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Kastration in der Zucht - Das Leiden der Ferkel geht weiter

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Für 35 Millionen Ferkel bedeutet der Koalitionsgipfel Schmerzen. Im Schatten des Diesel-Kompromisses wurde beschlossen, das Verbot der Kastration ohne Betäubung zu verschieben.

Ferkel sollen weitere zwei Jahre ohne Betäubung kastriert werden, so beschlossen vom Bundestag. Tierschützer sehen darin einen Skandal - Politiker eine Notwendigkeit.

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Am Tag nach dem Gipfeltreffen in Berlin sind die Koalitionsspitzen bemüht, ein Bild der Geschlossenheit zu zeichnen, gespickt mit gegenseitigen Schmeicheleien über die großartige großkoalitionäre Zusammenarbeit. Die Regierung habe sich "handlungsfähig" gezeigt schwärmt Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), Innenminister Horst Seehofer (CSU) spricht von einer "Super-Lösung" und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) von einem "Guten Tag für Deutschland". Gleich fünf Minister treten insgesamt vor die Hauptstadtpresse um die Einigungen wortgewaltig zu verkaufen. Jeweils 60 Minuten dauern die Pressekonferenzen zu Diesel und Fachkräftezuwanderung.

"Wahnsinnig schmerzhafter Vorgang"

Eine Ministerin aber fehlt. Die Chefin des Landwirtschaftsressorts Julia Klöckner (CDU) möchte sich nur schriftlich äußern zu dem Thema, dass die Koalition am Abend fast unbemerkt, im Schatten der anderen Entscheidungen, mal eben abgeräumt hat. Die Ferkel-Kastration ohne Betäubung wird nun doch nicht zum Jahreswechsel verboten, wie ursprünglich geplant. Das Verbot ab 2019 war bereits mit der Reform des Tierschutzgesetzes 2013 beschlossen worden.

Hintergrund: In Deutschland werden Ferkel wenige Tage nach der Geburt ohne Betäubung kastriert. Dadurch will man vermeiden, dass Fleisch von Ebern einen strengen Geruch und Beigeschmack bekommt. "Die heutige Praxis ist, dass der Landwirt selber mit einem Skalpell dem Ferkel die Hoden rausschneidet und rausdrückt. Das ist für die Tiere ein wahnsinnig schmerzhafter Vorgang", beschreibt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, die gängige Methode.

Qualvoller Eingriff

Eigentlich war das Verbot ab Januar 2019 schon beschlossene Sache. Nun haben sich die Koalitionsfraktionen darauf verständigt, im Bundestag eine Initiative auf den Weg zu bringen, um die Übergangsfrist bis zum vollen Verbot um weitere zwei Jahre zu verlängern.

Im Jahr 2017 wurden etwa 17 bis 18 Millionen Ferkel ohne Betäubung kastriert, schätzt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Die GroKo-Entscheidung bedeutet damit einen qualvollen Eingriff für etwa 35 Millionen Schweine in den nächsten zwei Jahren.

Klöckner: Tierschutz wichtiges Anliegen

Die zuständige CDU-Ministerin begrüßt per Pressemitteilung ausdrücklich die Einigung: "Ohne eine Fristverlängerung würden die Sauenhalter in Deutschland (…) Wettbewerbsnachteilen gegenüber ausländischen Wettbewerbern ausgesetzt", schreibt Julia Klöckner. Der Tierschutz sei ihr aber "ein sehr wichtiges Anliegen, für das sich das Bundesministerium auch künftig mit Nachdruck einsetzen wird".

Zynisch finden das Grüne und Tierschützer. "Die Große Koalition ist der Alptraum aller Tiere", meint die ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast. Klöckner tue "nichts dafür, das Leben der Tiere zu verbessern". Grünen-Fraktionschef Hofreiter nennt die Verschiebung "armselig".  Die Große Koalition sei eingeknickt vor der Lobbyarbeit des mächtigen Bauernverbandes.

Der hatte angesichts der generell schwierigen wirtschaftlichen Lage vieler Schweinehalter dringend für eine Verschiebung geworben und darauf verwiesen, dass es keine praktikablen Alternativverfahren gebe. "Der Bauernverband macht seit Jahren Druck", sagt  Verbandspräsident Joachim Rukwied, aber die rechtlichen Voraussetzungen für alternative Verfahren seien nicht geschaffen worden. "Wir wollen den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration, brauchen hierfür aber noch Zeit."

Bauernverband macht Druck

Knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl in Bayern hatte der mächtige Bauerverband zuletzt die  CSU gedrängt sich ihrem Anliegen anzunehmen. Die Unterstützung der Landwirte im Wahlkampfendspurt wollte die von schlechten Umfragen gebeutelte Partei nicht aufs Spiel setzen. Vehement setzten sich die Christsozialen in der Koalition für eine Verschiebung des Verbots ein. Mit Erfolg: Durch die Aufschiebung sei nun auch in Zukunft Ferkelzucht in Deutschland möglich, verkündete CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt nach dem Koalitionsgipfel. 

"Es geht hier darum, ein System zu verteidigen, dass auf Billigfleisch, auf Effizienz ausgerichtet ist, wo Tierschutz keine Rolle spielt", kritisiert Tierschutzbund-Präsident Schröder. "Es ist eine schlichte Lüge, wenn man sagt, man hat keine praxisreife Methode. Das ist nur der Versuch, seine eigenen ökonomischen Interessen noch zu  verteidigen."

Länger noch als die Reform des Tierschutzgesetzes 2013 liegt übrigens eine andere politische Entscheidung zurück. Seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Millionen Ferkeln hilft das in den nächsten zwei Jahren aber nicht.

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