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Rechtspopulisten und die Kirche - Der Zweck heiligt die Familie

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In Ungarn und in Italien formiert sich ein neues Bündnis aus Rechtspopulisten und erzkonservativen Kirchenkreisen. Mit Familienpolitik wollen sie in Zukunft in ganz Europa punkten.

Familienpolitik in Europa: András Gável und Familie
Familienpolitik in Europa: András Gável und Familie
Quelle: ZDF

Andras und Gabriella Gavel haben viel erreicht. Sieben Kinder hat das tiefreligiöse Ehepaar inzwischen und verkörpert somit das Ideal der ungarischen Familienpolitik. Denn der auch in Ungarn alternden und schrumpfenden einheimischen Bevölkerung soll durch Kinderreichtum anstatt Einwanderung entgegengewirkt werden.

Staatsgeld für Familienautos

Und der Staat belohnt das kinderreiche Paar großzügig, die Großfamilie profitiert enorm von den Anreizen, mit denen Ministerpräsident Orban ungarische Familien fördert, wie Gabriella Gavel sagt: "Das Haus, in dem wir jetzt leben, konnten wir uns nur dank der Programme der Regierung leisten. Vorher haben wir in einer 58-Quadratmeter-Wohnung als Untermieter gelebt." Und auch ihr Mann gibt zu: "Ohne diese Unterstützung hätten wir es nie geschafft."

Die Regierung vergibt günstige Kredite an Ehepaare, ungarische Mütter werden ab dem vierten Kind lebenslang von der Steuer befreit. "Das ist die Antwort auf den Geburtenrückgang, nicht die Migration" sagt Orban in einer Ansprache im Februar, als er die neuen Privilegien für ungarische Familien verkündet. Selbst für den Kauf eines mindestens siebensitzigen Autos gibt es jetzt einen Zuschuss vom Staat – bis zu 8.000 Euro.

Das Liberale wird verteufelt

In einem Europa ohne Glauben wirkt Viktor Orban wie der Retter des Christentums.
András Gável

Unverheiratete und Alleinerziehende gehen leer aus, das ist die christliche Komponente von Orbans Politik. Andras Gavel stimmt ganz zu: "Europa muss gerettet werden, weil es seinen Glauben verloren hat. In einem Europa ohne Glauben wirkt Viktor Orban wie der Retter des Christentums. Aber nicht weil er das Christentum retten muss, sondern weil er die europäischen Menschen retten will."

Dieses Konzept spricht nicht nur in Ungarn Nationalisten, Rechtsextreme und konservative Christen an. Immer erfolgreicher verbreiten ultrakonservative Gruppen in Europa ihre Positionen. Sie beschwören das traditionelle Familienbild von Mama, Papa, Bambini und verteufeln liberale Konzepte wie die Homo-Ehe, Scheidung und vor allem die Abtreibung.

In Verona trafen sich Ende März Rechtspopulisten und ultrakonservative Kirchenvertreter zum Jahrestreffen des Weltfamilienkongresses. Die 1997 gegründete US-amerikanische Organisation verbreitet ultrakonservative christliche Einstellungen weltweit, bekämpft Homosexualität und Abtreibungen.

Familienpolitik: Verona steht Modell

Verona - nach Budapest 2017 - ist ein überaus geeigneter Austragungsort. Die Stadt von Romeo und Julia ist für die rechtsnationale italienische Regierungspartei Lega eine Art Modellprojekt für eine neue Familienpolitik. Frauen, die sich gegen eine Abtreibung entscheiden, erhalten Geld. Adoptionen werden gefördert.

Italiens Innenminister Matteo Salvini
Italiens Innenminister Matteo Salvini
Quelle: reuters

Die Teilnehmer: Etwa 3.000 Katholiken, Evangelikale, Orthodoxe und Ultrakonservative aus mehr als 100 Ländern. Unter anderem Gloria von Thurn und Taxis, die ungarische Familienministerin Katalin Novak, Ungarns Vatikanbotschafter Eduard Habsburg-Lothringen, Nicolas Bay, Generalsekretär des französischen Rassemblement National und als Hauptredner und Star der italienische Innenminister Matteo Salvini.

Ein Land ohne Kinder ist ein Land, das stirbt.
Italiens Innenminister Matteo Salvini

Der Auftritt von Matteo Salvini gibt dem Kongress noch einmal deutlich Gewicht. Er hat das Thema Familie für sich entdeckt und genießt das Bad in der Menge: "Ich möchte am Ende meiner fünfjährigen Amtszeit daran gemessen werden, ob die Italiener wieder Sicherheit haben, Arbeit und wieder mehr Kinder in die Welt setzen. Denn ein Land ohne Kinder ist ein Land, das stirbt."

Trumps Rechtsaußen Steve Bannon im Kloster

Der italienische Faschismusforscher Andrea Mammone beobachtet das neue Bündnis konservativer Kirchenkreise und Rechtsextremen: "Es ist offensichtlich eine sehr starke und smarte Strategie von der Rechten, weil sie ihre Position normalisiert und sie sich als Beschützer einer christlichen Identität verkaufen." Es ist, so Mammone, Teil eines Versuchs, eine nationalistische Internationale zu gründen.

Standbild:"The Brink" - Doku über Stephen Bannon
Stephen Bannon
Quelle: dpa

Das klingt erstmal paradox, doch es ist in vollem Gange, wie ein Besuch im Örtchen Collepardo zeigt. Dort, in den Bergen östlich von Rom, hat das Kloster Trisulti einen neuen Mieter gefunden: das ultra-konservative "Institut für Menschenwürde". Stephen Bannon, ehemaliger Chefstratege von Donald Trump, und der Brite Benjamin Harnwell wollen das Kloster in einen Hort für Klerikale und Rechtspopulisten verwandeln. Gerne führt Harnwell durch sein neues Kloster: "Unser großes Projekt ist die Akademie des jüdisch-christlichen Westens. Wir werden einen massiven Beitrag leisten für alle, die dazu beitragen wollen, die Prinzipien des jüdisch-christlichen Abendlandes zu verteidigen."

Gladiatoren des Glaubens

Für mich ist das Kloster die geistige Heimat des Bannonismus.
"Missionar" Benjamin Harnwell

Die Gefahren seien allgegenwärtig, sie reichen für ihn von Migration und Islamismus bis zum allgemeinen Glaubensverlust in Europa. Das Kloster sieht er als eine Art Gladiatorenschule für die Verteidigung des christlichen Abendlandes. Genau so wie es sein Mentor predigt: "Für mich ist das Kloster die geistige Heimat des Bannonismus. Seine Philosophie ist zentral für das, was wir hier  vorhaben."

Stephen Bannon selbst sucht Geld und Kontakte in Europa: "Wir verstehen uns als Missionare, die Dinner und Treffen veranstalten, und dort über alles Mögliche reden, ganz informell. Von der Medienstrategie bis zum Fundraising."

Und so vernetzen sich die Rechtspopulisten in ganz Europa. Und einige Konservative in der Kirche sehen die Chance, mit ihnen eine erzchristlich-nationalistische Allianz zu bilden und die europäischen Gesellschaften nach ungarischem Vorbild im Sinne konservativ-christlicher Ideologien umzubauen.

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