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Martin Schulz gibt auf - "Politischer Karneval" bei der SPD

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Häme, Respekt und einige Krokodilstränen: Das Echo auf den Rückzug von Martin Schulz hat eine breite Spannbreite. Die eigene Partei spricht von einem Schritt zur Glaubwürdigkeit.

"Beiden Seiten sitzt die Angst vor dem Absturz der SPD im Nacken", wie ZDF-Korrespondent Michael Bewerunge berichtet.

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"Früher galt der FC Bayern als FC Hollywood. Heute haben wir die SPD", heißt es auf Twitter. Oder: "Mancher Karnevalsverein blickt heute mit Respekt auf die SPD." Keine 48 Stunden hat das Konstrukt in der Partei gehalten: SPD-Vorsitz abgeben und dafür in einer neuen Bundesregierung Außenminister werden. Die Rechnung haben Martin Schulz und seine potenzielle Nachfolgerin Andrea Nahles offenbar ohne den Rest der Partei gemacht.

Noch bevor sich der amtierende Außenminister Sigmar Gabriel öffentlich beschwerte, wie kalt er abserviert wurde, schwoll das Grummeln an der Basis an, wurden Landesvorsitzende mit SMS und Nachrichten in den Netzwerken bombardiert. Die 180-Grad-Wende von Schulz haben viele nicht verstanden. Und überall die gleiche Angst: Dass die Personaldiskussion den Mitgliederentscheid überlagert. Jetzt zog Schulz selbst die Reißleine: "Durch die Diskussion um eine Person" sehe er ein erfolgreichen Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag gefährdet. Mit seinem Verzicht hoffe er, "inständig, dass damit die Personaldebatten innerhalb der SPD beendet sind".

"Ich geh dann mal einen Apfelbaum pflanzen"

Einen der wohl bittersten Kommentare postete Tobias Dünow auf Twitter. Der Mann, der Martin Schulz als persönlicher Sprecher den ganzen langen Wahlkampf, die ganze lange Findungsphase von der Absage der Großen Koalition bis zum unterschriftsreifen Koalitionsvertrag begleitet hat. "Ich geh dann mal einen Apfelbaum pflanzen", schrieb er. So wie Reformator Martin Luther, der diesen Baum noch vor dem Weltuntergang setzen wollte. Keine zwölf Monate ist es her, dass die SPD Schulz mit 100 Prozent der Stimmen als Parteivorsitzenden wählte. Sie hat den Wahlkampf völlig auf ihn zugeschnitten, ihn wahlweise als neuen Barack Obama, im Schulz-Zug oder als Emmanuel Macron inszeniert. Am Ende stand das schlechteste Ergebnis der SPD. Sein Rücktritt rettet Schulz aber auch seine potenzielle Nachfolgerin und die gesamte Parteispitze.

Die beeilte sich, am Freitag gleich ihren Respekt zu bekunden. Schulz habe mit dem Koalitionsvertrag einen "großen Verhandlungserfolg erzielt", erkläret Andrea Nahles. Alle wüssten, wie schwer Schulz der Rückzug nun gefallen sei. "Das zeugt von beachtlicher menschlicher Größe", so Nahles. Nun müsse es um den Mitgliederentscheid gehen. "Ich gehe davon aus, dass wir uns jetzt voll und ganz auf die inhaltliche Debatte konzentrieren." Auch der SPD-Landesverband Nordrhein-Westfalen klang so. Man zolle "großen Respekt", erklärten gemeinsam Landesvorsitzender Michael Groschek, Landtagsfraktionschef Norbert Römer und Achim Post von der NRW-Gruppe im Bundestag. "Damit leistet er einen notwendigen Beitrag dazu, die Glaubwürdigkeit der SPD zu stärken." Es soll hauptsächlich sein eigener NRW-Landesverband gewesen sein, der Schulz zum Rücktritt gedrängt hat.

Opposition: Wird SPD auch nicht helfen

Erwartbar weniger groß sind die Krokodilstränen bei der Opposition. "Menschlich kann einem das für alle Beteiligten nur leidtun", sagte zwar Grünen-Co-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Die SPD ziehe die Reißleine und "opfert dafür auch den anständigen Umgang untereinander". Sarah Wagenknecht von den Linken ist sich sicher: Der SPD werde dieser Schritt "auch nicht viel helfen".

Es wäre besser gewesen, Schulz hätte "diese richtige Entscheidung selbst getroffen". Marco Buschmann, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag: "Die neue Große Koalition demontiert sich, noch bevor sie im Amt ist." Das Postengeschacher sei "eine Zumutung für Deutschland". Die AfD hält den Rückzug von Schulz von Außenministeramt für eine gute Nachricht für Deutschland: "Kaum vorzustellen, welches Unheil der EU-Zentralist in diesem Amt angerichtet hätte."

Einer der größten Kritiker des Koalitionsvertrages ließ sich von den Chaostagen in der SPD jedoch wenig aus der Ruhe bringen: Juso-Chef Kevin Kühnert. Er hatte heute in Pirna und Leipzig seine NoGroko-Tour begonnen, um bei Parteimitgliedern Stimmung gegen den Koalitionsvertrag zu machen. "Politischer Karneval in Berlin ist weit weg", schrieb Kühnert auf Twitter.

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