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Reformation auf Niederländisch - Mit Martin Luther eng verbunden

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Die Niederlande gelten als säkularster Staat des Westens. Trotzdem besuchen mehr Christen als in Deutschland regelmäßig den Gottesdienst am Sonntag. Frommer aber sind sie nicht.

Archiv: Ein Denkmal Martin Luther steht auf dem Marktplatz der Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt) am 10.04.2017
Archiv: Ein Denkmal Martin Luther steht auf dem Marktplatz der Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt) am 10.04.2017 Quelle: dpa

Wenn Axel Wicke am Sonntag predigt, dann hören regelmäßig 140 bis 150 Christen seine Worte. Die beiden Kirchen seiner Gemeinde in Den Haag-West haben je rund 900 Mitglieder. Der Pfarrer, der heute für die Protestantische Kirche der Niederlande (PKN) arbeitet, kennt auch ganz andere Zahlen. Als er noch an der evangelischen Zionskirche in Berlin Seelsorge betrieb, kamen zum sonntäglichen Gottesdienst gerademal 40 bis 50 Kirchgänger, obwohl seine Gemeinde (mit drei Kirchen) rund 8.000 Mitglieder zählte. Die Niederländer seien nicht frommer als die Deutschen, sagt Wicke. "Aber wenn man in Holland Mitglied einer Kirche ist, dann geht man auch regelmäßig am Sonntag zur Kirche." Anders als im östlichen Nachbarland, wo eher ein "Kulturchristentum" gepflegt werde – Anlässe für den Kirchgang sind Weihnachten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, nicht aber die Sonntage.

„Luther gehört zum Calvinismus"

Johannes Calvin (undatierte, zeitgenoessische Darstellung)
Johannes Calvin (undatierte, zeitgenoessische Darstellung) Quelle: dpa

In dieser Woche beschäftigen sich alle niederländischen Protestanten nicht nur in Den Haag mit dem 500. Jubiläum der Reformation Martin Luthers. In der Mehrzahl hängen sie einem calvinistischen/reformierten Bekenntnis an. Es gibt Beiträge in den Medien, Luther-Liederabende, es werden Filme gezeigt und anschließend diskutiert. "Luther gehört zum Calvinismus. Das ist für Niederländer selbstverständlich", sagt Herman Johan Selderhuis, Professor an der Theologischen Universität der Christlich-Reformierten Kirchen in den Niederlanden zu Apeldoorn. Johannes Calvin (1509 bis 1564) habe zwar Luther niemals persönlich getroffen, aber viel von dessen theologischer Lehre übernommen und auf dieser Grundlage eine Kirchstruktur gebaut. "Calvin war Luthers bester Schüler", schrieb bereits Karl Holl, einer der bedeutendsten deutsche Kirchenhistoriker des vergangenen Jahrhunderts. Calvin sei für den Kopf und Luther für das Herz, sagt Selderhuis. "Wir brauchen beide. Wenn das Herz nicht geht, ist es mit dem Kopf auch bald zu Ende."

Manche strengen Regeln des Calvinismus sind ins Kulturgut unserer Nachbarn übergegangen. Beispielsweise Strophen ihrer Nationalhymne,  "eigentlich eine calvinistische Hymne", sagt Selderhuis. Oder die gardinenlosen Fenster. Bis ins 19. Jahrhundert waren Gardinen vielerorts verpönt, damit der Pfarrer, wenn er durchs Dorf ging, als moralischer Zuchtmeister der Kirche "stets sehen konnte, dass alle brav die Hände auf der Tischdecke hatten", berichtet Wicke. Noch heute gibt es Christen, die sich strikt an die strengen Weisungen des frühen Calvinismus halten. Sie leben vor allem im niederländischen Bibelgürtel, der sich von Zeeland im Südwesten bis zum Ijsselmeer im Norden erstreckt. Sie gehören zur "Zwartekousenkerk", der "Schwarzstrümpflerkirche". Denn ihre Frauen müssen Hüte und schwarze Strümpfe tragen, wenn sie am Sonntag zur Kirche gehen. Diese Bibeltreuen sind Anhänger der SGP, der sogenannten Schwarzstrümpfler-Partei, die Frauen von politischen Ämtern ausschließt und dennoch mit Abgeordneten im nationalen Parlament vertreten ist.  Aber die Fundamentalisten sind in den liberalen Niederlanden eine sehr kleine Minderheit.

Auch Luther kann Business sein

Auch wenn es für die niederländischen Calvinisten selbstverständlich ist, dass Luther die Grundlagen für ihre Glaubensbekenntnis gelegt hat, so vereinnahmen viele deutsche Protestanten doch Luther gern für sich allein. Der Theologe Selderhuis hat eine Lutherbiografie geschrieben. Inzwischen ist bereits die vierte Auflage erschienen. Sie wurde ins Englische, Indonesische und Koreanische übersetzt. Ein deutscher Verlag lehnte eine Lizenzübernahme ab, weil es doch eigentlich undenkbar sei, dass ein Calvinist tiefgründig über Luther schreiben könne. Selderhuis kann über solche Entscheidungen herzlich lachen, genauso darüber, dass ihn deutsche Kollegen sofort als Calvinisten outen, wenn er sich bei einer Tagung zum Mittagessen ein Wasser bestellt. Dann fühlt er sich manchmal genötigt, stattdessen ein Glas Wein zu nehmen, damit alle wissen "auch Calvinisten trinken Alkohol – allerdings nicht am Mittag, sondern eher zum Ausklang eines schönen Tages."

Vor 500 Jahren soll Martin Luther der Überlieferung nach die 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben. Der Ausgangspunkt der Reformationsbewegung wurde in Wittenberg mit einem Festgottesdienst gefeiert.

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Pfarrer Axel Wicke war im Mai mit Gemeindemitgliedern zum Kirchtag in Berlin. Sie haben sich darüber gefreut, wie aufwändig die Deutschen das Lutherjahr feiern. Aber sie haben auch ein wenig gelächelt über all die Luther-Gadgets, wie Socken, Sonnenbrillen oder T-Shirts mit dem Konterfei des Reformators. Doch Niederländer sind pragmatisch und verstehen: Auch Luther kann Business sein. Von Heldenverehrung allerdings halten die Niederländer wenig. "Luther und Calvin waren auch nur Menschen", sagt Selderhuis. "Wir können von ihnen lernen – manchmal auch, wie wir es nicht machen sollten."

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