Sie sind hier:

Rentenniveau - Das große Missverständnis

Datum:

Wenn über die Zukunft der Rente diskutiert wird, fällt immer ein Wort: "Rentenniveau". Das führt in die Irre. Denn es bedeutet etwas anderes, als die meisten darunter verstehen.

Rente: Renteninformation und Geldscheinen
Das Mysterium "Rentenniveau" - wir erklären es.
Quelle: dpa

Das Schreckgespenst für künftige Rentner hat einen Namen, und es wird gerade wieder eifrig herbeigeschworen. Das Schreckgespenst hört auf den Namen "sinkendes Rentenniveau". Und weil dieses Niveau sinkt, muss es dringend gestützt, gehalten, abgesichert werden. Mit richtig viel Geld. Denn wenn das Rentenniveau sinkt, dann droht uns allen doch - ja, was eigentlich: massive Altersarmut?

Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend. Und doch ist genau dieser Zusammenhang falsch.

Rentenniveau sagt nichts über die eigene Rente

Das Rentenniveau, um das es in der politischen Debatte geht, hat nichts zu tun mit der eigenen Rente, die Arbeitnehmer erhalten. Auch wenn das die meisten sofort vermuten: Es sagt nichts darüber aus, wie viel Prozent vom letzten Lohn übrig bleiben.

Das "Standardrentenniveau", um das es in der Debatte geht, ist eine statistische Größe. Es setzt zwei Werte zueinander in Beziehung: auf der einen Seite die Standardrente, die jemand nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittslohn erhalten würde. Auf der anderen Seite: das aktuelle Entgelt eines Durchschnittsverdieners. Aktuell liegt dieses Standardrentenniveau in Deutschland bei 48,1 Prozent.

Das Rentenniveau verrät nichts über die Höhe der Rente, sondern über das Verhältnis von einer Durchschnittsrente zu einem Durchschnittslohn. Oder anders gesagt darüber, wie sehr Rentner vom allgemeinen Wohlstand profitieren. Wenn beide, Renten und Löhne, in etwa in gleichem Maß steigen, dann bleibt das Rentenniveau gleich. Steigen jedoch die Löhne stärker als die Renten, dann sinkt folglich das Rentenniveau.

Die Renten steigen - das Niveau sinkt trotzdem

Das hat absurde Folgen für die Statistik, denn die gesetzlichen Renten sinken in Deutschland nicht, sondern steigen seit Jahren schon. Seit 2011 sogar regelmäßig, immer im Juli, zur "Rentenpassung": Mal lag die bei gut zwei Prozent (2012), mal über vier Prozent (2016), zuletzt über drei Prozent (2018).

Und doch ist das Rentenniveau seit 2011 von 50,1 Prozent auf zuletzt 48,1 Prozent gesunken. Weil im selben Zeitraum die Löhne noch ein wenig schneller gestiegen sind.

Sinkendes Niveau politisch gewollt

Wenn nun der Deutsche Gewerkschaftsbund etwa ein gesetzlich abgesichertes Rentenniveau von 50 Prozent fordert, dann müssten dafür die Renten wieder stärker steigen als die Löhne. Natürlich ließe sich das Ganze auch anders herum bewerkstelligen: Man stelle sich kurz eine kleine Rezession vor - und infolge dessen eine Lohnkürzung für alle. Die Renten, die mit einer komplizierten Rentenformel an der Entwicklung des Durchschnittslohns hängen, blieben jedoch stabil (dafür sorgt eine Schutzklausel im Gesetz). Die Folge: Das Rentenniveau würde wieder steigen. Absurd? Wohl wahr.

Im Übrigen ist es politisch gewollt, dass das Rentenniveau in Deutschland langfristig sinkt. Beziehungsweise, dass die Renten nicht so schnell steigen wie die Löhne. 2005 führte die Politik nämlich in einer großen Rentenreform einen so genannten "Nachhaltigkeitsfaktor" in die Rentenformel ein. Man wollte die Folgen des demographischen Wandels abfedern - und verhindern, dass der Beitrag zur Rentenversicherung zu schnell steigt. Im Ergebnis wachsen die Renten seither langsamer als die Löhne. Auch das gehört also zur Wahrheit dazu: dass das Rentenniveau langfristig sinkt, hat die Politik selbst einmal so beschlossen.

Fokussierung auf Rentenniveau der Zukunft "absurd"

Über die Zukunft der Rente muss diskutiert werden. Es ist gut, dass die SPD-Spitze diese Diskussion nicht allein einer Rentenkommission aus Experten überlassen möchte. Der demographische Wandel, der ab 2025 massiv einsetzen wird, stellt das System schließlich vor eine massive Herausforderung: Immer weniger Beitragszahler stehen immer mehr Rentnern gegenüber. Und gegen konkrete Formen von Altersarmut, etwa nach langen Phasen von Arbeitslosigkeit, muss die Politik in einem reichen Land wie Deutschland etwas unternehmen.

Doch genau darüber sagt das "Rentenniveau" wenig bis gar nichts aus. Ja, die Fokussierung auf das "Rentenniveau" der Zukunft ist absurd - sie lädt nur so ein zu Missverständnissen. Verantwortliche Politiker wissen das.

Dem Autor auf Twitter folgen: @fneuhann

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.