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Reaktionen - TV-Duell: Alles eine Frage der Deutung

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Die SPD spricht nach dem TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz von Rückenwind, die Union von Zuversicht. Und die Opposition ist erwartungsgemäß enttäuscht über die Runde. Alles eine Frage der Deutung.

"Eher Duett als Duell", die Meinungen darüber, wie sich die beiden Kanzlerkandidaten Merkel und Schulz im Duell geschlagen haben, fallen unterschiedlich aus: Die Generalsekretäre der Grünen, FDP, Linke und der AfD im Gespräch mit Marietta Slomka.

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Ist die Wahl schon gelaufen? Wohl kaum. Schon vor dem TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz warnte die Amtsinhaberin, zu siegessicher zu sein. Hintergrund ist der anhaltende Umfrage-Vorsprung der Union vor der SPD. Die Sorge Merkels: Viele Anhänger könnten am 24. September Zuhause bleiben, weil sie denken, die Wahl sei eh schon entschieden.

Entsprechend zurückhaltend äußerte sich Unionsfraktionschef Volker Kauder nach dem Schlagabtausch am Sonntagabend: CDU und CSU gingen nun mit großer Zuversicht in den Schlussspurt, sagte er der Agentur dpa und mahnte: "Wir wissen aber auch: Die Wahl wird nicht in einem TV-Duell entschieden." Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber betonte im heute journal: "Wir müssen bis zum letzten Tag um jede Stimme kämpfen."

"Überzeugend, souverän und leidenschaftlich"

Justizminister Heiko Maas indes sagte, der Auftritt von Schulz habe der SPD Mut gemacht. "Martin Schulz und der gesamten SPD wird das Duell Rückenwind geben." Schulz sei überzeugend, souverän und leidenschaftlich gewesen, erklärte der SPD-Politiker. Ein schlichtes "Weiter so" der Kanzlerin reiche nicht. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte, Schulz habe klare Unterschiede zwischen ihm und Merkel herausgearbeitet. "Er will gestalten, sie will die Gegenwart verwalten", sagte Heil. "Wir haben heute Kanzlerformat bei Martin Schulz."

Die Opposition im Bundestag dagegen äußerte sich enttäuscht über das Fernsehduell. Linken-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch sprach von einem "großkoalitionären Therapiegespräch". "Martin Schulz hat sich nicht von der Union abgesetzt", monierte Bartsch. Er hielt Schulz vor, nach der Wahl eine Fortsetzung von Schwarz-Rot als Juniorpartner mittragen zu wollen. Linken-Geschäftsführer Matthias Höhn sprach im ZDF von einem "Trauerspiel gemeinsamer Ideenlosigkeit". Er hätte sich gewünscht, dass Schulz die Große Koalition ausschließe.

"Szenen einer alten Ehe"

Die Grünen kritisierten, Schulz habe keine Ideen für die Zukunft gehabt. "Dass von Merkel keine Dynamik für Veränderung kommt, war zu erwarten, aber auch von Martin Schulz kamen keine Impulse für einen echten sozialen und ökologischen Wandel in diesen dramatischen Zeiten", sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt. Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner monierte im ZDF: Der Klimaschutz sei nicht mit einem Wort behandelt worden.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer sprach im ZDF eher von einem "Duett" denn einem "Duell".  Und Parteichef Christian Lindner kritisierte, es sei eher um Vergangenheitsbewältigung und nicht um die Zukunft des Landes gegangen. "Das Duell erinnerte an Szenen einer alten Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss.". "Jeder weiß, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt, das Rennen um die Plätze 1 und 2 ist gelaufen. Das Rennen um Platz 3 gewinnt dadurch weiter an Bedeutung." AFD-Vorstandsmitglied Georg Pazderski kritisierte, bei den Themen Flüchtlings-, Euro- oder Bankenrettungskrise wurden keine Lösungen angeboten.

Blitzumfrage: Kein klarer Sieger

Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Stuttgart-Hohenheim, sagte dem "Handelsblatt": "Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz." Der Politikberater Michael Spreng sagte, Schulz habe bei einigen Themen punkten können, etwa bei Maut, Türkei und Rente. "Aber diese Punkte waren nicht so stark, dass jetzt die Umfragen in die Höhe schießen", sagte der frühere Berater des ehemaligen Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber.

Die Forschungsgruppe Wahlen sah in einer Blitzumfrage für das ZDF keinen klaren Sieger: Demnach schnitt die Kanzlerin mit 32 Prozent Zustimmung nur leicht besser ab als Schulz mit 29 Prozent. 39 Prozent der Befragten waren unentschieden. Unter Befragten mit einer noch unsicheren Wahlabsicht hat für 25 Prozent Kanzlerin Angela Merkel und für 29 Prozent der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz den besseren Gesamteindruck hinterlassen.

Schulz angriffslustig

Dabei hatte sich Schulz im einzigen Duell vor der Wahl angriffslustig gezeigt. So warf der SPD-Chef der Kanzlerin schwere Fehler in der Flüchtlingskrise vor. Zudem warf er der CDU-Vorsitzenden vor, sie wolle die Rente mit 70 einführen. Merkel widersprach jeweils energisch. Im Konflikt mit der Türkei sprach sich Schulz für einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara aus. Merkel verwies darauf, dass der Abbruch der Beitrittsverhandlungen einstimmig von allen EU-Mitgliedstaaten beschlossen werden müsse.

Schulz hat bereits an diesem Montag einen weiteren großen Wahlkampf-Auftritt beim bayerischen Volksfest Gillamoos. Er wünscht sich ein zweites Duell, da viele Zukunftsthemen nicht zur Sprache gekommen seien. Merkel lehnt ein weiteres Aufeinandertreffen aber ab. Die Kanzlerin trifft sich heute mit zahlreichen Oberbürgermeistern, um das weitere Vorgehen in der Diesel-Krise zu beraten.

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