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Daimler-Hauptversammlung - Rekordfahrt mit angezogener Handbremse

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Daimler-Chef Dieter Zetsche tritt heute vor die Anleger. Im Gepäck: eine Rekordbilanz, die Gewinne sprudeln. Trotzdem werden Aktionäre zu Recht kritische Fragen stellen.

Archiv: Ein elektrisch betriebener Mercedes Concept EQ steht während der Hauptversammlung der Daimler AG am 29.03.2017 auf einem Podium in Berlin
Ein Mercedes Concept EQ Quelle: dpa

Wenn Dieter Zetsche die Bühne der Hauptversammlung von Daimler betritt, dürfte sein Lächeln in etwa so breit sein wie sein markanter Walrossbart darüber. Der Konzern hat noch nie so viele Autos verkauft wie im vergangenen Jahr, und er hat auch noch nie so viel Geld verdient. Unter dem Strich hat Daimler fast elf Milliarden Euro verdient – das ist rund ein Viertel mehr als im Vorjahr.

Wolf im Schafspelz bei Daimler?

Mit all diesen Rekorden, die Daimler-Chef Zetsche seinen Aktionären verkünden kann, hat Daimler auch seine Konkurrenten BMW und Audi wieder auf die Plätze verwiesen. Vor allem in China finden Fahrzeuge aus Stuttgart reißenden Absatz. Das Reich der Mitte ist mittlerweile zum wichtigsten Absatzmarkt für den Konzern aufgestiegen.

Doch gerade ist aus China auch ein großes Fragezeichen aufgetaucht. Und zwar in Person eines gewissen Herren Li Shufu. Der wiederum ist ebenfalls der Chef eines Autokonzerns - nämlich von Geely. Und er ist Ende Februar ziemlich überraschend als größter Aktionär bei Daimler eingestiegen. Seither findet ein munteres Rätselraten statt, was Herr Shufu bei oder mit Daimler beabsichtigt. Es werden schon Bilder aus dem Tierreich gezeichnet, quasi um die Lücke im Geiste zu füllen. "Geely könnte ein Wolf im Schafspelz sein", warnt beispielsweise Ingo Speich. Er ist Fondsmanager bei Union Investment. Zwar kann Daimler sich grundsätzlich über einen großen Ankeraktionär freuen – Geely hält mit seinem Einstieg 9,69 Prozent an den Stuttgartern. Allerdings kontrolliert der Geely-Konzern auch Mercedes-Konkurrenten wie Volvo.

Im Mief des Abgasskandals

Eine etwas eigentümliche Mischung: Konkurrenz, gepaart mit dem Argwohn gegenüber China - ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht. Jedenfalls soll dort bisweilen Know-how aus anderen Ländern in der Produktion dortiger Firmen auftauchen. Das alles lässt Beobachter wie Ingo Speich mit Fragezeichen und Tiermetaphern zurück.

Ein noch größeres Fragezeichen allerdings hat sich der Konzern selbst eingebrockt - und dummerweise wandelt es sich langsam zu einem Ausrufezeichen: Auch Daimler scheint in den Abgasskandal verwickelt zu sein! Die Schwaben haben ihre Anleger vor Milliardenrisiken gewarnt, die entstanden sind. Bekanntermaßen sind vor allem Behörden in den USA wenig zimperlich, wenn es darum geht, Betrüger und Manipulierer zu bestrafen.

Zukunft mit teuren Baustellen

Doch der Skandal hat sich auch ohne milliardenschwere Strafen bereits in die Bilanz von Daimler eingeschrieben: Der "freiwillige" Austausch einer Software in Hunderttausenden Autos hat bereits fast 300 Millionen Euro gekostet. Mit den Updates will Daimler in den betreffenden Fahrzeugen den Stickstoffoxid-Ausstoß reduzieren.

Das dritte Fragezeichen schließlich besteht mit Blick auf die Zukunft. Denn wie andere Autohersteller muss sich auch Daimler auf eine wandelnde Autobranche einstellen. Neue Antriebstechniken wie E-Mobilität, die zunehmende Digitalisierung und autonomes Fahren sind Stichworte, die den Wandel umreißen und die neuen Felder abstecken. Auch hierfür wird Daimler viel Geld in die Hand nehmen müssen, um den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verlieren. Oder, im besten Fall, seinen Vorsprung zu halten.

Aktienkurs hinkt hinterher

Um sich auf diese Zukunft vorzubereiten, will der Konzern sich unter dem Dach einer Holding neu formieren. Darunter sollen drei eigenständige Einheiten zusammengefasst werden: ein Bereich für PKW, einer für LKW und Busse und der dritte für die Financial Services - sozusagen die Daimler Bank. Die finanziert bereits jetzt jedem zweiten Kunden die Finanzierung seines neuen Autos aus dem Konzern. Solche Umstrukturierungen von Konzernen aber kosten gewöhnlich zuerst Geld, bevor sie sich auszahlen.

Bei all diesen Projekten, den Fragezeichen und Rekordfahrten des Daimler-Konzerns können die anwesenden Aktionäre bei der Hauptversammlung mit einiger Verwunderung den Kurs der Aktien ihres Unternehmens beobachten. Denn die haben an der Rekordfahrt bislang nicht teilgenommen. Im vergangenen Jahr, als der Leitindex Dax in Deutschland kräftig nach oben gegangen ist, hat der Kurs der Daimler-Aktie mehr oder weniger auf der Stelle getreten. Die vielen Fragezeichen sind es, die Investoren skeptisch machen. Vor allem die Fragezeichen, die die Zukunft betreffen. Dieter Zetsche wird seinen Aktionären Antworten liefern müssen.

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