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Experte zu Angriff in Halle - Täter hatte "rechtsextremistisches Weltbild"

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Nach dem tödlichen Angriff in Halle sind viele Fragen offen - auch zum Motiv des Täters. Er habe ein "rechtsextremistisches Weltbild", sagt Experte Sundermeyer im ZDF.

Polizisten in Halle (Saale) am 09.10.2019
Polizisten in Halle (Saale) am 09.10.2019
Quelle: Reuters

Nach dem gescheiterten Anschlag auf eine Synagoge in Halle/Saale und der Tötung von zwei Menschen durch einen schwerbewaffneten Täter will Bundesinnenminister Horst Seehofer am Donnerstag über den Ermittlungsstand informieren. Geplant ist eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Ungeklärt ist bislang unter anderem die Identität der beiden Opfer.

Ungeklärt ist auch das Motiv des Täters. Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wurde am Mittwochnachmittag festgenommen. Er hatte nach Angaben aus Sicherheitskreisen gegen Mittag versucht, die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. Mehr als 50 Menschen hielten sich zu dem Zeitpunkt in dem Gotteshaus auf und feierten das wichtigste jüdische Fest, Jom Kippur. Nachdem der Anschlagsversuch scheiterte, soll der 27-jährige Deutsche vor der Synagoge und danach in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. B. soll die Tat gefilmt und per Helmkamera live ins Internet übertragen haben, bevor er vom Tatort floh.

Experte sieht "drastische Zunahme rassistischer Gewalttaten"

"Der Tatverdächtige wollte mit dem Anschlag und seinem Manifest eine internationale Öffentlichkeit erreichen", vermutet Rechtsextremismus-Experte Olaf Sundermeyer.

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Zur Motivation des mutmaßlichen Täters sagte der Rechtsextremismus-Experte Olaf Sundermeyer im ZDF Morgenmagazin: "Ich sehe dort zweierlei: Ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild und auf der anderen Seite einen jungen Mann, der sich geltungsstrebend an eine internationale Öffentlichkeit wendet." Der Tatverdächtige wollte mit dem Anschlag eine internationale Öffentlichkeit erreichen, vermutet Sundermeyer.

Er warnt vor einem zunehmenden Antisemitismus: "Wir haben eine drastische Zunahme rassistischer Gewalttaten, auch im vergangenen Jahr, eine erhebliche Zunahme von antisemitischen Taten. Die finden ihren Ausdruck durch den Mord an Walter Lübcke. Insgesamt erleben wir eine Bedrohung, Angriffe, Anfeindungen, über das Internet, aber auch durch körperliche, persönliche Auseinandersetzungen mit Kommunalpolitikern." Seit dem Mord an Lübcke im Juni seien die Sicherheitsbehörden "regelrecht aufgewacht" und müssten nun Versäumnisse aus den vergangenen Jahren nachholen.

Bekennervideo und angebliches "Manifest" werden geprüft

Nach der Tat tauchte ein Dokument im Internet auf, bei dem es sich nach Angaben einer Expertin um eine Erklärung des Angreifers zu handeln scheint. Das PDF-Dokument zeige Bilder von Waffen und enthalte einen Verweis auf das Live-Video, das von der Tat verbreitet worden sei, schrieb Rita Katz, Leiterin der auf die Beobachtung von Extremisten spezialisierten Site Intelligence Group, auf Twitter. In dem Text wird laut Katz das Ziel genannt, "so viele Anti-Weiße zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden". Das Dokument sei anscheinend am 1. Oktober angelegt worden und gebe Hinweise darauf, wie viel Planung und Vorbereitung der Täter in die Attacke gesteckt habe. Ob es tatsächlich von dem mutmaßlichen Täter stammt, ist bislang unklar.

Nach ersten Prüfungen werde es von den Ermittlern aber als "authentisch" bewertet, berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Unter anderem stimmten die in dem "Manifest" abgebildeten und vom Täter offenbar teils selbst gebauten Schusswaffen mit den tatsächlich bei dem Anschlag eingesetzten Waffen überein.

Katz bezog sich auch auf ein Bekennervideo, dass der mutmaßliche Täter in sozialen Netzwerken hochgeladen haben soll. Das Video dokumentiert allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle aus Sicht des Attentäters. Die Aufnahmen stammen wohl von einer Kamera, die am Helm des Schützen befestigt war. Bis zum Morgen gab es aber keine Bestätigung der Behörden dafür, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt. Das Video wurde nach Angaben der Streaming-Plattform Twitch von rund 2.200 Menschen angesehen, bevor es dann nach 30 Minuten gelöscht wurde. Über den vor etwa zwei Monaten erstellten Account sei zuvor nur einmal etwas veröffentlicht worden.

Zentralrat der Juden kritisiert Polizei

Eine noch höhere Opferzahl wurde möglicherweise von Defekten an mindestens einer Waffe des Täters verhindert. In dem angeblichen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen das Leben von Menschen zu retten scheinen. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Der Präsident des Zentralrats der Juden erhob derweil schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Im ZDF kritisierte Josef Schuster, dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war. "Nicht umsonst finden sich an jüdischen Feiertagen während Gottesdienstzeiten an sehr vielen jüdischen Gemindezentren Polizeistreifen", so Schuster im heute journal. Er gehe davon aus, dass dann das weitere Attentat in dem Döner-Imbiss hätte verhindert werden können.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, man habe vor einem Abgleiten in einen auch gewaltbereiten Rechtsextremismus gewarnt. "Trotz allem hätte ich nicht erwartet, dass es zu einem Attentat auf eine Synagoge […] kommt".

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Innenminister Seehofer hatte schon am Mittwochabend gesagt, der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen rasch an sich gezogen hatte, habe "ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund". Seehofer sprach von einem antisemitischen Motiv. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) übermittelte den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid. Die Solidarität gelte allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter. Am Abend nahm Merkel an einer Solidaritätsveranstaltung an der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin teil. Auch in anderen deutschen Städten versammelten sich Menschen in der Nähe von Synagogen und gedachten der Toten. In Halle legten Menschen am Marktplatz Blumen und Kerzen nieder.

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, zeigte sich betroffen und gedachte der Opfer. Viele Bürger versammelten sich ebenfalls und zeigten Solidarität mit der jüdischen Gemeinde.

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