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"Afronauten"-Programm - Als Sambia nach den Sternen griff

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In den 60er-Jahren träumte neben USA und Sowjetunion auch Sambia von den Sternen. Das "Afronauten"-Programm zeugte von afrikanischem Pioniergeist und einem neuen Selbstbewusstsein.

Edward Makuka Nkosolo und Godfrey Mwango
Edward Nkoloso (l.) tat alles, um das Weltall-Programm in Sambia zu fördern.
Quelle: pa/ap

Wer nach Mond-Phantasien sucht, wird nicht nur in den USA oder in der Sowjetunion fündig, sondern auch in Sambia. Besser gesagt: Man findet dort Mond-Phantastereien. Denn ein realistisches Szenario, ein afrikanisches Raumschiff ins All zu schicken, gab es nicht. Trotzdem gab es Bestrebungen, ein afrikanisches Weltraumprogramm aufzubauen. Davon zeugt auch ein Video aus den 1960er-Jahren. Es zeigt, wie junge Afrikaner in rollenden Fässern für ihre Zukunft im All trainierten.

Jahrzehnt der Emanzipation Afrikas

Cathérine Hug hat für das Kunsthaus Zürich die Ausstellung "Fly me to the moon" kuratiert. Im Rahmen ihrer Recherchen ist sie auf das "Afronauten"-Programm in Sambia gestoßen. Für Hug verdichten sich hier politische Ereignisse, technische Errungenschaften und Mentalitäten des Aufbruchs. Denn die 1960er-Jahre waren nicht nur das Jahrzehnt des Fortschritts, des "think big", sondern auch der Emanzipation Afrikas. Viele Länder sagten sich von der Kolonialisierung los, so auch Sambia, das 1964 die Unabhängigkeit ausrief.

Auf der grünen Wiese wurden ein paar Experimente gemacht. Das war aber von Anfang an auf Sand gebaut.
Andreas Eckert, Humboldt-Universität

Wäre es nach Edward Nkoloso gegangen, dann wäre Sambia eine stolze Raumfahrer-Nation geworden. Nkoloso war Direktor der "Zambia National Academy of Science, Space Research and Philosophy". Er tat alles, was in seiner Macht stand, um das Weltall-Programm zu fördern. Doch so richtig ernst wurde es mit seinem "Afronauten"-Programm nicht. "Auf der grünen Wiese wurden ein paar Experimente gemacht. Das war aber von Anfang an auf Sand gebaut. Niemand hat das so richtig gepusht", sagt Andreas Eckert, Professor für Afrikanische Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität.

"Sind nicht die dummen Büffel"

Trotzdem haben Sambias Mond-Phantasien für Eckert einen gewissen Charme. "Sambia ging es damals vergleichsweise gut wegen der großen Kupfervorkommen. Sambia gehörte zu den Ländern mit einer vielversprechenden Industrie." Entsprechend selbstbewusst trat die junge Nation auch auf. "Wir können das auch. Wir sind nicht die dummen Büffel der ehemaligen Kolonialmächte", beschreibt Eckert den damaligen Zeitgeist.

"Die Raumfahrt war eine große Verheißung. Sambia wollte da mitmachen und technologisch mit dem Westen gleichziehen." Dabei erschienen die Afrikaner auf den ersten Blick "wieder mal als Kinder, die einen unrealistischen Traum ausleben wollen", sagt Eckert. Doch er gibt zu bedenken: "Auch in der westlichen Welt gab es viele mit ähnlichen Träumen, die grandios gescheitert sind."

Warum sind Astronauten-Anzüge weiß?

Fotoinstallation Afronauts
Fotoinstallation: Astronauten-Anzüge müssen nicht immer weiß sein.
Quelle: Cristina de Middel

Der afrikanische Pioniergeist, gepaart mit neuem Selbstbewusstsein gefällt Künstlern, die zum Postkolonialismus arbeiten und die angebliche Vorherrschaft weißer Männer kritisieren. Entsprechend hat Kuratorin Hug künstlerische Auseinandersetzungen zum "Afronauten"-Programm gefunden. Der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare fragt sich etwa, warum Astronauten-Anzüge eigentlich weiß sind. Er stelle "dieser aseptischen Ästhetik seine Afronauten in bunten Overalls gegenüber, die auf Wax- und Motown-Prints rekurrieren, aber auch Musiker des englischen Northern Soul darstellen", sagt Hug.

Auch wenn das "Afronauten"-Programm für das kleine afrikanische Land Sambia zu teuer und zu komplex war, lohne es sich, an dieses Projekt zu erinnern, findet der Historiker Eckert. Und die Kuratorin Hug sieht die Mondlandung nicht nur als gigantisches technisches und politisches Ereignis, sondern auch als einen wichtigen Moment der menschlichen Selbstverortung. "Der Blick von außen auf die Erde als einzigen lebbaren Ort im Universum war der nachhaltig wichtigste kulturhistorische Paradigmenwechsel, den die Mondlandung mit sich gebracht hat", sagt Hug.

Eine Botschaft des Friedens und der Achtsamkeit für die Ressourcen unseres blauen Planeten.
Kuratorin Cathérine Hug zur Mondlandung

Die Botschaft der Mondlandung findet sie aktueller denn je: "Eine Botschaft des Friedens und der Achtsamkeit für die Ressourcen unseres blauen Planeten." Eine Botschaft, die alle anginge - nicht nur weiße, privilegierte Amerikaner, sondern auch die Menschen in Sambia.

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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