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Psychologe über das Gehirn - Alte Hardware im Kopf passt nicht in neue Welt

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Das menschliche Hirn ist 300.000 Jahre alt und muss seit Kurzem mit Digitalisierung und modernen Medien klarkommen. Der Psychologe Leon Windscheid erklärt, wie gut das klappt.

Gruppe Menschen am Smartphone
Wie gut kommt unser Gehirn mit neuen Herausforderungen der digitalen Welt klar? Das ist noch unklar, sagt Psychologe Leon Windscheid.
Quelle: dpa

heute.de: Wie sind Sie zur Psychologie gekommen?

Leon Windscheid: Als ich mit dem Studium begonnen habe, war mein Gedanke, Psychologie ist bestimmt etwas mit Werbung.

heute.de: Warum?

Windscheid: Weil bei Werbung wichtig ist, wie sie wirkt. Ich hatte bereits zu Schulzeiten eine kleine Agentur gegründet und Nagelstudios, Dönerbuden und so mit Flyern und Visitenkarten ausgestattet. Es reizt mich, besser zu verstehen, wie das funktioniert. Wie also Werbung im Kopf funktioniert. Ich bin sehr froh, dass ich schnell feststellen durfte, Psychologie ist nur minimal Werbung und viel mehr drum herum. Diesen breiten Facettenreichtum habe ich erst später begriffen und bin heute genau deswegen so interessiert daran.

heute.de: Wie tickt denn unser Hirn, dass wir uns so leicht triggern lassen?

Ich glaube, man muss sich darüber bewusst werden, wie das Hirn funktioniert. Nur so versteht man, dass die alte Hardware, die wir mit uns herumtragen, eigentlich gar nicht in diese schnelle, digitale und vernetzte Welt passt. 
Leon Windscheid, Psychologe

Windscheid: Für mich ist immer so ein ganz wichtiger Punkt, dass die Menschen nicht vergessen, dass das, was in unserem Kopf wirkt, 300.000 Jahre alt ist. Der Homo Sapiens, also unsere Spezies, die wir ganz bescheiden 'den weisen Mensch' nennen, wird von einem Ding gesteuert, das seit mehreren Hunderttausend Jahren nicht mehr renoviert wurde. Seit Millionen von Jahren hat die Natur in unserem Kopf an-, um- und tatsächlich auch wieder abgebaut. Unsere Hirne sind kleiner als die einiger unserer Vorfahren. Ich glaube, man muss sich darüber bewusst werden, wie das Hirn funktioniert. Nur so versteht man, dass die alte Hardware, die wir mit uns herumtragen, eigentlich gar nicht in diese schnelle, digitale und vernetzte Welt passt. 

heute.de: Hat das Auswirkungen auf unser Leben?

Windscheid: Viele Leute übersehen, dass es eben ein uraltes Ding ist, was uns da steuert. Für mich ist ganz wichtig, wenn man sich eben fragt, wieso funktioniere ich heutzutage nicht mehr so? Wieso habe ich Stress? Warum haben so viele Menschen Depressionen? Wieso habe ich Sorgen zu scheitern? In solchen Situationen sollte man sich vor Augen führen, es gab da mal eine Idee der Natur, die funktioniert heute nicht mehr einfach so.

Das ist auch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich glaube, genau hier kann die Psychologie ins Spiel kommen. Für mich ist das Ziel der Psychologie immer, Hirn und Welt zusammenzuhalten. Also das, was so ein bisschen aus den Fugen gerät. Etwas, bei dem man denken könnte: 'Das passt so nicht mehr zusammen', dass man das eben wieder zusammenbringen kann. Und das ist ein ganz wichtiger Ansatz für mich.

heute.de: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf unser Gehirn?

Windscheid: Nur ein Beispiel: Wir unterbrechen im Schnitt alle 18 Minuten was wir tun, um über ein Gerät zu wischen, von dem vor zehn bis 15 Jahren noch keiner wusste, wozu man es gebrauchen kann. Ich wische über meinen Smartphone-Screen, um zu schauen, was draußen in der Welt passiert und was meine Freunde gerade posten. Das wäre vor zehn Jahren eine klassische Verhaltensstörung gewesen. Heute ist es vollkommen normal.

Heute ist es auch normal, dass wir in den intimsten Momenten unseres Lebens, seien es Hochzeiten, Geburtstage oder Fallschirmspringen, vielmehr damit beschäftigt sind, mit dem Smartphone kleine Videos und Fotos zu machen. Nur, um nachher unsere Erinnerungen, gepimpt mit irgendwelchen Filtern, ins Netz zu laden. Anstatt in dem Moment selbst unsere Erinnerungen in unser Hirn zu laden. Das sind alles erst mal Auswirkungen. Damit muss man aber vorsichtig sein, ich will die Digitalisierung nicht verteufeln, was ihre Auswirkung auf unser Hirn angeht, denn dafür ist es heute viel zu früh.

heute.de: Warum ist es für ein Urteil zu früh?

Windscheid: Wenn so ein Novum wie die Digitalisierung unser Hirn erreicht, dann kann man nicht nach 15 Jahren schon sagen, wie sich das auswirken wird. Natürlich würden wir es gerne wissen und es gibt Forscher, die meinen, sie wüssten es bereits. Aber tatsächlich wissen kann man es noch nicht, denn dazu brauchen wir Langzeitstudien. Aber, und da bin ich mir sicher, es wird auf uns wirken. Es wird etwas mit uns machen. Ob es dann nur positiv oder nur negativ ist, das werden wir dann wissen. Daher ist es wichtig, bereits jetzt die Grundwirkweise zu kennen.

heute.de: Hat es auch eine Suchtwirkung?

Windscheid: Total.

heute.de: Woraus resultiert sie?

Windscheid: Es gibt einen ganz wichtigen Punkt dabei, den viele Leute mit dem Glückshormon verwechseln. Dopamin, denken viele Menschen, wäre ein Glückshormon. Aber es gibt eine ganz spannende Untersuchung, die zeigt, Dopamin ist nicht Glück, sondern die Erwartung von Glück.

heute.de: Wie hat man das herausgefunden?

Windscheid: Ein Affe wird in einem Gehege trainiert. Immer wenn ein Lämpchen angeht, weiß der Affe, dass er einen Hebel runterdrücken kann. Dadurch geht eine Klappe auf und dahinter liegt Futter. Das lernt der Affe und versteht den Mechanismus. Die Forscher messen jetzt das Dopamin im Affen-Körper. So können sie zeigen, dass das Maximum nicht dann erreicht ist, wenn es die Belohnung gibt, also wenn das eigentliche Glücksgefühl einsetzen müsste, sondern dann, wenn die Lampe angeht und der Affe anfängt zu erwarten, dass da gleich etwas Tolles ist.

Jetzt waren die Forscher gemein und haben in das Experiment einen Zufallsmechanismus eingebaut. Das heißt, die Lampe leuchtet, der Affe drückt den Hebel, und hinter der Klappe liegt nur noch mit einer 50-prozentigen Chance das Futter. Was passiert also mit dem Dopamin im Affenhirn? Viele sind jetzt der Meinung, es müsste abnehmen. Der Affe ist genervt, weniger glücklich und freut sich nicht mehr so.

heute.de: Aber?

Windscheid: Das Gegenteil ist der Fall. Das Dopamin schießt durch die Decke ab dem Zeitpunkt, an dem der Zufallsmechanismus eingebaut wurde.

heute.de: Warum ist das so?

Windscheid: Grund dafür ist das kleine Wörtchen "Vielleicht". Also, der Affe weiß nicht mehr, ob er belohnt wird oder nicht. Und das ist wie Heroin für unser Hirn. Jetzt kann man das aufs Menschsein übertragen. Man öffnet seine sozialen Medien oder irgendeine Newsseite und scrollt gefühlt fünf Kilometer mit dem Daumen runter, um am Ende festzustellen, verdammte Axt, da war doch nichts Interessantes dabei. Das ist genau der Fall von "Dopamin und vielleicht". In den seltenen Fällen, dass ich doch etwas Interessantes sehe, werde ich eben belohnt, und es fühlt sich gut an. Die restliche Zeit habe ich jedoch nur die Sorge, etwas zu verpassen. Vielleicht übersehe ich etwas. Vielleicht ist in der Sprachnachricht doch etwas Interessantes drin.

heute.de: Wie kommt man aus der Falle raus?

Windscheid: Wer diesen Teufelskreis durchbrechen möchte, für den empfiehlt sich nicht zu sagen, dass man seltener nachschaut. Beispielsweise Regeln aufstellen, nur noch zweimal täglich zu schauen. Das macht einen nur noch gieriger. Man muss es ausschalten. Man muss sich entscheiden - aber nicht absolutistisch, sondern jeder muss das für sich selbst herausfinden. Welche Apps und Seiten lenken mich ab, stören mich wirklich? Die müssen weg. Anders geht es nicht. Gerade die Dinge, die umsonst daherkommen, sind die teuersten für unsere Aufmerksamkeit. Also die größten Ablenkungs- und die größten Suchtfaktoren.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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