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Vor Referendum - Katalonien: Mit Topfdeckeln zur Unabhängigkeit

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Zwei Schwestern aus Barcelona, ein Herz und eine Seele und dennoch unterschiedlicher Meinung. Die eine ist für die Unabhängigkeit und wird bei einem möglichen Referendum mit "Sí" stimmen. Die andere ist gegen einen eigenständigen, katalanischen Staat und wird mit "No" stimmen.

Die Fronten in der Katalonienfrage sind verhärtet. Die katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter halten ungeachtet eines Verbots des spanischen Verfassungsgerichts an der Abstimmung fest. Madrid erhöht den Druck.

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Punkt 10 Uhr abends ist es wieder soweit. Mit zwei Topfdeckeln in den Händen betritt Anna Maria ihren Balkon. So wie der Nachbar von nebenan und die Nachbarin gegenüber. Auch sie ausgerüstet mit Topfdeckeln. Nicht etwa, um eine Kochgruppe für katalanische Tapas zu gründen. Sie schlagen Krach, wie derzeit jeden Abend, eine Viertelstunde lang.

"Weil uns Spanien immer schlecht behandelt hat"

Wir sind in Clot, einem Stadtteil im Norden Barcelonas, unweit des unvollendeten Wahrzeichens, der unübersehbaren Sagrada Familia. Viele, die hier geboren sind, leben noch immer dort. So wie Anna Maria.

Die 75-jährige macht Lärm für die "Independència", die katalanische Unabhängigkeit. An der hat sie noch nie gezweifelt. Sie wünscht sich so sehr, dass Katalonien ein unabhängiger Staat wird. "Weil uns Spanien schon immer schlecht behandelt hat." Eigentlich wollte Anna Maria wie die vielen anderen auch auf die Straße gehen, um für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Aber davon hat ihre Schwester Montserrat dringend abgeraten, aus Sorge, dass ihr etwas passieren könnte.

Franco-Diktatur wirkt nach bis heute

Wir sind vier Kilometer weiter südwestlich von Clot, im Stadtteil Eixample esquerra. Es ist Mittag. Montserrat, 69 Jahre, erwartet Anna Maria zum Essen. Die beiden ledigen Schwestern sehen sich täglich, haben ein inniges Verhältnis, helfen sich gegenseitig. Natürlich auch dann, wenn sie in der katalanischen Sache, bei der Frage der Fragen: "Sí o No", geteilter Meinung sind. Anna Maria glühende, unerbittliche Vertreterin für ein "Sí", Montserrat die zweifelnde, aber rationale Stimme des "No". "Mein Herz sagt ja, aber mein Verstand sagt nein, Katalonien ist zu klein, um eigenständig zu sein."

Anna Maria und Montserrat sind in Barcelona geboren, mitten hinein in bewegte Zeiten. Als Diktator Franco von 1936 bis 1975 alles bekämpfte, unterdrückte und zensierte, was ihm nicht in seinen zentral-autoritären Staat passte. In Katalonien wurde während der Diktatur die katalanische Sprache verboten, die katalanische Kultur zum Erliegen gebracht - doch die katalanische Identität in den Köpfen, die konnte der General nicht zerstören.

Katalonien als Geberregion

Zu Hause in den Familien blieb catalán damlas der letzte Schutzschild vor dem spanischen Zentralstaat. Die Eltern von Anna Maria und Montserrat sprachen in der Wohnung in Clot nur katalanisch. Doch sobald die Mädchen zur Schule gingen, mussten sie ins Spanische wechseln, denn nur das durfte an den colegios gelehrt werden. Bis heute beherrschen Anna Maria und Montserrat die spanische Rechtschreibung besser als die katalanische. Erst nach Francos Tod erlangte Katalonien wieder kulturelle Autonomie und politische Macht zurück.

Die Schwestern gehen ihren Weg der Autonomie, sie bleiben beide ledig, verdienen beide als Angestellte in unterschiedlichen Firmen ihren Lebensunterhalt. Bis zur Rente. Katalonien als Motor für die ärmeren Regionen Spaniens. So sieht das auch Anna Maria: "Die Katalanen arbeiten mehr als die anderen." Dass ihre Heimatregion immer wieder Geld an die ärmeren Gebiete Spaniens zahlt, ist für Anna Maria ein weiterer Grund, um endlich unabhängig zu werden.

Einig in Kritik an spanischer Regierung

Montserrat glaubt dagegen nicht an den Erfolg eines unabhängigen Kataloniens. "Wir brauchen die EU, wir brauchen die Unterstützung der anderen Länder." Doch in stillen Momenten siegt manchmal ihr Herz über die Vernunft - zumindest in Gedanken. Denn auch Montserrat findet das derzeitige Vorgehen der spanischen Regierung nicht gut, mit aller Macht das geplante Referendum am 1.Oktober zu verhindern.

Anna Maria wird und will am Sonntag wählen, auch wenn sie bisher noch nicht einmal weiß, wo. Doch die 74-jährige ist davon überzeugt, dass der katalanische Präsident Carles Puigdemont und seine Regierung das alles irgendwie hinbekommen werden. "Die haben einen Plan B und wenn der nicht funktioniert, dann einen Plan C."

Was wäre, wenn ...? Zum Beispiel mit dem FC Barcelona

Aber was, wenn Plan B oder Plan C zum Erfolg führen, wenn aus Anna Marias sehnlichstem Wunsch tatsächlich Wirklichkeit wird und eine Mehrheit für eine Abspaltung stimmt? Wird ihr Lieblingsverein, natürlich der FC Barcelona, dann noch in der spanischen Liga spielen? Oder nur in der katalanischen Provinz? Oder gar als Gast im französischen Fußball-Oberhaus? Wird der unabhängige Staat Katalonien ein vollwertiges Mitglied der EU? "Ich bin durch und durch Europäerin, aber all die Fragen interessieren mich im Moment nicht. Alles, was ich jetzt will, ist abstimmen. Danach werden wir in Ruhe mit Madrid sprechen, denn wir Katalanen sind ruhige Leute, die reden wollen."Mittlerweile ist es 14.30 Uhr. In Barcelona Zeit zum Mittagessen. Montserrat serviert conill a la cassola, Kaninchen im Topf - mit Deckel. Und diesmal gibt es keinen Zweifel. Zu diesem katalanischen Gericht sagen beide Schwestern: "Sí!"

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