Sie sind hier:

"Mein Wort ist hier Gesetz" - Der Fall des "Reichsbürgers" Wolfgang P.

Datum:

Im Oktober 2016 rücken Polizisten im fränkischen Georgensgmünd an. Sie wollen Waffen von Wolfgang P. beschlagnahmen. Der Einsatz endet in einem Fiasko: P. eröffnet das Feuer, ein Beamter stirbt. Ernst genommen wurde P. vor der Tat nicht - er ist "Reichsbürger". Heute beginnt der Prozess gegen ihn.

Im Oktober 2016 hatte der sogenannte "Reichsbürger" auf SEK-Polizisten geschossen. Ein 32 Jahre alter Beamter wurde dabei getötet. Der Fall brachte die Gruppe ins Visier der Behörden. Was treibt "Reichsbürger" an?

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Die Grenzen des "Regierungsbezirks Wolfgang" sind noch da. Um sein Grundstück in Georgensgmünd hat der Hausherr lange gelbe Linien gezogen, gewissermaßen sein Revier abgesteckt. Und wer die Botschaft noch immer nicht verstanden hat, dem sei ein Blick auf den Briefkasten von Wolfgang P. empfohlen. Auf einem angenagelten Schild steht unter einem Hinweis auf die Territorialverhältnisse eine ziemlich klare Ansage: "Mein Wort ist hier Gesetz!"

Personalausweis als Beweis für die "BRD GmbH"

P. ist selbst ernannter "Reichsbürger" - er erkennt die Bundesrepublik Deutschland und ihre Gesetze nicht an, hat deshalb seinen eigenen Staat gegründet. Die Gemeinde Georgensgmünd bekommt es offiziell Ende 2015 zum ersten Mal mit ihm zu tun. Damals habe er zunächst einen Abstammungsnachweis verlangt, sagt Bürgermeister Ben Schwarz. Daran sei per se nichts verdächtig, schließlich kämen solche Anfragen ja auch von Leuten, die Familienforschung betrieben. Einige Zeit später habe P. aber dann im Beisein zweier Zeugen im Einwohnermeldeamt seinen Personalausweis abgegeben. P. braucht ihn nicht, dann nach Ansicht vieler "Reichsbürger" entlarvt der Ausweis die Bürger der BRD als Personal einer Firma aus und nicht als Staatsangehörige.

"Sonderbar" habe P. gewirkt, manche Anwohner hätten wohl über ihn getuschelt, sagt Schwarz. Der Bürgermeister holt ein Dokument hervor, eine "Lebenderklärung", die offenbar von P. stammt und sogar in einem Lokalblatt als Inserat auftaucht. In Handschrift erklärt P., er sei "der lebendige beseelte und selbstbewusste Manne aus Fleisch und Blut nach der päpstlichen Bulle von 1540 (...)." Und an anderer Stelle: "Ich bin immer noch am Leben und weder auf hoher See, noch sonst irgendwo im Universum verschollen." Unterschrieben ist die Erklärung von zwölf Zeugen, die samt Verfasser ihre Fingerabdrücke in roter Farbe auf dem Papier hinterlassen haben.

Behörden werden auf P. aufmerksam

Im Frühjahr 2016 wird dann auch das Landratsamt auf P. aufmerksam, nachdem ein Vollstreckungsversuch der Zoll- und Steuerbehörde bei ihm keinen Erfolg hat. Später wird der Besitzer von rund 30 Waffen vom Landratsamt als nicht länger zuverlässig eingestuft. P. verweigert der Polizei und Waffenkontrolleuren aber mehrmals den Zutritt zu seinem Grundstück. Irgendwann steht dann ein Spezialeinsatzkommando vor der Tür. Die Lage eskaliert. Aus dem "Regierungsbezirk Wolfgang" wird ein Tatort.

Laut Anklage hat P. mehrere Schüsse auf Beamte abgefeuert, einer von ihnen wird tödlich getroffen, zwei weitere verletzt. Gut zehn Monate nach dem Drama im südlich von Nürnberg gelegenen Georgensgmünd startet heute gegen P. der Prozess. Der Vorwurf: Mord und versuchter Mord sowie gefährliche Körperverletzung. Der Prozess wirft einmal mehr ein Schlaglicht auf die "Reichsbürger" - eine Bewegung, die lange kaum jemand auf dem Zettel hatte.

"Reichsbürger" erkennen Bundesrepublik nicht an

Für "Reichsbürger" ist Deutschland eine Art Fata Morgana, kein souveräner Staat. Die Bundesrepublik sei vielmehr ein Unternehmen - auch "BRD GmbH" genannt. Das Grundgesetz wird von vielen deshalb nicht als Verfassung anerkannt. Deswegen basteln sie sich ihre eigene Grundordnung samt dazugehörigen Ausweispapieren.

Vor dem verlassenen Haus des Angeklagten Wolfgang P. steht Peter Bauer und rätselt, wie es mit seinem Bekannten so weit kommen konnte. Bauer wohnt ein paar Häuser weiter. P. kenne er schon von Kindesbeinen an. Jahrelang habe er ein Kampfsportstudio betrieben und für die Gemeinde und Schulen im Ort Selbstverteidigungskurse angeboten. Das habe er schon "fast als Friedensbotschaft" verstanden.

Vom friedlichen Nachbarn zum Gewalttäter

Doch wie wurde dann aus einem Friedensbotschafter ein Gewalttäter? Dass er aggressiv werden könnte - darauf habe es im Umfeld keine Hinweise gegeben, sagt Bauer. Einmal habe P. sich aber vehement gegen eine Abwasserabgabe der Gemeinde gewehrt. Zwar klage jeder mal über Steuern, so Bauer. Aber im Rückblick werde ihm einiges klar.

"Er hat sich so definiert", fasst Bauer zusammen: "Er hat seinen eigenen Staat mit seinen eigenen Gesetzen. Und die Bundesrepublik Deutschland hat auf seinem Staatsgebiet nichts verloren und darf dementsprechend keine Steuern gegen ihn erheben." Der Nachbar kann nur den Kopf darüber schütteln. "Er hat sich da eben seine Theorie zusammengeschustert."

Übergriffe auf Staatsvertreter

Wie gefährlich ein Zusammentreffen mit einem "Reichsbürger" werden kann, vor allem für Staatsbedienstete, zeigt ein prominenter Fall aus dem Jahr 2012: In einem Örtchen in Sachsen wird ein Gerichtsvollzieher beim Eintreiben von Steuern "festgenommen" und schikaniert - vom sogenannten "Deutschen Polizei Hilfswerk", einer "Reichsbürger"-Polizei.

Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt gegen die Truppe wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung, stellt das Verfahren 2015 aber wieder ein. Die Truppe habe sich unter dem Verfolgungsdruck im Laufe des Jahres 2013 aufgelöst, hieß es aus Dresden dazu.

Ein weiterer Vorfall im August 2016. Ein "Reichsbürger" schießt in Sachen-Anhalt auf Polizisten, die bei einer gerichtlich angeordneten Zwangsräumung helfen sollen. Im Oktober soll der Prozess gegen den Schützen Adrian U. beginnen, einem früheren Mister Germany. Pikantes Detail: Nach Informationen von RBB und MDR soll Wolfgang P. Kontakt zu U. gehabt haben.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.