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Prozess um Wehrhahn-Anschlag - Bombenleger oder nur "Nazi-Spinner"?

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Im Juli 2000 verletzt eine Bombe am Düsseldorfer Bahnsteig Wehrhahn zehn osteuropäische Sprachschüler schwer. Nach neuen Zeugenaussagen führt die Spur nun wieder zu Ralf S..

Prozessauftakt in Düsseldorf: 17 Jahre nach dem Attentat am U-Bahnhof Wehrhahn, muss sich der Täter nun wegen versuchten Mordes in 12 Fällen verantworten.

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Er habe "an einem Bahnhof in Düsseldorf Kanaken weggesprengt". So brüstet sich 2014 Ralf S., der damals im Gefängnis sitzt, gegenüber einem Mitgefangenen, den er vom gemeinsamen Hofgang kennt. Dieser wendet sich mit der Information an die Gefängnisleitung. Damit wird das Ermittlungsverfahren gegen den überzeugten Rechtsradikalen und Neonazi Ralf S. neu aufgerollt.

Zwölffacher Mordversuch: Prozess beginnt

Fast 18 Jahre nachdem am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn eine ferngezündete Bombe zehn osteuropäische Sprachschüler zum Teil schwer verletzte, beginnt endlich der Prozess u.a. wegen Mordversuchs in zwölf Fällen. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass S. die Tat begangen hat. Der bestreitet sowohl die Aussage gegenüber dem Mitgefangenen wie auch die Tat an sich.

Es ist der 27. Juli 2000, gegen 15 Uhr, als die Sprachschüler zum S-Bahnhof gehen - wie immer. S., so sagen Zeugen, soll das vorher lange ausgespäht haben. S. wohnt in der Nähe und betreibt einen Militaria-Laden, in dem Düsseldorfer Neonazis gerne einkaufen. An diesem 27. Juli hängt am Geländer des Bahnhofs eine Plastiktüte, darin eine mit TNT gefüllte Rohrbombe, die ferngezündet wird, genau in dem Moment als die Sprachschüler den Bahnhof betreten. Die Splitter fliegen bis zu hundert Meter weit. Einer tötet das ungeborene Baby im Bauch einer Mutter. Die Sprachschüler sind überwiegend jüdischen Glaubens.

Ist Spur Nummer 81 die Richtige?

Der Anschlag findet weltweit Beachtung, ruft bundesweites Entsetzen hervor und ist auch Anlass für den ersten Anlauf zum Verbot der NPD. Die Polizei setzt die "EK Acker" ein, eine Ermittlungskommission, die nach dem Tatort, der Ackerstraße, benannt ist. Schnell scheint klar, dass die Tat einen ausländerfeindlichen Hintergrund hat. EK Acker befragt 1.500 Menschen, sammelt 450 Beweisstücke und sichert mehr als 300 Spuren. "Spur 81" ist Ralf S., der festgenommen wird und zeitweise als Hauptverdächtiger gilt. Er kann ein Alibi vorweisen, der Verdacht kann nicht bewiesen werden. S. kommt wieder frei.

Die Ermittlungsakte umfasst schließlich 70.000 Blatt in 50 Kartons. Jahre später erst, 2009, endet die Arbeit der EK Acker, die Akte wird eingelagert.

Sogar für die Naziszene zu drastisch

Wer ist dieser S., auf den so vieles als Täter hindeutet? S., heute 51 Jahre alt, war Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Im zivilen Leben ist S. bekannt für seinen Ausländerhass. In seinem Laden verkauft er entsprechende Devotionalien und auch Waffenattrappen. S. Gedankenwelt ist durchdrungen von rechtsextremistischem Wahn, er brüstet sich mit seinem "gesunden Nationalbewusstsein". Geheiratet wurde an Hitlers Geburtstag, wird die Ex-Frau zitiert.

Aber selbst in der örtlichen Naziszene gilt S. als Spinner. Sein Ausländerhass, den abgehörte Telefongespräche dokumentieren, ist so ausgeprägt, dass Oberstaatsanwalt Rolf Herrenbrück das nicht wörtlich zitieren möchte. Demnach richtet er sich besonders gegen jüdische Kontingentflüchtlinge, die in unmittelbarer Nähe die Sprachschule besuchen und Opfer des Anschlags werden.

Sprachschüler ließen sich nicht einschüchtern

S. hat den Beinamen "Sheriff von Flingern". In seinem Viertel patroulliert er in Springerstiefeln, Tarnklamotten und mit seinem Rottweiler. Als sein Laden pleite ist, bietet er sich als Privatdetektiv und Security an. Lothar Wollny, der in der Nachbarschaft wohnt, erinnert sich, wie S. mit einem Baseballschläger in der Hand möglichen Fahrraddieben aufgelauert haben soll. Er habe S. damals gefragt, ob "wir hier in Chicago seien".

An der nahegelegenen Sprachschule, in der Zuwanderer damals deutsch lernen, kleben irgendwann Aufkleber: "Deutschland den Deutschen". Später postieren sich Neonazis in Lederkluft und Springerstiefeln mit ihren Hunden am Eingang der Schule. Doch die Sprachstudenten lassen sich nicht einschüchtern. Sie schauen den Gestalten einfach ins Gesicht. Die verziehen sich, in den Laden von Ralph S.. Dass die Zuwanderer, die ja sowieso stets "privilegiert" werden,  sich "in seinem Revier" nicht einschüchtern lassen, muss er wohl als Provokation verstanden haben. So jedenfalls sehen es die Ermittler.

LKA-Profiling deutet auf Ralf S.

2014 schließlich kommt noch einmal Bewegung in den Fall. Dem Hinweis des Gefangenen, dem gegenüber S. mit den "weggesprengten Kanaken" prahlt, glaubt der Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Rolf Herrenbrück. Er stellt ein kleines Team zusammen, die "EK Furche", die unter völliger Geheimhaltung noch einmal akribisch alle Akten sichtet, Beweise neu würdigt. Jetzt kommt auch die operative Fallanalyse beim LKA zum Einsatz, besser bekannt als Profiling. Die Spezialisten bekommen nur die Fakten und erstellen daraus ein erstaunlich genaues Profil des Täters und Tathergangs. Und all das deutet auf "Spur 81", Ralf S.

Neue Zeugenaussagen führen zu Haftbefehl

Der wird wieder abgehört, über Monate lauschen die Ermittler seinen Schmähungen und Aussagen, mit denen er sich selbst belastet. Es melden sich Zeugen aus der rechten Szene, die vor Jahren nicht bereit waren, auszusagen. Auch eine Ex-Freundin rückt von einer früheren Aussage ab und belastet S..

Im Januar 2017 reichen die Indizien für einen Haftbefehl gegen S., der die Tat vehement bestreitet. Auch vor dem Düsseldorfer Landgericht bekräftigt er, die Tat nicht begangen zu haben. Er wisse auch nicht, wer es gewesen sei. Ralf S berichtet weiter, er sei am Tattag in einem Tätowierstudio gewesen, mit dem Hund spazieren gegangen und zur Tatzeit wieder zu Hause gewesen. Sein Verteidiger, Olaf Heuvens, findet es befremdlich, dass sich Zeugen so viele Jahre danach auf einmal gut erinnern. Und warum, fragt er, sollte S. sich im Gefängnis einem wildfremden Menschen gegenüber äußern?

Darüber wird nun das Düsseldorfer Landgericht befinden. Im Juli soll es ein Urteil geben.

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