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Feuerwehrmann Joachim Lenhard - Ramstein: Gefangen in der Erinnerung

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Joachim Lenhard hat die Flugtagkatastrophe von Ramstein vor 30 Jahren als Feuerwehrmann miterlebt. Die Bilder in seinem Kopf haben ihn schwer traumatisiert - bis heute.

Am 28. August 1988 stürzen bei einer Flugschau auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein drei Militärjets ab - 70 Menschen kommen ums Leben. Joachim Lenhard war Feuerwehrmann und als einer der ersten Helfer am Unglücksort. Ulrike Eichin hat ihn getroffen.

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Als Joachim Lenhard am Morgen des 28. August 1988 den Dienst antritt, hat er ein mulmiges Gefühl – wie immer, wenn Flugtag ist auf der US-Airbase in Ramstein. Zusammen mit einem amerikanischen Kollegen bezieht der 35-jährige Berufsfeuerwehrmann mit seinem Löschfahrzeug Position am Rande des Flugfelds. Es ist ein strahlend schöner Sommertag. 350.000 Zuschauer beobachten gebannt die waghalsigen Manöver der Piloten hoch über ihren Köpfen. Kurz vor 16 Uhr startet die italienische Kunstflugstaffel Frecce Triccolori. Sie ist Höhepunkt und Abschluss der Show. Bei der letzten Flugfigur passiert es. Der Solo-Pilot macht einen Fehler und es kommt zur Kollision. Drei Maschinen stürzen ab, eine rutscht als riesiger Feuerball in die Menschenmenge.

Flammen binnen sechs Minuten gelöscht

"Wir standen 60 Meter vom Absturzort entfernt", berichtet Joachim Lenhard und stockt. Noch heute macht es ihm Schwierigkeiten, über das Erlebte zu sprechen. Die Bilder und die Gefühle sind sofort wieder da. Der Blitz, das grelle Licht, das Feuer, das vom Himmel fiel, die Schreie, die Panik, die Hilflosigkeit. "Wir kamen kaum vorwärts. Überall lagen Flugzeugteile, Tote und Verletzte. Nur 60 Meter Fahrt. Mir kam das vor wie eine Ewigkeit." In sechs Minuten waren die Flammen mit Schaum gelöscht – doch sind unter der weißen Decke auch Verletzte erstickt? Dieser Gedanke lässt den Feuerwehrmann jahrelang nicht los. Das Schlimmste ist das Bergen der Toten. Sie sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Joachim Lenhard ist körperlich unversehrt, doch seine Seele nimmt schweren Schaden. Die Amerikaner schweigen die Tragödie tot. Niemand darf darüber sprechen. Während verzweifelte Familien nach ihren Angehörigen suchen, Verletzte in den Kliniken um ihr Leben kämpfen, und Rechtsmediziner in einem Hangar an der Identifizierung der Toten arbeiten, wird auf der Airbase der normale Flugbetrieb wieder aufgenommen.

Sein Leben gerät aus den Fugen    

Nicht sofort, sondern schleichend gerät das Leben von Joachim Lenhard aus den Fugen. Er wird ein anderer Mensch. Jeden Tag ein bisschen mehr. Er hat Schlafstörungen, Depressionen, Panikattacken, verliert seinen Job und seinen Lebensmut. Alles was sicher schien, zerfällt.

Symptome einer "posttraumatischen Belastungsstörung" – das Syndrom, ist damals noch weitgehend unbekannt. Freunde ziehen sich zurück, die Kinder erkennen ihren Vater nicht wieder, seine Frau ist am Verzweifeln. Joachim Lenhard hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

"Es wurde immer schlimmer", sagt er, "ich wusste gar nicht, was los ist, dass eine Traumatisierung vorliegt. Das hat mir ja auch niemand gesagt. Das hat sich einfach in meinem Kopf fest gebrannt, und ich habe es nicht mehr wegbekommen." Sein Hausarzt verordnet Beruhigungspillen, die ihm nicht weiterhelfen.

Auf Schmerzensgeld verklagt

Erst nach elf langen Jahren erfährt er, dass sein Leiden einen Namen hat. Er findet zu einer Selbsthilfegruppe und beginnt, sich mit fachlicher Hilfe seinen Erinnerungen zu stellen. Er spürt, dass es andern ähnlich geht, und dass sie ihn verstehen. Für Joachim Lenhard war das eine ungeheure Entlastung.

Gemeinsam zieht die Schicksalsgemeinschaft vor Gericht. Sie wollen Schmerzensgeld erstreiten, für seelisches Leid. Denn das ist im deutschen Recht nicht vorgesehen. 2003 wird die Klage abgewiesen. Die Ansprüche der Opfer von Ramstein seien verjährt. Joachim Lenhard ist tief enttäuscht. "Es ging mir nicht ums Geld, nur um die Anerkennung", sagt er bitter. Bis heute hat er keinen einzigen Cent Entschädigung bekommen.

Endlich wieder Arbeit gefunden

Zehn weitere Jahre vergehen. Er resigniert, richtet sich ein, in einem Leben nach Ramstein, verbringt viel Zeit mit Holzschnitzereien. Die Werkstatt ist sein Rückzugsort. "Was soll ich sonst auch machen?", fragt er. "Ganz abschließen werde ich nie."

Erst seit kurzem geht es ihm besser. Nach vielen Jahren ohne Arbeit hat er einen Job gefunden: als Hausmeister in einem Seniorenheim. Er wird gebraucht, alle mögen ihn. Zum ersten Mal seit so vielen Jahren vergehen längere Phasen, in denen er nicht an Ramstein denkt.

August 1988: Bei einer Flugschau auf der US-Militärbasis Ramstein stürzen drei Flugzeuge vom Himmel. 70 Menschen sterben. Hätte das Unglück verhindert werden können?

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44 min
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Schlussstrich nach 30 Jahren

Den Jahrestag nimmt er zum Anlass und wagt einen symbolischen Schritt. Drei Jahrzehnte hat er die Tragödie akribisch dokumentiert. Jetzt trennt er sich von seinem sorgsam gehüteten Archiv.

"Ich habe jetzt einen Entschluss gefasst", sagt er mit fester Stimme. "Wenn diese Ordner in dieser Kiste verschwinden, versuche ich das Ganze zu beenden, so gut es geht". Nach 30 Jahren einen Schlussstrich ziehen. Joachim Lenhard will alles dran setzen, damit ihm das gelingt.

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