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Ringen um den Digitalpakt - Digitalisierung: Eine Baustelle von vielen

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Selten waren Bildungsthemen so präsent wie beim aktuellen Streit zwischen Bund und Ländern um die Digitalisierung von Schulen. Ist dies das wichtigste Thema der Schulpolitik?

Archiv: Schüler arbeiten am 18.10.2017 in einem Klassenraum einer Grundschule in Schüttorf (Niedersachsen) an Computern
Schüler arbeiten in einem Klassenraum einer Grundschule an Computern
Quelle: dpa

Fast hat man dieser Tage das Gefühl, dass sämtliche Probleme um Schulen und Bildung in Deutschland gelöst sein könnten, wenn beim so genannten Digitalpakt eine Einigung erzielt ist: Her mit der Digitalisierung, und zwar schnell! Und falls nicht, dann ist das Ende unserer Bildungszukunft besiegelt. "Die Erwartungshaltung in der Bevölkerung ist riesig", sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE. "Die Digitalisierung von Schulen ist gerade sehr präsent und das Thema wird von der Politik weiter gepusht, um alle möglichen Themen noch anzudocken – von der Einheitsschule bis zu grundsätzlichen Fragen zum Föderalismus."

Digitalisierung, Sanierung und Unterrichtskonzepte

Dabei, so Beckmann, komme so manches Problem, mit dem Schule in Deutschland zu kämpfen hat, derzeit durchaus zu kurz: "Natürlich dürfen wir nicht die Augen vor einer fortschreitenden Digitalisierung in Gesellschaft und Wirtschaft verschließen. Aber die großen Baustellen wie Lehrermangel, Inklusion oder auch der riesige Investitionsstau bei den Schulbauten sind mindestens ebenso gravierend." Wobei man diese Themen durchaus gemeinsam angehen sollte: "Bei der  Sanierung von Gebäuden sollte das Thema Digitalisierung ebenso berücksichtigt werden wie neue, nötige Unterrichtskonzepte, die erweiterte Raumnutzungen verlangen", sagt Udo Beckmann.

"Niemand käme auf die Idee, den Motor eines Rennwagens in eine Rostlaube einzubauen", bestätigt Georg Hoffmann von den "Jungen Philologen", der Nachwuchsorganisation des Deutschen Philologenverbands. Die Digitalisierung von Schulen werde meist jedoch losgelöst von Schulbausanierungen betrachtet. Wobei, so Hoffmann, neben der Frage der Infrastruktur - also der im Raum stehenden Anbindung von Schulen ans Datennetz - und dringend benötigten Medienpädagogischen Konzepten ein weiteres Thema zukunftsentscheidend ist: "Es geht darum, den Lehrerberuf attraktiver zu gestalten. Dazu müssen wir einen Pakt schnüren, um geeignete Lehrkräfte langfristig für den Beruf zu begeistern, gute Arbeitsbedingungen zu ermöglichen und Bildungsqualität nachhaltig zu sichern. Dazu gehöre auch, Verwaltungsballast von Lehrern zu nehmen, damit diese sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können: Guten Fachunterricht und pädagogische Arbeit.

Auch schwächere Schüler erfolgreich ansprechen

Aber kann die digitalisierte Schule überhaupt der Heilsbringer sein, den viele geradezu herbeireden? "Der Trend zur Digitalisierung in allen Lebensbereichen ist eindeutig", sagt Hans-Stefan Siller, Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Würzburg. Gleichzeitig dürfe man aber auch nicht die ursprünglichen Aufgaben von Schule vergessen - also den Aufbau von Grundwissen und bestimmten Fähigkeiten. "Natürlich kann man einen sinnvollen Unterricht auch an der Kreidetafel anbieten. Aber die Schülerschaft wird immer heterogener, und da kann es durchaus sinnvoll sein, Themen anders anzugehen, um die gesamte Breite einer Klasse abzudecken." Sprich: auch schwächere Schüler so gut wie möglich anzusprechen.

So sei es durchaus hilfreich, einen Körper, der im Raum betrachtet werden soll, mit digitalen Medien darzustellen. "Das ist mit Kreide sehr viel schwieriger." Wobei neue digitale Lerninhalte gleichzeitig auch Mehraufwand für Lehrer bedeuten dürften. Und dass es sich digital wie von selbst lernt, ist vielleicht auch eher eine Wunschvorstellung: "Sobald das iPad als Arbeitsgerät gesehen wird, verliert es oft an Attraktivität", weiß Hans-Stefan Siller. Hier komme es dann eben vor allem wieder darauf an, wie attraktiv ein Lehrer den Unterricht gestaltet.

Technische Ausstattung alleine ist zu wenig

"Ein digitales Schulbuch, das immer auf einem aktuellen Stand ist, hat sicherlich seine Vorteile - zum Beispiel lassen sich Experimente zeigen, die man so in der Klasse nie darstellen könnte", sagt Professor Andreas Breiter, Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Informationsmanagement Bremen. "Digitale Inhalte bieten mehr Möglichkeiten als das, was wir bislang an Schulen hatten. Dieses Potenzial nicht zu nutzen wäre schon fahrlässig." Gleichzeitig ändere es aber nichts, Schulen nur technisch auszustatten.

"Wenn ich meinen Unterricht am Whiteboard so mache wie vor 100 Jahren an der grünen Tafel, dann bringt das niemanden weiter", so Breiter, "wenn ich aber als Lehrer darüber nachdenke den Unterricht zu ändern, dann schon." Lernvideos im Unterricht oder für die Hausaufgaben: Für viele Schüler kommt das ohnehin erst dann in Frage, wenn die nötigen Ausstattungen auch da sind. Und wenn die Frage nach entsprechenden Lehrerausbildungen und -fortbildungen geklärt ist - und viele weitere Inhalte zur digitalen Schule ebenso. Bleibt also noch Gelegenheit, alle Problemfelder rund ums Thema Schule aufzugreifen - vielleicht einmal ineinander greifend und sich sinnvoll ergänzend. Und vielleicht auch mit solcher Vehemenz wie aktuell bei der Diskussion zwischen Bund und Ländern um den Digitalpakt.

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