Sie sind hier:

Prozess vor Oberlandesgericht - Mutmaßlicher IS-Drahtzieher für Deutschland vor Gericht

Datum:

In Celle hat der Prozess gegen Abu Walaa begonnen. Von einer Hildesheimer Moschee aus soll er Männer für die Terrormiliz IS mobilisiert haben. Vier mutmaßliche Komplizen sind mitangeklagt. Ihnen wird die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Am Oberlandesgericht in Celle beginnt der Prozess gegen den islamistischen Hassprediger Abu Walaa. Er gilt als Führungsfigur des IS in Deutschland und soll in einer Moschee in Hildesheim junge Menschen für den IS angeworben haben.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Es war eine spektakuläre Razzia im Juli 2016, als Dutzende Polizeibeamte eine Moschee in Hildesheim stürmten, die Räume des sogenannten Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim. Unterlagen, Computer, Dateien und CDs wurden beschlagnahmt, denn die Verantwortlichen in der Moschee standen unter dringendem Verdacht, junge Männer zu radikalisieren und ihre Ausreise nach Syrien oder in den Irak zum sogenannten Islamischen Staat zu organisieren.

Mordaufruf gegen V-Mann

Nach der Razzia veröffentlichte der Imam der Moschee, Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias Abu Walaa, nicht nur ein Propagandavideo im Internet, in dem er sich über das "rüpelhafte Verhalten der Polizisten" beschwerte, sondern auch Chats, in denen er einen Spion für die Razzia verantwortlich macht. "Murat" wird von Abu Walaa in den Chats ausführlich beschrieben und als Verräter quasi zur Fahndung freigegeben. Kurze Zeit später unterstützt Abu Walaa sogar den Mordaufruf "Für jeden Stich gibt's 200 Euro", der aus den Kreisen seiner Moschee kommt.

Fest steht, "Murat" ist tatsächlich ein V-Mann, nämlich des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes, und mitverantwortlich dafür, dass Abu Walaa am 8. November 2016 nach mehr als einem Jahr intensiver Ermittlungen verhaftet werden konnte. Zum Verhängnis wurde dem 33-jährigen Iraker vor allem aber auch Anil O., ein Medizinstudent aus Gelsenkirchen, der im August 2015 nach Syrien gereist und nur einen Monat später desillusioniert zurückgekehrt war. Anil O. behauptet, dass Abu Walaa sich ihm als Organisator für Dschihad-Reisen vorgestellt habe. Und dass seine Mitarbeiter ihn konkret bei seiner Ausreise unterstützt hätten.

Kontakte bis in die IS-Führungsebene

Besonders brisant: Anil O. erzählte den Sicherheitsbehörden auch, dass Abu Walaa Kontakte bis in die Führungsebene des IS habe. Das und viele weitere Vorwürfe gilt es nun vor dem Oberlandesgericht in Celle zu beweisen. Anil O. ist bei dem Prozess Kronzeuge der Generalbundesanwaltschaft. Angeklagt sind auch vier mutmaßliche Komplizen: der 51-jährige türkische Staatsangehörige Hasan C., der 37-jährige Deutsch-Serbe Boban S., der 28-jährige deutsche Staatsangehörige Mahmoud O. sowie der 27-jährige Kameruner Ahmed F.Y.

Der Generalbundesanwalt wirft Abu Walaa vor, Kopf eines Rekrutierungsnetzwerks zu sein, das junge Männer radikalisiert und der Terrorgruppe IS als Kämpfer vermittelt hat. Der Anklage zufolge sollen insgesamt acht Männer angeworben und in das Kriegsgebiet geschleust worden sein. Weitere elf IS-Kämpfer standen vor ihrer Ausreise in Kontakt mit den Gefolgsleuten Abu Walaas, die ebenfalls angeklagt sind. Sechs der Dschihadisten sollen bei Kämpfen für den IS getötet worden sein. Nach Ansicht der Anklage spricht vieles dafür, dass Abu Walaa als "Repräsentant des sogenannten Islamischen Staates in Deutschland die zentrale Führungsposition innerhalb des überregionalen salafistisch-dschihadistischen Netzwerks übernommen hatte".

Anis Amri mit Kontakt zum Hildesheimer Netzwerk

Fest steht: Nach den Seminaren in seiner Hildesheimer Moschee, die bis zu zehn Tage dauerten, schlossen sich immer wieder junge Männer dem IS in Syrien oder im Irak an. Die Ermittler sind sich auch sicher, dass Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Kontakt zum Hildesheimer Netzwerk hatte und auch mehrfach an Abu Walaas Freitagsgebet teilgenommen hat. Einmal, so heißt es in der Anklageschrift, habe er 30 Minuten allein mit Abu Walaa gesprochen, Inhalt unbekannt.

Und das ist nicht Abu Walaas einziger Kontakt zu späteren Attentätern. In seinem "Osterseminar" saßen Ende März 2016 die 17-jährigen Jugendlichen, die nur wenige Wochen später einen Sprengstoffanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen verübten. Die Indoktrinierung vor allem von Jugendlichen hatten sich die Hildesheimer Islamisten offenbar besonders auf die Fahnen geschrieben. "Junge Männer" könne man "noch biegen, wie man wolle", soll ein Mistreiter Abu Walaas geschwärmt haben, das berichtete "Murat", der V-Mann des LKA.

IS-Registrierungsbögen aufgetaucht

Als wichtiges Beweismittel nutzt die Bundesanwaltschaft in Celle wohl auch die IS-Registrierungsbögen, die im vergangenen Jahr dem Bundeskriminalamt in die Hände fielen. Alle Neuankömmlinge in Syrien mussten offenbar ein Einreiseformular mit 23 Fragen ausfüllen, und in diesen Papieren tauchen auch die Zwillingsbrüder Kevin und Mark K. aus Castrop-Rauxel auf. Vermutlich Ende 2013, Anfang 2014 sollen sie in Dortmund unter den Einfluss von Boban S. geraten sein. Der Chemieingenieur mit serbischen Wurzeln gilt als enger Gefolgsmann Abu Walaas und ist in Celle mitangeklagt.

In der Anklageschrift heißt es, dass die Zwillingsbrüder durch die Vermittlung von Ahmad Abdulaziz Abdullah A., Hasan C. und Boban S. in das Herrschaftsgebiet des IS gelangten. Kevin und Mark K. reisten im Sommer 2014 ins Kriegsgebiet und sprengten sich 2015 bei zwei Angriffen auf irakische Stützpunkte in die Luft. Mehr als 150 Menschen starben. Boban S. soll die Brüder später in Chats als Märtyrer gefeiert haben.

Prozess könnte lange dauern

Abu Walaa predigte nicht nur in seiner eigenen Moschee in Hildesheim. Ein Video zeigt ihn etwa als Gast-Imam 2010 in der Medina-Moschee in Kassel. Im Mai 2016 soll er wieder dort gewesen sein. Auch in die Fussilet-Moschee in Berlin war Abu Walaa mehrmals eingeladen. Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, hatte die Weddinger Moschee bekanntlich ebenfalls mehrfach besucht. Die Ermittler halten es für möglich, dass Abu Walaa den Tunesier auf die Idee gebracht hat, mit einem Lkw in eine Menschenmenge zu rasen. "Murat", der V-Mann des LKA Nordrhein-Westfalen, berichtete, dass im Keller der Hildesheimer Moschee über solche Anschläge gesprochen worden sei.

Im Ermittlungsverfahren hat Abu Walaa geschwiegen. Auch die Mitangeklagten haben entweder nichts oder wenig gesagt. Vieles deutet also darauf hin, dass sich der Prozess am Oberlandesgericht Celle hinziehen könnte.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.