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G20-Randale sorgt für Wut - Den Hamburgern reicht's

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Die Bilder von verwüsteten Straßenzügen und zerstörten Läden machen die Hamburger traurig und wütend; die Polizeisirenen und -hubschrauber bringen sie um den Schlaf. Der G20-Gipfel soll einfach nur aufhören, sagen sie - und nie wieder in einer Stadt wie dieser tagen.

Brennende Autos, eingeworfene Scheiben, verängstigte Anwohner. Wie konnte es in Hamburg trotz 20.000 Polizisten soweit kommen? Haben die Sicherheitskräfte die Situation im Vorfeld falsch eingeschätzt? Die Kanzlerin will die Betroffenen entschädigen.

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Schubi und sein Kollege sind seit 5 Uhr im Schanzenviertel unterwegs. Die beiden fahren eines der Kranfahrzeuge der Stadtreinigung. Mit Besen und Schaufeln kehren sie den gröbsten Schutt in ihre Kranschaufel. Von dort wandern die Reste der nächtlichen Randale direkt in den Container. "Für die Kehrmaschinen sind die Steine und Absperrgitter einfach zu groß", sagen die beiden. "Das müssen wir vorher beseitigen."

Auch am Morgen nach den Ausschreitungen zieht sich eine Spur der Verwüstung durch die Schanze. Selbst jetzt, nach fünf Stunden Aufräumarbeiten, sind die Straßen vielerorts noch mit Asche übersäht. Pflastersteine sind herausgerissen, Straßenschilder und Barrikaden türmen sich am Straßenrand. Fensterscheiben sind eingeworfen, Läden verwüstet und geplündert - und praktisch überall liegen Glasscherben von zerborstenen Flaschen.

"140 Meter weiter", erzählt Schubis Kollege, "hat eine Familie ein Banner vor ihrem Fenster angebracht: 'Wir haben Angst' - und am Fenster daneben: 'Kinderzimmer'." Die beiden hätten in Hamburg zwar schon einiges gesehen. Die Verwüstungen in der Schanze überträfen aber alles. "Das sind keine Demonstrationen mehr, das ist Blödsinn", urteilt Schubi. "Das ist Terrorismus", ergänzt sein Kollege, während Schubi beipflichtend nickt. Die Arbeit sei für die beiden zwar wie immer. "Aber ich bin froh, wenn das wieder rum ist", sagt Schubi.

"Unglaubliche Arschlöcher, die so durch ein Viertel ziehen"

Den Hamburgern spricht Schubi damit aus der Seele. Wen auch immer man im Schanzenviertel anspricht: Der Gefühlszustand liegt irgendwo zwischen traurig, wütend und fassungslos. Der Schwarze Block hat hier verspielt. Als fünf schwarz gekleidete Menschen über die Straße laufen, brüllen Anwohner ihnen "Haut ab!", "Ihr Arschlöcher!" und "Wir wollen euch nicht mehr sehen!" hinterher.

Christoph Hilden wohnt im nahen Karoviertel. Er trägt ein "St. Pauli"-Shirt und findet politischen Protest wichtig. Aber das, was letzte Nacht im Schanzenviertel passiert sei, habe mit politischen Botschaften nichts mehr zu tun. Das seien einfach nur "unglaubliche Arschlöcher, die so durch ein Viertel ziehen". Mehr stünde nicht dahinter. Keine Erklärungen, keine Lösungsvorschläge.

Hilden beschreibt eine Szene der Ausschreitungen, die er selbst im Vorbeigehen beobachtet hat. "Da wollte einer, der nicht von hier kam, ein Stadtrad in eine brennende Barrikade schmeißen", sagt er. Mehrere Hamburger hätten ihn davon abhalten wollen. Die Stadträder seien eine gute Sache. Alle, die angemeldet sind, können die Räder jederzeit mieten und die erste halbe Stunde umsonst fahren. Den Randalierer habe das nicht interessiert. "'That's capitalism', hat der gesagt - und das Rad in die Barrikade geschmissen."

Verängstige Kinder in der Schanze

Auch Maria, die ihren richtigen Namen lieber nicht im Internet lesen will, ist entsetzt. Sie wohnt mit ihrer Familie zwischen den U-Bahn-Stationen Sternschanze und Schlump. Eigentlich will sie einkaufen. Doch ihre Einkaufstüten sind noch leer, weil der Rewe um die Ecke geplündert und verwüstet wurde. Auf der Straße liegen immer noch Einkaufswagen zwischen der Asche. Ein Müllcontainer ist an der nahen Kreuzung ausgebrannt, zwischen schweren Betonblöcken frisst sich die immer noch schwelende Asche in den Asphalt.

Die Ausschreitungen in ihrem Viertel konnte Maria von ihrem Balkon im ersten Stock aus beobachten. "Meine Tochter ist neun Jahre alt", sagt Maria. "Die ist so erschrocken. Die wollte den ganzen Tag nicht aus der Haustür gehen. So habe ich die noch nie erlebt." Für ihren Sohn, der etwas jünger sei, sei das "SEK und alles" zwar spannend gewesen. Trotzdem sei ihr Mann nun erst einmal mit den Kindern nach Niendorf geflüchtet. "Zum Ponyreiten, damit sie sich etwas beruhigen."

Maria und Christoph Hilden sind sich einig, dass der G20-Gipfel niemals in Hamburg hätte stattfinden dürfen. Zwar habe jede Region Schwierigkeiten, die so einen Gipfel ausrichten müsse, sagt Hilden. Aber Hamburg - "das geht gar nicht". Maria findet den Vorschlag von Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) gut, die Treffen nur noch im UNO-Gebäude in New York zu veranstalten. "Ich schlage auch noch Helgoland vor", sagt sie. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) müsse politische Konsequenzen ziehen. "Der muss die Verantwortung tragen."

"Gespenstische" Innenstadt

Drei Kilometer weiter, in der Innenstadt, bietet sich zur Mittagszeit ein anderes Bild. Dort, in der Mönckebergstraße, ist zwar bis dahin alles ruhig. Von Normalität ist aber auch hier keine Spur. Die meisten Läden haben aus Furcht vor Ausschreitungen geschlossen. "Die Sicherheit unserer Kunden und Mitarbeiter steht für uns an erster Stelle", steht an mehreren Ladentüren. Wo sonst Tausende Anwohner und Touristen durch die Läden schlendern, herrscht heute eine "gespenstische Stimmung", wie Hamburg-Urlauberin Conny sagt.

Conny ist zusammen mit ihrer Tochter Romy in Hamburg. Die beiden kommen aus dem Stuttgarter Raum, aber weil Romy gerade die Realschule abgeschlossen hat, wollten die beiden etwas Besonderes unternehmen: ein Wochenende in Hamburg. "Wir wussten schon, dass G20 ist. Aber dass das solche Ausmaße annimmt, damit hätten wir nicht gerechnet", sagt Conny. Runter an die Landungsbrücken, shoppen in den Geschäften - die Punkte auf ihrer To-Do-Liste mussten sie alle streichen.

Obwohl sie erst gestern gekommen sind, wollen Mutter und Tochter nun schon am Nachmittag zurückfahren. Geplant war der Sonntag. "Aber mir ist das zu stressig, zu unruhig", sagt Conny. "Man weiß halt nie, wo die Randalierer sind", sagt Romy. Das sei "schlimm, echt schlimm", findet ihre Mutter. Und auch die Verwandten seien erleichtert gewesen, als sie von der früheren Rückfahrt erfahren hätten. "Daheim machen sich alle Sorgen", erzählt Conny.

Komplettausfall für den Einzelhandel

Diejenigen, die in der Mönckebergstraße ihr Geld verdienen, müssen am Wochenende mehr oder weniger mit einem Komplettausfall ihrer Einkünfte rechnen. Gerhard Löwe ist Manager der Europa-Passage, eines großen Einkaufszentrums mit 120 Geschäften. Am Samstag sind aber nur eine Handvoll geöffnet. Selbst der McDonald's ist kurz davor, die Türen zu schließen. Das Geschäft lohnt sich einfach nicht, die Passage ist leergefegt. "Normalerweise haben wir 80.000 Besucher an Samstagen", konstatiert Löwe.

"Wir haben den Geschäften die Möglichkeit gegeben, am Freitag und Samstag zu schließen", sagt der Manager. Er habe eine soziale Verantwortung und Verpflichtung, sagt Löwe. Nach den Bildern der Ausschreitungen, aber auch wegen Berichten von marodierenden Kleingruppen hätten "viele Mitarbeiter einfach Angst".

Was der G20-Gipfel die Europa-Passage kostet, kann Löwe nicht konkret beziffern. Doch das Wochenendgeschäft sei "ein Komplettausfall". Bereits am Donnerstag und Freitag habe es Umsatzausfälle von bis zu 60 Prozent gegeben. Heute gebe es so gut wie gar keine Einnahmen. "Dazu kommen natürlich noch die Sicherheitskosten", sagt Löwe. An den Eingängen seien Sicherheitskräfte postiert, und auch im Außenbereich beobachteten Wachleute die Situation, um das Center im Notfall rasch schließen zu können.

Friedliche Proteste wichtig

Aber nicht nur als Geschäftsmann, auch als Hamburger sehnt Löwe das Ende des Gipfels herbei. Am meisten freut er sich auf ruhige Nächte. "Eine Nacht ohne Sirenen und Hubschrauber wäre mal wieder toll", sagt er. Eine Nacht ohne Randale und Ausschreitungen sowieso, da sind sich alle Anwohner einig.

Eines ist den meisten Hamburgern aber wichtig: Gegen Proteste, solange sie friedlich und politisch motiviert sind, haben sie nichts. Im Gegenteil: "Ich finde das sehr schade, dass die großen friedlichen Proteste durch die Gewaltbilder so in den Hintergrund geraten", sagt Löwe. Auch Maria aus dem Schanzenviertel empfindet das so. "Von den friedlichen Protesten ist viel zu wenig bekannt!" Und Christoph Hilden, der Anwohner aus dem Karoviertel, hofft inständig, dass die Politiker die konstruktive Kritik mitbekommen - und eine Abschlusserklärung treffen, die mehr als Lippenbekenntnisse enthält. "Sonst hat das ganze hier gar keinen Sinn gemacht", sagt Hilden.

Das werden vielleicht auch Schubi und seine Kollegen von der Stadtreinigung am Sonntagmorgen denken. Die Polizei rechnet mit weiteren Auseinandersetzungen. Schubi und sein Kollege befürchten deshalb, dass die Aufräumarbeiten am Sonntag noch einmal von vorne losgehen könnten.

Dem Autoren auf Twitter folgen: @waskevinsagt.

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