Sie sind hier:

Prozessbeginn gegen Schleuser - Das Geschäft mit der Verzweiflung

Datum:

Im August 2015 erstickten 71 Flüchtlinge auf dem Weg von Ungarn nach Österreich in einem Kühllaster. Die Schlepper wurden von der Polizei abgehört - Zeugnisse des brutalen Geschäfts der Schleuserbanden. In Ungarn hat heute der Prozess gegen die Männer begonnen.

Im August 2015 erstickten 71 Flüchtlinge auf dem Weg von Ungarn nach Österreich in einem Kühllaster. Elf mutmaßliche Mitglieder einer Schleuserbande stehen nun vor Gericht – vier von ihnen wegen Mordes.

Beitragslänge:
1 min
Datum:


Es sind verstörende Wortwechsel, die da schon vor Prozessbeginn an die Öffentlichkeit dringen. Die ungarische Polizei zeichnete Telefonate mit, zwischen den beteiligten Schleppern, während ihre Ware, während 71 Menschen qualvoll ersticken. "Sie klopfen, weißt Du wie stark sie klopfen", sagt der Fahrer des Kühllasters zu einem bulgarischen Komplizen. Der antwortet: "Du sollst weiter fahren, das ist das Wichtigste." Nochmal wendet der Fahrer ein: "Sie schreien einfach die ganze Zeit, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was hier los ist, wie sie schreien.“ Mehr als ein "Alles klar" kommt nicht zurück. Und die Telefonate gipfeln in der Anweisung des vermeintlichen Bandenchefs: "Falls die Leute sterben, dann soll er sie in Deutschland im Wald abladen." In diese Worte mischt sich offenbar noch Gelächter, zynisches Gelächter. Der Mitschnitt liegt dem Recherchenetzwerk von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vor.

"Migranten die Ware der Schlepper - und verdorbene Ware schmeißt man weg"

Eva Schiller
Eva Schiller, Studio Wien Quelle: ZDF

Wir treffen Gerald Tatzgern, er ist Chefermittler der österreichischen Spezialeinheit gegen Menschenhändler und Schleuser, angesiedelt im Bundeskriminalamt. Tatzgern war selber an den Ermittlungen beteiligt, gegen die Schlepper, die 71 Menschen brutal sterben ließen, die 71 Menschen Hoffnung und Würde nahmen.

Der gnadenlose Tonfall der Bande ist für ihn nicht weiter schockierend, sondern grausamer Alltag: "Es zeigt einfach, was ich immer unterstreiche, dass Schlepper keine Fluchthelfer sind. Das heißt sie behandeln den Migranten, die Migrantinnen wie Ware, wie verdorbene Ware, wenn etwas passiert ist. Und verdorbene Ware schmeißt man weg", sagt der 49-jährige Ermittler.

Polizei hatte das Schleppernetzwerk bereits im Visier

Nach dem Fund des Kühllasters ist man den Verantwortlichen binnen 24 Stunden auf die Schliche gekommen. Denn die ungarische Polizei hatte das Schleppernetzwerk um einen Afghanen und einen Bulgaren bereits im Visier. Zwei Wochen schon zeichneten die Behörden ihre Telefonate auf - doch die Mitschnitte der Todesfahrt wurden nicht rechtzeitig ausgewertet und übersetzt.

Hätte man die Menschen retten können? Als wir dem österreichischen Ermittler diese Frage stellen, zuckt er nur mit den Achseln. "Wir in Österreich versuchen bei den Schleppereiermittlungen sehr zeitnah an Überwachungsmaßnahmen zu sein. Das heißt, wir sind teilweise live drauf. Aber selbst dann ist es kaum vermeidbar, weil die Schlepper sehr kryptisch, sehr verschlüsselt kommunizieren", sagt er.

Vor Gericht stehen wieder nur Handlanger

Tatzgern ist seit 30 Jahren Polizist, hat sich die Hälfte seiner Dienstzeit mit Menschenschmuggel befasst. Kaum ein Ermittler in Europa kennt die Szene so gut wie er. Die elf Schleuserbandenmitglieder, die ab Mittwoch im ungarischen Kecskemet vor Gericht stehen, seien Schmuggler aus der zweiten und dritten Linie, so nennt er es. Also Handlanger, wie der Fahrer, die direkt mit den Migranten in Kontakt kommen und Checker, also Organisatoren, die die Schleusung direkt organisieren.

Die Hintermänner des Netzwerkes bleiben - wie so oft - unangetastet. Aber dass sich die beiden Hauptangeklagten für Mord verantworten müssen, sei schon ein wichtiger Schritt, so Tatzgern.

Das Geschäft blüht - weil die Verzweiflung groß ist

Auf der Balkanroute gibt es pro Land nur einige wenige Oberbosse, so die Erkenntnis der österreichischen Spezialeinheit. Und eins steht fest: Das Geschäft floriert, denn seit die Grenzen dicht sind, ist es für die vielen festsitzenden Flüchtlinge so gut wie unmöglich geworden, auf anderem Weg nach Westeuropa zu gelangen.

Erst Anfang Juni verunglückte in Bulgarien ein Kleinlaster mit 17 Flüchtlingen, zusammengepfercht auf der Ladefläche. Zehn Migranten starben, der Fahrer war ein 16-Jähriger Bulgare. "Das Geschäft blüht ganz gut. Das heißt sie versuchen wirklich viele Menschen nach wie vor in Kleinlastwagen oder größeren Lastwagen über die Grenze zu bringen. Aber wir versuchen natürlich, denen das Leben so schwer wie möglich zu machen", sagt Ermittler Tatzgern.

Aber wo die Verzweiflung groß ist, wo die Nachfrage hoch bleibt, ist es schwer bis unmöglich, illegale Schleusungen komplett zu verhindern. Die Kühllaster-Tragöde habe zumindest eines bewirkt, erzählt Gerald Tatzgern noch. Mittlerweile würden viele Schlepper in den Herkunftsländern eine Art Depot anlegen: Das komplette Geld wird nur ausgezahlt, wenn Flüchtlinge ihr Zielland erreichen. Ein schwacher Trost, nach einer schamlosen Tat, die 71 Menschen und ihren Familien die Zukunft geraubt hat.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.