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Wie eine "Taschenlampe in der Dunkelheit"

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Krisenreporterin im Jemen - Wie eine "Taschenlampe in der Dunkelheit"

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Der Jemen wird seit Jahren vom Krieg verwüstet und von unterschiedlichen Interessen zerrissen. Wie kann man aus einem solchen Land berichten? Ein arabische Journalistin erzählt.

Jemen: Fotografie (Symbolbild)
Neutrale Berichterstattung aus dem Jemen ist kaum möglich. Nur wenige Journalisten können in das Krisengebiet einreisen.
Quelle: Picture Alliance

Wer glaubt, Frauen hätten es als Journalistinnen im arabischen Raum besonders schwer, erntet von Safa al Ahmad genervte Blicke. Die saudische Investigativ-Reporterin ist überzeugt: "Als Journalistin habe ich eine Super-Power." Männer könnten im arabischen Raum oft nur mit Männern reden. "Als Frau kann ich mit Männern und Frauen reden. Ich werde nach Hause eingeladen und bekomme mit, wie die Menschen leben und unter dem Bürgerkrieg leiden", sagt al Ahmad.

Als Journalistin habe ich eine Super-Power
Safa al Ahmad, Journalistin

Über Dschibuti per Schiff in den Jemen

Al Ahmad gehört zu den wenigen unabhängigen Journalisten, denen es gelungen ist, in den Jemen einzureisen – allen Widrigkeiten zum Trotz. Sie hat dazu beigetragen, den Jemen-Konflikt einem breiten Publikum der BBC bekannt zu machen. Dafür flog sie nach Dschibuti und setzte mit dem Schiff Richtung Jemen über. Als neutrale Journalistin, wie sie betont, und ohne den Einfluss von lokalen Akteuren oder von den Großmächten Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate oder Iran.

Um im Jemen nicht aufzufallen, muss sich al Ahmad anpassen. "Ich trage das, was jemenitische Frauen tragen: eine Burka." Vor Ort arbeite sie mit jemenitischen Journalisten zusammen. "Ich mag den Begriff Stringer oder Fixer nicht", sagt al Ahmad – und kritisiert die gängige Bezeichnung für Journalisten, die ausländischen Kollegen mit Ortskenntnissen, Logistik und Übersetzungen weiterhelfen. "Für mich sind die lokalen Kollegen von unschätzbarem Wert und Teil des Teams."

Im Gespräch berichtet Safa al Ahmad über ihre Arbeit im Jemen:

heute.de: Sie kommen aus Saudi-Arabien. Gelten Sie damit nicht automatisch als Riads Verbündete?

Safa al Ahmad: Ich habe kritisch über das saudische Königshaus berichtet. Würde ich nach Saudi-Arabien einreisen, würde ich sofort verhaftet. Von daher ist es absurd, wenn mir jemand eine Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien vorwirft.

heute.de: Was tun Sie, um neutral zu bleiben?

Die Berichterstattung in Krisengebieten gleicht einer Taschenlampe in der Dunkelheit.
Safa al Ahmad

Al Ahmad: Ich bemühe mich um Ausgewogenheit und um Transparenz. Aber die Berichterstattung in Krisengebieten gleicht einer Taschenlampe in der Dunkelheit: Du siehst nur das direkt vor dir. Das, wohin das Licht fällt. Die Dimensionen des Bürgerkrieges bleiben oft verschleiert und vertrackt.

heute.de: Welche Kompromisse müssen Sie mit den Machthabern schließen, um überhaupt ins Land einreisen zu können?

Al Ahmad: Gar keine, ich kooperiere nicht mit dem Regime. Ich habe Möglichkeiten gefunden, ins Land einzureisen. Und dann bewege ich mich diskret im Untergrund. Ich brauche keine Interviews mit Politikern und Machthabern. Sie würden mich eh anlügen. Ich interessiere mich für die einfachen Menschen. Sie sind es ja, die am meisten unter dem Bürgerkrieg leiden.

heute.de: Was macht Ihre Arbeit im Jemen schwierig?

Al Ahmad: Es ist schwierig, an Benzin zu kommen. Du musst immer einen großen Vorrat an Benzin dabeihaben, weil du zur Not durch die Wüste brettern musst, um das Land zu verlassen. Wir wären ein gutes Angriffsziel gewesen. So viel Benzin – wir wären sofort explodiert.

heute.de: Wie beurteilen Sie die westliche Jemen-Berichterstattung?

Mich empört, wie wenig über den Jemen berichtet wird. Es ist aktuell eine der weltweit größten Katastrophen.
Safa al Ahmad

Al Ahmad: Welche Berichterstattung? Der Westen hat sich doch nicht mal für den Bürgerkrieg in Syrien interessiert. Erst, als die Flüchtlinge kamen, ist das Interesse gestiegen. Der Jemen ist dem Westen egal. Wenn überhaupt, dann werden Kinder gezeigt, die kurz vor dem Hungertod stehen. Mich empört, wie wenig über den Jemen berichtet wird. Es ist aktuell eine der weltweit größten Katastrophen.

Saudische Angriffe auf Ziele im Jemen. Archivbild
International wird der Konflikt vielfach als Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Saudi-Arabien angesehen. (Archivbild)
Quelle: Hani Mohammed/AP/dpa

Der Jemen: ein krisengebeuteltes Land

Seit 2016 tobt im Süden der arabischen Halbinsel ein Stellvertreterkrieg, in dem Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Iran erbittert um ihre geopolitischen Interessen kämpfen. Im Hintergrund mischen die USA und Russland mit. Den Preis dafür bezahlt die jemenitische Zivilbevölkerung, die unter Hungersnot und mangelnder medizinischer Versorgung leidet. Laut den Vereinten Nationen sind über zwei Millionen Jemeniten auf der Flucht und mehr als 24 Millionen auf Hilfe angewiesen. Betroffen ist also fast jeder - insgesamt hat der Jemen rund 28 Millionen Einwohner.

Es wird keine militärische Lösung geben. Washington und Moskau müssen sich etwas anderes einfallen lassen.
Safa al Ahmad, Journalistin

Wie der Konflikt gelöst werden kann? Al Ahmad sieht sich als Journalistin – und nicht als Friedensaktivistin. Für sie steht aber fest: "Es wird keine militärische Lösung geben. Washington und Moskau müssen sich etwas anderes einfallen lassen." Anders seien die Regionalmächte in Riad, Abu Dhabi und Teheran "nicht zur Vernunft zu bringen".

Die Akteure im Jemen-Krieg

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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