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"Horrorhaus"-Prozess endet - Die unfassbaren Taten von Höxter

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Das "Horrorhaus von Höxter": Nach zwei Jahren Prozess soll heute das Urteil fallen. Die Taten sind unfassbar - und trotz Gutachten und Aussagen bleiben Fragen offen.

Der Mordprozess von Höxter geht in die letzte Runde.
In diesem Haus soll das Ex-Ehepaar seine Taten begangen haben.
Quelle: Friso Gentsch/dpa

Es waren Verbrechen, die das Grusel-Vokabular der deutschen Sprache in seiner ganzen Bandbreite forderten: "unfassbar", "verabscheuungswürdig", "abartig", "grauenvoll". Zwei Frauen starben nach monatelangen körperlichen und psychischen Misshandlungen in einem heruntergekommenen Hof, dem "Horrorhaus von Höxter". Sie wurden vorher geschlagen, verbrannt, verbrüht, gedemütigt.

Gedemütigt, gequält, zersägt

Nach fast zwei Jahren und 60 Verhandlungstagen wird heute das Urteil erwartet. Der Staatsanwalt hat für die Angeklagten Wilfried W. und Angelika W. eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes und versuchten Mordes durch Unterlassen gefordert, unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Unterlassen deshalb, weil sie die 33-jährige Anika W. und die 41-jährige Susanne F. an ihren Verletzungen sterben ließen.

Besonders der Fall von Anika W. war auch für hartgesottene Gerichtsreporter schwer zu ertragen: Nach dem Tod der Frau - sie stürzte völlig entkräftet im Hof des Hauses auf den Steinboden und schlug sich den Kopf ein - wurde ihre Leiche zunächst in eine Tiefkühltruhe gelegt und dann von Angelika W. zersägt. Die Körperteile wurden im Kamin des Gehöfts verbrannt und die Asche auf Feldern und Wegen verteilt.

Die Details der grausigen Taten entstammen den Verhören von Angelika W., die emotionslos alles erzählte, was die Ermittler von ihr wissen wollten. Hätte sie nicht so schonungslos ausgesagt, wäre der Prozess sicherlich nicht in der jetzigen Form möglich gewesen.

Mutmaßliches Täterpaar war grundverschieden

Ein Kriminalfall ohne Vorbild: Im nur wenige Hundert Seelen zählenden Ortsteil Bosseborn, einem idyllischen Dorf in Ostwestfalen, lebten der heute 48-Jährige Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. in einer äußerst ungewöhnlichen Symbiose zusammen. Eigentlich waren sie geschieden, aber trotzdem blieb Angelika in dem Haus wohnen - wohl weil sie nichts mit sich anzufangen wusste.

Ein ungleiches Paar: Wilfried W., ein Sonderschüler, laut Gutachterin im juristischen Sinne schwachsinnig und darum möglicherweise nur vermindert schuldfähig. Und Angelika W., eine gelernte Gärtnerin, mit einem IQ von über 120 überdurchschnittlich intelligent, extrem herrsch- und machtbewusst, völlig ohne Empathie.

Angeklagter bereits wegen ähnlicher Tat verurteilt

Wilfried W. saß in den 90er Jahren schon einmal fast drei Jahre im Gefängnis für ein nahezu identisches Verbrechen, damals kannte er Angelika W. noch gar nicht. Er hatte zusammen mit einer Komplizin seine damalige Ehefrau ähnlich gequält und misshandelt, wie es später in Bosseborn passierte. Vor allem auch deshalb fällt es schwer, seiner Version zu glauben, seine Exfrau Angelika sei die treibende Kraft hinter den Taten gewesen.

Seine frühere Komplizin wurde vor Gericht angehört, sie schilderte Wilfried W. als aufbrausend, gewalttätig und brutal. Alles habe so geschehen müssen, wie er es wollte. "Unberechenbar ist der." Sie habe Knochenbrüche an den Fingern davongetragen durch seine Misshandlungen, er habe sie auch gewürgt: "Manchmal hatte man das Gefühl, gleich ist es vorbei."

Angelika W. knüpfte Kontakte für Wilfried W.

20 Jahre später dann die Beziehung zu Angelika. Sie brauchten sich wohl gegenseitig, vor allem nach der Scheidung. Wilfried W. wollte immer neue Frauen, die über Kontaktanzeigen in Zeitungen und online geködert wurden. Er war aber sprachlich und intellektuell nicht dazu in der Lage, die Anzeigen aufzugeben, außerdem hatte er keinen Führerschein. Darum brauchte er Angelika W., die ihn in den Anzeigen wortgewandt als gefühl- und verantwortungsvoll beschrieb und zu den Dates fahren konnte. Und sie blieb, weil sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte. Sie suchten nach Frauen, die psychisch labil waren und nur wenige soziale Kontakte hatten. Anika W., die 2013 in das Haus einzog, heiratete Wilfried W. schon nach zwei Wochen.

Wie viele Frauen in all den Jahren in das Haus zogen, ist unklar. Eine, Christel P., kam immerhin mit dem Leben davon. Sie verbrachte mehrere Monate in dem Haus, wurde mit Schlägen und Pfefferspray traktiert und mehrmals auch bei Winterkälte im angrenzenden Schweinestall angekettet. Sie schilderte, wie ihr Wilfried W. beim Ausmisten im Schweinestall plötzlich aus heiterem Himmel die Schaufel ins Gesicht schlug und dann grinsend sagte: "Das war ich nicht." Nachdem Christel P. eine "Vereinbarung" unterschrieben hatte, dass sie im Haus "keiner körperlichen und seelischen Gewalt ausgesetzt" gewesen sei, wurde sie in den Zug nach Magdeburg gesetzt, ihrer Heimatstadt.

Kaputtes Auto brachte Taten ans Licht

Anika W. und Susanne F. hatten dieses Glück nicht: Die Liste der Misshandlungen ist lang, Angelika W. hat dem Gericht alles akribisch aufgeschrieben. Einmal lag Anika W. gefesselt in der Badewanne im Keller, weil Angelika W. "genervt" war: "Die gab immer so blöde Antworten", sagte die mutmaßliche Täterin aus. Sie ließ das Wasser ein. Die Frau wäre ertrunken, hätte nicht Wilfried W. noch rechtzeitig den Hahn abgestellt.

Wer von den beiden die treibende Kraft war, diese Frage wurde im Gericht oft gestellt. Die Antwort lautet wohl: beide. Angelika W. hat offenbar die meisten Misshandlungen ausgeführt, sie behauptete, das getan zu haben, um vorauseilend dem Willen von Wilfried W. zu folgen. Außerdem sei sie selbst verschont worden, wenn eine Frau im Haus war, die gequält werden konnte.

Dass die Verbrechen überhaupt aufflogen, ist einem kaputten Auto zu verdanken: Als Susanne F. wegen ihrer schweren Verletzungen im April 2016 im Sterben lag, packte das Ex-Ehepaar die Frau ins Auto und fuhr Richtung Bad Gandersheim, dem Wohnort von Susanne F., wo sie noch ihre Wohnung hatte. Dort wollten sie die Frau abladen. Doch unterwegs blieb das Auto liegen, die beiden wussten sich nicht anders zu helfen, als den Notarzt zu rufen. Susanne F. starb im Krankenhaus an ihren schweren Kopfverletzungen. Drei Tage später standen in Bosseborn Polizeibeamte vor der Tür und nahmen Wilfried W. und Angelika W. fest.

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