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Flüchtlinge aus Afrin - "Die Menschen schreien hier um Hilfe"

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Der deutsche Arzt Michael Wilk kümmert sich in Nordsyrien um Vertriebene aus Afrin. Mit Blick auf eine "gewaltige menschliche Tragödie" kritisiert er auch die Bundesregierung hart.

Frauen und Kinder bei einer Essensausgabe in Afrin
Frauen und Kinder bei einer Essensausgabe in Afrin Quelle: dpa

Familien kauern auf einer Wiese am Feldrand, weinende Kinder sind zu hören. Der Blick in den Augen der Erwachsenen verrät eine starke seelische Erschütterung. "Tausende Menschen sind auf offenem Feld Wind und Wetter ausgesetzt, ihre Lage ist extrem", sagt der deutsche Arzt Dr. Michael Wilk. "Die kalten Nächte im Regen sind schlimm, vor allem für die Kinder, Kranke und Alte."

"Frauen müssen ihre Babys am Wegesrand zur Welt bringen"

Der Wiesbadener Notfallmediziner ist mit einem Hilfskonvoi des Kurdischen Roten Halbmonds (Heyva sor a kurd) in die Region Afrin/Sheba gekommen, um Geflüchtete zu unterstützen. Während Kurdenvertreter von 200.000 Vertriebenen sprechen, habe die Gewalteskalation in Afrin durch den Einmarsch der türkischen Armee und ihrer radikalen Hilfstruppen nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 100.000 Menschen zur Flucht gezwungen. Die meisten von ihnen sind um die Kleinstadt Tall Rifat herum nördlich von Aleppo gestrandet.

"Es fehlt am Notwendigsten, an sauberem Trinkwasser, ausreichend Nahrung, an Medikamenten, Decken und Zelten", sagt Wilk und berichtet von Frauen, "die ihre Babys am Wegesrand unter freiem Himmel zur Welt bringen müssen". Die hygienischen Zustände seien "erbärmlich", so Wilk. "Wir haben sehr viele Menschen auf engem Raum, aber keine Toiletten. Wenn sich da nicht schnell was ändert, droht der Ausbruch von Krankheiten."

Kriegsparteien versperren Hilfsorganisationen den Weg

Nach Aussagen des Arztes kommt Hilfe bislang vor allem vom Kurdischen Roten Halbmond und der regionalen Selbstverwaltung der Kurden. "Die Leute gehen über ihre Grenzen hinaus, aber die Strukturen sind völlig überlastet", so Wilk. Der Konvoi mit 40 Lastwagen und Ambulanzfahrzeugen aus Quamishlo, Kobane und anderen Städten des Kurdengebiets Rojava in Nordsyrien sei zwar gut durchgekommen nach Tall Rifat, aber nur "ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Wilk, der seit Jahren regelmäßig zu Hilfseinsätzen in die Region reist.

In Afrin kämpfen türkische Soldaten gegen die kurdische YPG-Miliz – und das mit deutschen Waffen. Auch Heuteplus hat mit Wilk gesprochen.

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"Internationale Hilfe erreicht die Flüchtlinge bisher kaum, das muss sich dringend ändern", fordert der Arzt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) meldet indes, dass es sein Engagement angesichts der großen Notlage in der Region ausweite. Vertriebene würden mit Basisgütern und Zelten versorgt. Gleichzeitig beklagen die internationalen Helfer Hürden, die ihnen die Kriegsparteien in den Weg stellten.

Rotes Kreuz: "Zähe Verhandlungen" mit Machthabern

So berichtet Anastasia Isyuk vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Genf über zähe Verhandlungen mit den örtlichen Machthabern. Kaum habe die Hilfsorganisation mit einer Gruppe den Zugang zu dem von ihr kontrollierten Gebiet vereinbart, "werden wir schon wieder von der Realität und den neuen Machtverhältnissen eingeholt", so Isyuk.

Angesichts solcher Schwierigkeiten und mit Blick auf die "gewaltige menschliche Tragödie" verurteilt der Mediziner Michael Wilk "das Versagen der Weltgemeinschaft", das vor allem im Dulden des "völkerrechtswidrigen Einmarschs des türkischen Militärs in Afrin" zum Ausdruck komme.

Mediziner Wilk: "Mit deutschen Waffen Zivilisten in Afrin getötet"

Auch das Verhalten der Bundesregierung kritisiert Wilk hart. Zwar hatte Kanzlerin Angela Merkel vor einer Woche den türkischen Einmarsch in das nordsyrische Kurdengebiet "auf das Schärfste" verurteilt. Bislang zeigt sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan allerdings unbeeindruckt. "Die Türkei hat mit deutschen Panzern und Waffen in Afrin Zivilisten getötet und verletzt und es steht zu befürchten, dass die Gewalt kein Ende nimmt", so Wilk.

"Die Menschen schreien hier um Hilfe, vielen ist das Entsetzen über die erlittene Gewalt in Afrin ins Gesicht geschrieben", beschreibt der Mediziner, der auch als Schmerz- und Psychotherapeut tätig ist, die Situation, und meint: "Die Bundesregierung muss die Waffenlieferungen dauerhaft stoppen und massiver Druck ausüben - sonst bleibt sie Erfüllungsgehilfe Erdogans."

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