschlaggebend

Harvey Weinstein unterdessen freut sich auf seinen Prozess, um sich von den Vorwürfen reinwaschen zu können, wie seine Anwältin Donna Rotunna kürzlich sagte. Sie kündigte eine aggressive Verteidigung für ihren Mandanten an: "Nur, weil jemand etwas behauptet, macht es das noch nicht wahr".

Nur, weil jemand etwas behauptet, macht es das noch nicht wahr.
Anwältin Donna Rotunna

Daniel Richman, Jura-Professor an der Columbia Universität in New York, sagt unterdessen, dass es für das Weinstein-Lager darauf ankommt, Zweifel zu säen: "Generell sieht man in Fällen wie diesen Versuche, die Erinnerung von Zeugen anzugreifen oder nahezulegen, dass sie ein Motiv haben, sich Dinge auszudenken." "Das Ziel der Anklage wäre, zu zeigen, dass diese Frauen glaubhaft von Dingen berichten, die passiert sind, obwohl Erinnerungen verschwommen sein können", so Richman weiter. Auch müsse erklärt werden, warum die Frauen nicht früher mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen seien.

Archiv: Kevin Spacey , aufgenommen am 02.03.2014
Kevin Spacey verlor seine Titelrolle in der Politserie "House of Cards"
Quelle: Reuters

Eine weitere Hauptrolle im Prozess dürfte der Gesundheitszustand des 67-jährigen Weinstein spielen. Zuletzt kam er nach einem Autounfall mit einer Gehhilfe zu den Anhörungen im Gericht. Wie auch immer der Prozess ausgeht: Weinstein hat bereits viel verloren. Seine Filmproduktionsfirma existiert nicht mehr, sein Ruf in der Branche ist genauso zerstört wie seine ehemalige Machtposition. Es scheint selbst bei einem Freispruch ausgeschlossen, dass er je wieder an seine beruflichen Erfolge anknüpfen kann.

Nur zwei Vorfälle werden verhandelt: erzwungener Oralverkehr und Vergewaltigung

Der Schlüssel für beide Seiten ist dabei, die Jury für sich zu gewinnen. Sie allein entscheidet über Schuld oder Unschuld Weinsteins. "Alles ist möglich. Das heißt, die Geschworenen - wenn sie erst einmal ausgewählt sind - sind Menschen (...)", sagt Experte Richman.

Zwar hatten mehr als 80 Frauen Vorwürfe gegen Weinstein erhoben, doch beim Strafprozess werden nur zwei Vorfälle aus den Jahren 2006 und 2013 - erzwungener Oralverkehr und Vergewaltigung - verhandelt. Von ihnen erhofft sich die Anklage offensichtlich die besten Chancen auf eine Verurteilung. Falls Weinstein schuldig gesprochen wird, kann er Berufung einlegen. Entscheidend beim Prozess des Jahres wird sein, ob der Fall, der die MeToo-Ära eingeläutet hat, auch vor einem Strafgericht besteht. Der Ausgang ist völlig offen.

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