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Rechtsextremismus in Italien - Zwischen "Duce" und den neuen Rechten

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Neofaschisten planen heute den "Großen Marsch der Patrioten" in Rom. Vorbild ist die Machtübernahme durch Mussolini 1922 - bis heute wird der "Duce" von vielen noch verehrt.

Archiv: Italienische Neofaschisten, aufgenommen am 31.10.2016 in Mailand (Italien)
Archiv: Italienische Neofaschisten, aufgenommen am 31.10.2016 in Mailand (Italien) Quelle: ap

Im römischen Viertel Esquilino, in der Nähe des Bahnhofs Termini, leben viele Migranten - in Wohnungen, in besetzten Häusern, auf der Straße. Doch an einigen Hauswänden finden sich Hakenkreuze, unweit eines Hauses, indem keine Einwanderer wohnen, sondern die Faschisten des dritten Jahrtausends. So nennen sich die Mitglieder der Bewegung CasaPound. Angelehnt an Ezra Pound, einen amerikanischen Schriftsteller und Bewunderer des Faschistenführers Benito Mussolini. Seit 2003 besetzen die Extremisten das graue, sechsstöckige Haus, es ist die Zentrale einer landesweiten Bewegung. Offiziell lehnt sie Gewalt ab, offensichtlich aber kursieren zahlreiche Videos im Netz, die Ausschreitungen bei Märschen und Kundgebungen zeigen. Die Extremisten der CasaPound helfen Erdbebenopfern, Wohnungssuchenden und veranstalten Theaterabende, sie schreiben Bücher und produzieren ein eigenes Radioprogramm. Gemeinschaft, Kulturangebote, Fremdenhass und der Wunsch, in ihrem Land etwas zu ändern - das schweißt sie zusammen.

Öffentliche Bekenntnisse zum Faschismus

Benito Mussolini 1936 in Rom
Noch heute von Italienern verehrt: der "Duce" Benito Mussolini Quelle: ap

Italien ringt mit der hohen Zahl an Geflüchteten und Plänen zur Integration. Seit Jahren fehlen vor allem in den südlichen Regionen Arbeitsplätze und bezahlbarer Wohnraum in den Großstädten, auch für Einheimische. Es sind Themen, die nicht nur die Parteien vor der Wahl im Frühjahr aufgreifen. "Rechtsextremismus ist nur eine von vielen Reaktionen auf diese Probleme", sagt Antimo Luigi Farro, der an der Universität in Rom Soziologie lehrt. Die Rechtsextremen von heute beziehen sich auf den Faschismus der 1930er Jahre, geprägt von Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. Dazu gekommen sind die kritische Haltung gegenüber der Europäischen Union und eine neue Form der Propaganda. Über soziale Medien verbreiten die Faschisten ihre Botschaften und werben neue Mitglieder an. Allein der Jugendbewegung von CasaPound folgen über Facebook fast 250.000 Menschen. Das ist kein Zufall.

Die radikalen Rechten suchen die Öffentlichkeit. Der ausgestreckte rechte Arm hat bereits seit Jahrzehnten seinen Platz in den Stadien gefunden. Anders als in Deutschland sind solche Gesten oder die Verharmlosung des Faschismus in Italien nicht verboten, seine Glorifizierung jedoch schon. "Italien verabschiedet diese Gesetze nicht in der Strenge wie Deutschland. Man beobachtet erst einmal und schaut, was passieren könnte", sagt Farro. Seine Studenten würden faschistische Schmierereien an der Fakultät selbst entfernen oder übermalen.

Gerade erst empörte sich Italien über eine neue Aktion radikaler Ultras von Lazio Rom. Sie verteilten Sticker, die Anne Frank mit einem Trikot der Mannschaft AS Rom zeigen. Es ist der vorläufige Höhepunkt zahlreicher rassistischer und antisemitischer Aktionen so genannter Fußballfans.

Alte Spuren und ein neues Gesetz

Die historischen Spuren des Faschistenführers Benito Mussolini sind noch immer im ganzen Land sichtbar. Im Süden Roms zum Beispiel, das EUR-Viertel, das Mussolini für die geplante Weltausstellung bauen ließ. Heute kann man dort Luxuswohnungen kaufen, ein teures Geschäft reiht sich an das andere. Im Foro Italico würdigen ein Obelisk und Bodenmosaike den Faschistenführer, ebenso Inschriften in der Nähe des Forum Romanum. Der Geburtsort Mussolinis, Predappio in der Emilia-Romagna, lockt nostalgische Extremisten an. Anhänger des Faschismus pilgern regelmäßig zu seinem Grab, CasaPound veranstaltet Ausflüge dorthin. Souvenirgeschäfte bieten Hakenkreuzaufnäher, Mussolini-Büsten und Weinflaschen mit Etiketten von Hitler und seinem italienischen Freund an. Auch in Rom verkaufen Zeitungsstände Kalender des Faschistenführers, ganz nach dem Motto: Mit Mussolini durch das neue Jahr.

Diese Andenken für rechtsextreme Nostalgiker und Faschistengesten soll bald das Gesetz "Legge Fiano" verbieten, benannt nach dem Abgeordneten Emanuele Fiano (PD). Die Nazis vergasten zehn seiner Familienmitglieder, nur sein Vater überlebte das Konzentrationslager in Auschwitz. Für seine Familie habe er das Gesetz aber nicht entwickelt, sondern für die heutige Demokratie. "Wie es Deutschland gemacht hat, müssen auch wir es tun", sagt Fiano. "Das Gesetz verbietet keine Meinungen, sondern schützt vor schrecklicher Propaganda." Einige Kollegen im Parlament sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr, der Gesetzesentwurf drohte zu scheitern. Forza Italia, Lega Nord und die Fünfsternebewegung stimmten dagegen. Jetzt muss dem Entwurf noch der Senat zustimmen. Denkmäler aus der Zeit des Faschismus würde das Gesetz allerdings nicht verbieten.

Keine Extremisten im italienischen Parlament

Rechtsextreme Parteien sind im italienischen Parlament noch nicht vertreten, aber im rechten Spektrum tummeln sich immer wieder Politiker, die von der Zeit des Faschismus schwärmen. Eine von ihnen heißt Alessandra Mussolini. Sie ist die Enkelin des Faschistenführers und regelmäßiger Gast in italienischen Nachmittagstalkshows. Sie leugnet ihre Sympathie für die Taten ihres Großvaters nicht. Den Gesetzesentwurf Fianos nannte sie zuerst "einen riesigen Haufen Scheiße" und beschimpfte ihn später als Idioten, weil es Selfies mit ihren Fans verbiete.

"Der Faschismus ist in Italien nicht an der Tagesordnung und betrifft die Mitte der Gesellschaft nicht", sagt Antimo Luigi Farro. "Wie die anderen europäischen Länder haben wir vielmehr ein Problem mit Populismus." Die Rechtsextremisten hätten keinen Einfluss im Parlament. Sie seien zwar laut, aber nicht viele.

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