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TV-Duell zur Bundestagswahl - "Merkel ist feige und schlau zugleich"

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Am Sonntag treten Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz im einzigen TV-Duell vor der Bundestagswahl gegeneinander an. Wie sich die beiden am besten präsentieren und was sie lieber lassen sollten, erläutert Rhetorikexperte Jörg Abromeit im heute.de-Interview.

Alle wichtigen Medien erscheinen zur Sommerpressekonferenz der Kanzlerin. Ein 90 Minuten langes Frage- und Antwort-Spiel mit wenig Neuigkeiten. Doch Angela Merkel findet ihren Wahlkampf spannend.

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heute.de: Es gibt Kommunikationsexperten, die sagen, nur ein Drittel der Zuschauer wird überhaupt mitbekommen, worüber gesprochen wird. Was machen die anderen zwei Drittel während des Duells?

Jörg Abromeit: Wir wissen aus der Wahrnehmungspsychologie, dass ein Mensch besser zuhört, wenn er über ein Thema schon informiert ist. Je weniger Ahnung jemand von Inhalten hat, desto mehr interessiert er sich für Äußerlichkeiten. Ich wage aber zu bezweifeln, dass man dieses Verhältnis in konkrete Zahlen gießen kann. Es gibt seit vielen Jahren die Irrlehre, dass zu 55 Prozent die Körpersprache und zu 38 Prozent die Stimme der Kandidatin oder des Kandidaten ihre Wahrnehmung beim Publikum beeinflussen. Da bliebe für Inhalt nur noch ein winziger Bruchteil. Diese Gleichung stimmt nicht.

heute.de: Was ist dann entscheidend?
Abromeit: Das Gesamtpaket. Ich glaube, dass alle, die Interesse an Inhalten haben, sehr genau hinschauen und hinhören werden. In erster Linie aber müssen die Kandidaten zeigen, dass sie den Job können. Sie müssen sich so präsentieren, dass wir sie für fähig halten, die Aufgaben einer Bundeskanzlerin oder eines Bundeskanzlers zu erfüllen.

heute.de: Woran erkennen wir, dass eine Person Staatschef kann? An der Merkel-Raute oder dem ausgestreckten Zeigefinger von Martin Schulz?

Abromeit: Sie oder er müssen sogenanntes Hochstatusverhalten verinnerlicht haben. Dazu gehört, dass sich die Kandidaten stets sehr souverän verhalten. Sie hampeln nicht rum, bewegen den Kopf kaum und fuchteln nicht mit den Händen. Weder die Raute, die Angela Merkel oft mit den Händen bildet, noch ein ausgestreckter Zeigefinger gehören zum Hochstatusverhalten. Die Raute ist zu brav, der Zeigefinger zu aggressiv. Kandidaten für den Kanzlerjob bewegen sich immer im Spannungsfeld zwischen Kompetenz und Sympathie und müssen darin das richtige Maß finden.

heute.de: In den USA gibt es mehr als nur ein TV-Duell und diese Streitgespräche sind viel lebendiger und spannender als hierzulande. Warum ist es bei uns so langweilig?
Abromeit: Weil Merkel feige und schlau zugleich ist. Sie weiß, dass ihr dieses Format nicht zugutekommt. Deswegen hat sie nur einem Duell in sehr engen Grenzen zugestimmt.

heute.de: Warum kann Merkel TV-Duell nicht?

Abromeit: Weil sie sich sehr auf Sicherheit konzentriert, wenig spontan, aber sehr sachlich und detailorientiert ist. Ich würde mir wünschen, dass sie mehr Mut zeigt. Und im Grunde traue ich ihr auch mehr zu. Wenn man sie auf Pressekonferenzen sieht, ist sie ja durchaus schlagfertig. Aber sie geht kein Risiko ein. Das ist die Grundtatsache ihres politischen Verhaltens.

heute.de: Wieviel Bewegungsspielraum bleibt für den SPD-Kandidaten Schulz?

Abromeit: Deutlich weniger als er sich wünschen würde. Er ist rhetorisch deutlich besser aufgestellt als die Kanzlerin. Er kann sehr geschickt komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringen. Er kann emotionaler sein, ohne dabei platt zu wirken. Er ist spontan und hat Humor.

heute.de: Laut Umfragen ist etwa die Hälfte der Wählerinnen und Wähler noch unentschieden, welcher Partei sie zur Bundestagswahl ihre Stimmen geben werden. Ist das TV-Duell das geeignete Format, diese Menschen auf die eine oder andere Seite zu ziehen?
Abromeit: Schulz hofft das. Möglicherweise nimmt er sich Altkanzler Gerhard Schröder zum Vorbild, der 2005 in dem TV-Duell mit Angela Merkel mehr Zustimmung für seine SPD herausschlagen konnte. Auch wenn es am Ende nicht für einen Wahlsieg gereicht hat. Aber ich bezweifele, dass wir nochmals so eine Wendung durch ein TV-Duell erleben werden.

heute.de: Was nährt Ihren Zweifel?

Abromeit: Die Parteien haben sich seither stark professionalisiert, mit ihren Kandidaten alle Politikfelder durchdekliniert und TV-Duell trainiert. Deswegen rechne ich überhaupt nicht mit Überraschungen.

heute.de: Spielt es eine Rolle, dass Frau gegen Mann und Mann gegen Frau antritt?

Abromeit: Für einen Mann mit einer dominanten Charakterstruktur wie sie Schulz hat, ist es schwer gegen eine Frau anzutreten. Obwohl Merkel ihr Frausein noch nie in den Mittelpunkt gerückt hat. Trotzdem muss der Mann aufpassen, dass er nicht zu aggressiv auftritt. Das würden ihm viele Zuschauer übel nehmen.

heute.de: Martin Schulz hat einen Coach engagiert, der ihn auf das Duell vorbereitet. Wie muss man sich eine solche Vorbereitung vorstellen?

Abromeit: Am Anfang steht die Analyse. Es werden die Stärken und Schwächen des Kandidaten beleuchtet, aber auch die der Gegnerin. Dann werden die inhaltlichen Felder beleuchtet, Kernaussagen festgelegt und geschaut, wie die vier Moderatoren in der Regel auftreten. Erst danach wird man die Duell-Situation praktisch üben.

heute.de: Wie lange dauern diese Trainingseinheiten?

Abromeit: Maximal drei Stunden pro Einheit, normalerweise nicht mehr als sechs Stunden pro Tag. Dabei wechseln sich Aufnahme und Analyse immer ab. Und zum Schluss gibt es eine Generalprobe.

heute.de: Das Los hat entschieden, dass Schulz die erste Frage erhält und Merkel das letzte Wort. Was ist besser?

Abromeit: Das was zuerst gesagt wird, führt erkenntnisleitend durch das Duell. Das was zum Schluss gesagt wird, bleibt am besten hängen.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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