Angriff auf das menschliche Hormonsystem

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Risiko Umwelthormone - Angriff auf das menschliche Hormonsystem

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Viele hormonaktive Chemikalien und Kunststoffe stehen im Verdacht, Krankheiten wie Krebs oder Übergewicht zu begünstigen. Dennoch lehnt die EU generelle Verbote ab.

Die schöne neue Plastikwelt mag praktisch sein. Aber sie birgt auch unkalkulierbare Gesundheitsrisiken. Denn Plastiktrinkflaschen, Kinderspielzeug und Kosmetika enthalten chemische Substanzen, die auf unser Hormonsystem einwirken.

Mittlerweile sind sie in der Luft, im Boden sowie im Wasser nachweisbar. Diese  Umwelthormone - sogenannte endokrine Disruptoren - greifen auf Zellebene in den Stoffwechsel ein, indem sie sich wie körpereigene Hormone verhalten. Mehr als 800 dieser hormonaktiven Substanzen hat die Weltgesundheitsorganisation WHO identifiziert. Diese seien noch immer nicht ausreichend reguliert, kritisiert Hubert Weiger, Präsident des Naturschutzbundes BUND. "Wir haben die Bevölkerung mit dem höchsten Umweltbewusstsein, die aber gleichzeitig den meisten Chemikalien schutzlos und ohne Information ausgesetzt ist", betont er.

Schwerwiegende Folgen besonders für Kinder

Das kann schwerwiegende Folgen haben. Denn schon länger häufen sich die Indizien, dass endokrine Disruptoren ein Faktor für Übergewicht und Fettleibigkeit sind. Vor allem während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit greifen die Substanzen in die Entwicklung ein. Bei Kindern verändern Umwelthormone nicht nur die Anzahl der gebildeten Fettzellen, sondern auch die Art und Weise, wie der Körper Nahrung verarbeitet - und zwar dauerhaft. Das begünstigt im späteren Leben Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes 2 und das Schlaganfall-Risiko.

In der westlichen Welt ist jeder zweite Erwachsene übergewichtig,  jeder sechste fettleibig. Seit dem Jahr 2000 steigt das durchschnittliche Geburtsgewicht von Babys kontinuierlich an. In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Dicken verdoppelt. Das liegt zwar auch an ungesundem Essen und einem bewegungsarmen Lebensstil - aber eben nicht nur.

Besonders in der Kritik: Phtalate und Bisphenol-A

Wissenschaftliche Studien an Labormäusen, Fröschen oder Schnecken haben immer wieder gezeigt, dass die Tiere trotz gleichbleibendem Futterangebot zehn bis 15 Prozent schwerer wurden als Artgenossen, die den Substanzen nicht ausgesetzt waren. Auch beim Menschen wirken Umwelthormone ganz ähnlich. Dabei genügen schon kleinste Mengen, um die Körperfunktionen zu stören. Besonders in der Kritik stehen Plastik-Zusatzstoffe wie Phtalate oder Bisphenol-A.

Studien belegen zudem, dass endokrine Disruptoren eine Vielzahl weiterer Krankheitsbilder mitverursachen. Dazu zählen unter anderem Immunerkrankungen wie Asthma und Neurodermitis. Am Helmholtz-Institut in Leipzig läuft dazu seit 2008 eine Langzeitstudie namens LINA. Über 600 Mutter-Kind-Paarungen nehmen daran teil.

Neurodermitis und Übergewicht bei Kindern

Die Biologin Gunda Herberth untersucht Weichmacher in Plastik auf ihre hormonaktive Wirkung und erhebt bereits während der Schwangerschaften Daten. Die Bilanz ist ernüchternd: Bei allen Studienteilnehmern wurden Rückstände von Phthalaten im Blut nachgewiesen.

Herberths Fazit: "Ungefähr 15 Prozent unserer Studienkindern haben eine Neurodermitis entwickelt und 10 Prozent der Kinder haben Asthma. Die Phthalatkonzentration bei den Müttern in der Schwangerschaft hatte einen starken Einfluss darauf. Die Kinder von Müttern, die höher mit Phthalaten belastet waren, entwickelten im ersten bis zum dritten Lebensjahr eher eine Neurodermitis."

Auch Krebstumore stehen im Fokus

Auch Krebs steht im Fokus der Wissenschaftler. Sie beobachten, dass einige Tumore immer häufiger bei Jugendlichen wachsen, die als Babys und Kleinkinder besonders vielen hormonwirksamen Substanzen ausgesetzt waren. Endokrinologe Josef Köhrle von der Charité Berlin: "Es werden zurzeit drei Tumorarten hauptsächlich untersucht: Das sind zum einen Brust- und Prostatakrebs, aber auch Uteruskarzinome sowie Schilddrüsenkarzinome."

Wegen der langen Zeitspanne bis zum Auftreten von Krankheiten ist der kausale Zusammenhang mit endokrin wirksamen Chemikalien nur schwer nachzuweisen. Studien wie LINA laufen über viele Jahre. Dementsprechend lange dauert es, bis Verbote ausgesprochen werden. 

Keine umfassenden Verbote

Zwar lehnte das EU-Parlament im Januar 2018 ein generelles Verbot ab. Frankreich und Dänemark erließen jedoch bereits 2010 erste Verbote für Bisphenol-A. In Deutschland darf Bisphenol A seit 2011 nicht mehr für Babyzubehör wie Flaschen oder Schnuller verwendet werden. Doch das Verbot ist nicht umfassend - und auch Ersatzstoffe wie Bisphenol-S oder Tritan, die in Plastikflascheneingesetzt werden, sind hormonell aktiv.

Die Verwendung von Weichmachern hat die EU mehrfach eingeschränkt. Seit 2007 dürfen bestimmte Phthalate nicht mehr bei der Produktion von Babyartikeln und Kinderspielzeug eingesetzt werden. Auch bei Lacken, Farben und Kosmetika wurde ihre Verwendung eingeschränkt. Bei Lebensmittelverpackungen wurden die Grenzwerte gesenkt. Doch in Medizinprodukten und Medikamenten findet man Phthalate nach wie vor in hoher Konzentration, beispielsweise in Blut- und Infusionsbeuteln und Arznei-Kapseln. Und auch in vielen Sonnenschutzmitteln sind hormonwirksame Stoffe enthalten.

BUND: "Es gibt genügend Alternativen"

Die Wirkungsweisen von Umwelthormonen sind noch wenig erforscht. Der BUND-Vorsitzende Weiger fordert, die Lücken in der EU-Gesetzgebung zu schließen: "Wir haben genügend Alternativen. Wir können diese Stoffe beispielsweise aus den Kosmetika verbannen. Das führt natürlich zu höheren Herstellungskosten. Deswegen wird das von der Industrie abgelehnt. Aber wir bezahlen dafür letzten Endes mit unserer Gesundheit."

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