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Kinder unter Waffen - "Dumm, gehorchen, kosten nichts"

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Weltweit, so Schätzungen, sind 250.000 Kindersoldaten im Einsatz. Ralf Willinger von Terre des Hommes erklärt, warum Warlords Kinder in den Kampf schicken.

Kindersoldaten im Jemen
Kindersoldaten im Jemen
Quelle: dpa

heute.de: Wie werden Kindersoldaten rekrutiert?

Ralf Willinger: Es gibt verschiedene Strategien. Manche Kinder werden entführt, auf Lastwagen gezerrt und einfach mitgenommen. Es gibt aber auch Armeen und Milizen, die versuchen, Kinder von ihren Absichten und den angeblich guten Verdienstmöglichkeiten zu überzeugen oder mit Lügen und falschen Versprechungen zu locken. Es gibt Kinder, für die ist im Krieg der Anschluss an eine Militäreinheit Überlebensstrategie.

heute.de: Warum wollen Militärs überhaupt Kinder in ihren Truppen?

Ralf Willinger
Ralf Willinger ist Referent für Kinderrechte im Kinderhilfswerk Terre des Hommes und Sprecher des Deutschen Bündnisses Kindersoldaten.
Quelle: Terre des Hommes

Willinger: Ein Warlord-General hat es so zusammengefasst: "Kinder sind reichlich vorhanden, sie sind dumm, sie gehorchen, stellen keine Fragen und kosten nichts. Sie desertieren nie, sie können nicht nach Hause gehen, und ich kann so viele haben, wie ich will." Wir bei Terre des Hommes haben beobachtet, dass je länger die Konflikte dauern, desto eher und mehr Kinder rekrutiert werden, weil die Erwachsenen bereits eingezogen, verletzt oder tot sind.

heute.de: Welche Aufgaben müssen Kindersoldaten erfüllen?

Willinger: Alle Aufgaben, die in der Truppe anfallen, aber vor allem diejenigen, die Erwachsene nicht so gern machen - vom bewaffneten Kampf bis zum Räumen von Minenfeldern. Sie müssen häufig spionieren und werden sexuell ausgebeutet. Sie müssen Verletzte versorgen und Leichen bergen. Bei Selbstmordattentaten werden sie eingesetzt, weil sie nicht so schnell Verdacht erregen wie Erwachsene. 

Noch nicht volljährig, aber mitten im Krieg, das müssen etwa 250.000 Kinder und Jugendliche als Soldaten durchstehen.

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heute.de: Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass es weltweit rund 250.000 Kindersoldaten gibt. Das ist nur eine sehr grobe Schätzung. Warum ist es so schwer, genauere Zahlen zu ermitteln?

Willinger: Das Völkerrecht verbietet die Rekrutierung von Kindersoldaten. Wer Kinder unter 15 Jahren rekrutiert, begeht ein Kriegsverbrechen. Deswegen gibt kaum ein General oder Warlord zu, dass er es dennoch tut. Das andere Problem ist, dass es in vielen Regionen kaum Zugang zu den Konfliktgebieten gibt. Für jedes Land legen die Vereinten Nationen einmal im Jahr Schätzungen vor. Sie sind von unterschiedlicher Qualität und werden zur Gesamtzahl hochgerechnet. Diese Zahl war in den vergangenen Jahren etwa immer gleich hoch.

heute.de: Aber es gibt Schwankungen in einzelnen Staaten?

Willinger: Wenn Konflikte zu Ende gehen, wie in Liberia oder Sri Lanka, dann sinkt die Zahl der Kindersoldaten.  Dort wo neue Konflikte aufbrechen, wie im Jemen und in Syrien, steigt die Zahl der missbrauchten Kinder rasant. Und es gibt lang anhaltende Kriege wie im Südsudan, im Kongo oder in Somalia, wo die Zahl der Kindersoldaten anhaltend hoch ist. 

heute.de: Welche Chancen haben Kinder, ihrem Martyrium zu entkommen?

Willinger: Manchmal schließen bewaffnete Gruppen oder Armeen mit den Vereinten Nationen sogenannte Aktionspläne und lassen Kinder frei. Das hat beispielweise 2012 die Armee von Myanmar gemacht. Sie haben Kinder entlassen. Allerdings rekrutieren sie auch weiter Kinder.

heute.de: Gibt es auch Befreiungsaktionen?

Willinger: Es gibt Partnerorganisationen von Terre des Hommes, die in den Krisengebieten versuchen, Kinder aus den Truppen zu holen. Natürlich nicht mit Gewalt, sondern per Verhandlung und Aufklärung über den Straftatbestand der Kinderrekrutierung. In Kolumbien haben wir Zentren, in denen Kinder Schutz vor dem Zugriff der Militärs finden.

Seit 2015 tobt im Jemen der blutige Bürgerkrieg mit tausenden Toten, darunter viele Kinder. Hunderttausende Menschen leiden an Hunger. Die Situation ist so dramatisch, dass selbst Kinder zum Kämpfen gezwungen werden.

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heute.de: Wer finanziert den Schutz der Kinder?

Willinger: Diese Arbeit wird hauptsächlich aus Spenden finanziert. Es gibt auch einige Projekte, die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert werden. Insgesamt steht für Kindersoldaten sehr wenig Geld zur Verfügung.

heute.de: Auch die Bundeswehr rekrutiert noch immer Minderjährige?

Willinger: Ja. Es gibt weltweit 46 Staaten, die Minderjährige in ihre Armeen aufnehmen. Dazu gehören auch Deutschland, Großbritannien und die USA. In 19 Ländern werden Kinder direkt in bewaffneten Konflikten eingesetzt.

heute.de: Wie begründet die deutsche Regierung ihre Praxis?

Willinger: Die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat uns bei der Übergabe von 30.000 Unterschriften gegen die Rekrutierung von minderjährigen Soldaten gesagt, die Bundeswehr stehe auf dem Arbeitsmarkt mit anderen Anbietern von Ausbildungen in Konkurrenz.

Aber die Armee ist kein Arbeitsplatz wie jeder andere. Eine Armee kann den Kindesschutz in den eigenen Reihen nicht gewährleisten - auch nicht die Bundeswehr. Es gibt hierzulande immer wieder sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen oder Todesfälle bei militärischen Übungen, auch Minderjährige sind betroffen. Wir fordern schon lange von der Bundesregierung, sich an internationale Standards zu halten. Staaten wie Deutschland tragen weltweite Verantwortung und müssen Vorbild sein. 

Hintergrund

heute.de: Die Bundeswehr findet nicht mehr genug junge Menschen für den Dienst an der Waffe. Verfällt sie deswegen auf diese Methode?

Willinger: Die Rekrutierung Minderjähriger lohnt sich nicht für die Bundeswehr. Sie sind einfach zu jung für die harte Ausbildung. Auf Grund falscher Vorstellungen vom Soldatenberuf brechen viele die Ausbildung ab oder werden gekündigt. Die vorliegenden Bundeswehrzahlen zeigen, dass nur etwa ein Viertel der minderjährig Rekrutierten ihren Vertrag auch bis zum Ende erfüllen.

Das Interview führte Katharina Sperber.

Anmerkung der Redaktion

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